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Kultur

Drama "A Ghost Story"

Kann das ewige Liebe sein?

Oscargewinner Casey Affleck spielt in "A Ghost Story" die meiste Zeit ein Gespenst - das klingt seltsam. Tatsächlich entwickelt sich um den stummen Geist ein wundervolles Liebesdrama.

Foto: Universal Pictures
Von
Mittwoch, 06.12.2017   17:01 Uhr

Durch den Abspann von "A Ghost Story" weht der Wind. Ein Zustand macht sich breit, der von allem entleert ist: vom Menschlichen und Zivilisatorischen, vom Materiellen und Ideellen, vom Willen und Handeln, vom Denken und Fühlen. Nur noch bewegte Luft, sonst nichts - ein ahistorischer, präzeitlicher Raum. Vom Ende her gesehen, läuft die im doppelten Sinne wundervolle Liebeserzählung von "A Ghost Story" auf ebendiesen Zustands hinaus: verräumlichte Ewigkeit.

C (Casey Affleck, "Manchester by the Sea") und M (Rooney Mara, "Carol") leben als Paar in einem Bungalow in der texanischen Provinz; in einem Haus, in das die Liebe zwischen ihnen regelrecht eingemauert ist, das durch all seine Elemente, Winkel und Wände hindurch ihre gemeinsame Geschichte repräsentiert.

Eben diese Geschichte ist es, die C an dieses Haus bindet. Genauso sagt er es, als zu Beginn des Films die Überlegung im Raum steht, gemeinsam aus- und umzuziehen. Das Haus ist ein Zeitspeicher, das Medium, durch das sich die Intimität kommuniziert, der Sinnträger dieser einen, bestimmten Liebesbeziehung.

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"A Ghost Story": Vom Winde verweht

Wie ernst und buchstäblich Regisseur und Autor David Lowery die Medialität dieses Hauses nimmt, sieht man bald: C stirbt bei einem Autounfall und kehrt als Wiedergänger mit einem Laken der Aufbahrungshalle über dem Körper wieder - als stummes Gespenst mit zwei ausgeschnittenen Löchern vor den unsichtbaren Augen, mit traurig-einförmigem Gang und ohne Sprechorgan, mit physischer Dichte, aber ohne weltliche Greif- und Sichtbarkeit. Empfindsam, aber unberührbar.

Lange Zeit sieht das Gespenst in der Folge zu, wie M verlassen weiterlebt, wie sie sich in Trauer zerbrechend an ihrem Bettlaken festkrallt, wie sie zur Türe hinein- und hinausgeht, Tag für Tag in überblendeten, zeitgefalteten Bildern. Wie sie - in der wohl brachialsten Szene des Films - am Boden sitzend auf einen Kuchen eindrischt, Stück für Stück heraushebelt und verschlingt, bis sie sich übergibt.

Die Abrissbirne donnert

Dann sieht C zu, wie M tatsächlich auszieht, das Haus leert und in Kisten verpackt, wie sie den Verbundenheitsraum räumt, als würde sie mit einem Besen durch die Vergangenheit kehren. Und letztlich sieht C, wie M eine Nachricht notiert, wie sie einen Zettel in eine Ritze im Türrahmen schiebt und anschließend die Öffnung mit Farbe überstreicht. M zieht die Türe hinter sich zu und geht - für immer, oder: nahezu für immer.

Sie hinterlässt das Haus als Träger einer eingemauerten Nachricht an den Gestorbenen unter dem Laken - ein Haus, in das bald eine Familie einzieht und wieder auszieht, in das andere Menschen einziehen und wieder ausziehen, durch das die Abrissbirne donnert, über das die Baggerwalzen rollen - stets in Anwesenheit des stummen Geistes.


"A Ghost Story"
USA 2017

Drehbuch und Regie: David Lowery
Darsteller: Casey Affleck, Rooney Mara, Will Oldham, Rob Zabrecky, Liz Franke
Produktion: A24, Universal Pictures
Verleih: Universal Pictures Germany
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 92 Minuten
Start: 7. Dezember 2017


Die Liebe ist für Lowery nicht einfach nur an die Idee geknüpft, dass ihre Kraft über den Tod hinausgeht, indem sie ein Gespenst hervorbringt und damit Brücken zwischen dem Dies- und dem Jenseits schlägt.

