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Kultur

Filmkleinod "In den Gängen"

Wenn die Gabelstapler Walzer tanzen

Der Film der Woche: In einem kargen Großmarkt irgendwo im Osten entdeckt die Tragikomödie "In den Gängen" soziale Wärme. Franz Rogowski und Sandra Hüller bezaubern als Traumpaar der Warensortierer.

Foto: Zorro
Von Britta Schmeis
Mittwoch, 23.05.2018   17:44 Uhr

Ein Großmarkt ist nicht gerade ein Sinnbild für Heimeligkeit. Die endlosen Gänge, die riesigen Regale, der Geruch von Plastik und Pappe, das gellend kalte Neonlicht und hier und da ein Mitarbeiter in einem praktisch-widerstandsfähigen Kittel, der stumm vor sich hin Waren sortiert oder auch einen Gabelstapler durch die Gegend fährt. Und doch kann ein Großmarkt ein geschützter Raum sein. So wie in Thomas Stubers "In den Gängen".

In diesem Großmarkt irgendwo im Osten der Republik arbeiten Menschen, die in ihrem Leben ab und zu falsch abgebogen sind, von der Gesellschaft abgehängt wurden oder einfach kein Glück hatten. Die Routine und die Rituale dieses Großmarktes geben ihnen eine Heimat. Wenn es zur Nachtschicht zum Warensortieren geht, begrüßt Chef Rudi (Andreas Leupold) seine Mitarbeiter motivierend über die Lautsprecheranlage und legt eine seiner Lieblings-CDs ein. Zum Schichtende verabschiedet er sich per Handschlag von jedem Einzelnen.

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Tragikomödie "In den Gängen": Bierkisten und Kameradschaft

Christian (Franz Rogowski) ist der Neue in diesem Mikrokosmos. Er redet nicht viel, wie Kollege Bruno (Peter Kurth) ebenso feststellt wie "Miss Süßwaren" Marion (Sandra Hüller). Bruno bringt Chris das Staplerfahren in der Getränkeabteilung bei und wird ihm zu einem väterlichen Freund. Mit Marion entspinnt sich derweil zwischen Hochregalen, Kühltruhen und bei Automatenkaffee vor der Südsee-Fototapete im Sozialraum eine zarte Liebesgeschichte.

Freundlich und gebrochen

Um diese drei Figuren kreist Stubers Film, denen er - wie auch allen Randfiguren - mit großer Zuneigung begegnet. Chris hat eine dubiose Vergangenheit, die ihn in Gestalt zweier zwielichtiger Gestalten mit reichlich Alkohol im Einkaufswagen zwischen den Regalen einholt. In dem Großmarkt versucht er einen Neuanfang. Immer ein wenig linkisch und mit scheuem Blick spielt Rogowski diesen Chris. Nach Christian Petzolds "Transit" ist es bereits der zweite Film innerhalb kurzer Zeit, in dem der Shootingstar zu sehen ist. Ende April erhielt Rogowski für seine Rolle als Chris den Deutschen Filmpreis als bester Hauptdarsteller.

Bruno war einst Lastwagenfahrer für einen volkseigenen Betrieb, dann kam die Wende, danach die Pleite. Bruno ist froh, in dem Großmarkt einen Job gefunden zu haben. Die Freiheit als Fernfahrer vermisst er trotzdem irgendwie. Auch er ist ein schweigsamer Mann, den der großartige Peter Kurth so einfühlsam, freundlich und gebrochen spielt.


"In den Gängen"
D 2018
Regie: Thomas Stuber
Drehbuch: Clemens Meyer, Thomas Stuber nach einer Kurzgeschichte von Clemens Meyer
Darsteller: Sandra Hüller, Franz Rogowski, Peter Kurth, Andreas Leupold
Produktion: Sommerhaus Filmproduktionen, Departures Film et al.
Verleih: Zorro Film
Länge: 125 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 24. Mai 2018


Und Marion aus der Süßwarenabteilung? Zwischen den Regalen ist sie keck, flirtet mit Chris. Außerhalb des Großmarktes lebt sie mit ihrem Mann in einem adretten Einfamilienhaus. Glücklich ist sie nicht. Was sie dort hält oder was sie in den Großmarkt treibt, bleibt im Ungewissen. Vielleicht bedingt das eine das andere.

Thomas Stuber und sein Co-Drehbuchautor Clemens Meyer - es ist nach "Herbert", Stubers Spielfilmdebüt aus dem Jahr 2015, die zweite Zusammenarbeit der beiden -geben keine Antworten, stattdessen erzählen sie Geschichten von den Menschen, die füreinander einstehen in ihrem kleinen Universum. Da schaut Chef Rudi darüber hinweg, als Chris nach einer durchzechten Nacht Stunden zu spät zum Dienst erscheint, da wird zu Weihnachten gemeinsam gegrillt und sich trotz strikten Verbots aus dem Container mit den abgelaufenen Lebensmitteln bedient. Und da nimmt die ältere Kollegin Irina (Ramona Kunze-Libnow) Chris beiseite und redet ihm ins Gewissen: "Die Kleine mag dich wirklich sehr. Aber du darfst ihr nicht wehtun."

Kittel an, Tattoos weg

Und so lässt sich "In den Gängen" auch als außergewöhnlicher Ost-Film sehen: Die Mauern der DDR sind gefallen, nun suchen die Großmarktmitarbeiter hinter den Mauern, zwischen den Gängen Schutz vor der Außenwelt - und finden ihn. Inmitten des Konsumtempels herrschen Menschlichkeit und Kameradschaft.

Dabei sind es nicht so sehr die Worte, mit denen der Leipziger Stuber von dieser wundersamen Gemeinschaft erzählt, sondern die meisterhaft komponierten Bilder. Noch bevor das erste Wort gesprochen, die erste Figur aufgetreten ist, fährt die Kamera von Peter Matjasko durch die Gänge, folgt dabei den Gabelstaplern, ihre Bahnen ziehend, dazu der Donauwalzer von Johann Strauß. Was für ein Kontrast.

Ähnlich spannungsreich ist die Zärtlichkeit, die in der nüchternen Halle herrscht, die Kameradschaft in dem miefigen Frühstücksraum. Und die immer gleiche Einstellung von Chris, wie er zum Dienstbeginn seinen Kittel anzieht, den Kragen zurechtrückt, die Ärmel über die Tattoos an seinen Unterarmen zieht. Routine, die einengt und gleichzeitig Halt gibt.

"In den Gängen" ist ein ruhiger, lakonischer Film, der trauriger endet, als man es bei seinem verschmitzten Anfang vermutet hätte. Der es aber trotzdem schafft, aus einem unwirtlichen Ort einen Raum für Träume zu machen.

Im Video: Der Trailer zu "In den Gängen"

Foto: Zorro
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