Vielmehr ist sie - und genau das macht "A Ghost Story" zu einem wahrhaft romantischen Film - an das bodenlose Drama des Noch-nicht-Gesagten gebunden. Und bodenlos ist dieses Drama, weil es nicht die eingemauerte Nachricht selbst ist, die dem Gespenst dieses Films den Existenzsinn gibt, sondern gerade ihre Unübermitteltheit.

Der Sinn dieser Liebesbeziehung über die Sphären von Leben und Tod hinweg steht und fällt mit dieser Botschaft, die da ist, zentimeternah, aber die seinen Empfänger nicht erreicht. Wenn wir C - den Finger gespreizt, das Laken spannend - dabei zusehen, wie er vergeblich und ewig am Türrahmen nach der Nachricht schabt, dann ist das nicht einfach ein Bild leidvoller Unzulänglichkeit. Vielmehr ist gerade das ein Bild für romantische Liebe schlechthin.

Über den Tod hinaus

Der Soziologe Niklas Luhmann hat sich in Bezug auf die romantische Liebe in seiner Studie "Liebe als Passion" einmal die treffende Frage gestellt, ob es nicht gerade in Intimbeziehungen einen Sinn gibt, der dadurch zerstört würde, dass man ihn zum Gegenstadt einer Mitteilung macht. Inkommunikabilität nannte er dieses Dilemma der Unvermittelbarkeit von Intimität.

"A Ghost Story" ist im Grunde die Verfilmung dieses Problems, seine Schönheit ist die Schönheit des Problems. Dabei geht es ausdrücklich nicht um das Scheitern der Liebeskommunikation durch die Trennung von Leben und Tod. Es geht, sehr viel positiver gedacht, darum, dass sich dieses Dilemma - zwischen dem Sinn einer Beziehung und dessen Mitteilbarkeit - bis in die Trennung von Leben und Tod hinein fortsetzt.

Tatsächlich hat Lowery eine bemerkenswerte und zutiefst romantische Vorstellung davon, was ewige Liebe sein könnte. Und wer das auf Anhieb nicht glaubt, der dürfte spätestens dann davon überzeugt sein, wenn einem im Abspann dieses Films die Ewigkeit um die Ohren fliegt.

Im Video: Der Trailer zu "A Ghost Story"

Foto: Universal Pictures
insgesamt 2 Beiträge
Akademiker11 06.12.2017
1. Etwas langatmig...
Ich habe den Film im enlischsprachigen Original gesehen und fand ihn von der Idee her recht gut gemacht aber auch teilweise zu langatmig. Einige Szenen haette ich gerne erweitert gesehen - z.B. ist es nicht klar, ob M auszieht, um [...]
Ich habe den Film im enlischsprachigen Original gesehen und fand ihn von der Idee her recht gut gemacht aber auch teilweise zu langatmig. Einige Szenen haette ich gerne erweitert gesehen - z.B. ist es nicht klar, ob M auszieht, um zu einem neuen Freund zu ziehen, der mal kurz in einer Szene in Erscheinung tritt. M tritt danach nicht mehr in Erscheinung. Dafuer ist die Szene mit dem Kuchen wie oben geschildert mit ca. 5 Minuten ununterbrochener Laenge fast unertraeglich langweilig. Die - leider auch - sehr kurzen Spukszenen sind zwar stilvoll umgesetzt, kommen aber auch zu kurz. Die Reisen zurueck in die Vergangenheit von C bis in der Gruendungszeit vor Bestehen des Hauses konnte ich nicht richtig zuordnen - sollten diese auf eventuelle Wiedergeburt hindeuten bei Tod des Maedchens und irggendeine Parallele zu M? Der Film laesst auch zum Schluss einige Fragen offen - nicht so ganz mein Ding, aber trotzdem sehenswert.
ClaudiaK 08.12.2017
2. Nicht "Romeo und Julia".
Allein diese Beschreibung des Films lässt einen die Sprache verlieren... und demütig verstummen - vor der Ewigkeit der Liebe...
Allein diese Beschreibung des Films lässt einen die Sprache verlieren... und demütig verstummen - vor der Ewigkeit der Liebe...
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