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Kultur

Heavy Metal im Kino

Größenwahn und Pommesgabeln

Zweimal Metal: Das Band-Roadmovie "Heavy Trip" veralbert Klischees, "Lords of Chaos" basiert auf wahren Begebenheiten und handelt von einem Mord in Norwegens Black-Metal-Szene - humorvolle Momente gibt es aber auch hier.

Ascot Elite
Von
Donnerstag, 10.01.2019   17:49 Uhr

Zwei Filme, zweimal geht's um Metal - das war es aber auch schon mit den Parallelen zwischen der Komödie "Heavy Trip" und dem Horror-Thriller-Drama "Lords of Chaos".

"Lords of Chaos" blickt zurück auf die Neunzigerjahre: In Norwegen brannten Kirchen, Bands prahlten mit dem Satanskult, und am Ende starben Menschen. Mittendrin in diesem Chaos steckten die Helden einer Musikszene, die von vielen Fans verehrt wurden. Es waren die düsteren Zeiten des Black Metals.

Der Film basiert auf wahren Begebenheiten und rückt zwei der Protagonisten von einst in den Mittelpunkt: Øystein "Euronymous" Aarseth und Kristian "Varg" Vikernes. Sie waren Konkurrenten, irgendwie auch Freunde, zwischenzeitlich sogar Bandkollegen und schließlich, am 10. August 1993, Mörder und Opfer.

In den Achtzigern hatte Euronymous (Rory Culkin) Mayhem mitgegründet, eine der prägenden norwegischen Metal-Bands der frühen Neunziger. Er selbst bezeichnet sich als Erfinder des "wahren norwegischen Black Metals".

Konkurrenz und jugendlicher Größenwahn

In seinem Film zeigt Regisseur Jonas Åkerlund den Gitarristen als jungen Mann mit großem Ego. Seiner Band gelingt jedoch erst der Durchbruch, als sie mit dem depressiven Per "Dead" Ohlin (Jack Kilmer) einen Frontmann bekommt, der auf und neben der Bühne vor nichts zurückschreckt: Er ritzt sich die Arme auf, schnüffelt an toten Tieren und wirft Schweineköpfe ins Publikum. Doch schon bald begeht er Suizid.

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"Lords of Chaos": Die düsteren Zeiten des Black Metal

Den Tod seines Bandkollegen nutzt Euronymous zu PR-Zwecken und gründet kurz darauf einen Plattenladen, der zum Treffpunkt der Szene wird. Dort geriert er sich als Anführer und muss zugleich merken, dass er mit der Kreativität, der Brutalität und dem Wahnsinn seines Konkurrenten Varg Vikernes (Emory Cohen) von der Band Burzum nicht mithalten kann. Um nicht von ihm überflügelt zu werden, holt er seinen Kontrahenten als Bassisten zu Mayhem. Ein Schritt, der das Drama nicht verhindern kann.

Mit der Verfilmung des gleichnamigen Buchs von Michael Moynihan und Didrik Soderlind geht Åkerlund das Wagnis ein, Euronymous und Varg ein ungewolltes Denkmal zu setzen. Doch ihm gelingt es, den jugendlichen Größenwahn der Musiker in den Mittelpunkt zu rücken. Die Helden von einst wirken entzaubert, nicht überhöht.

Darf man über so etwas lachen?

Åkerlunds Vergangenheit als Musikvideoregisseur (unter anderem für Metallica, Rammstein und Madonna) und Metal-Schlagzeuger hilft ihm, sich der Subkultur in passender Bildsprache zu nähern. Mit Tempowechseln und Handkamerasequenzen vermeidet jenes Hochglanzdrama, das ihm im Internet von Metal-Fans schon vor Veröffentlichung des Films vorgeworfen wurde. Der Schwede hat den Film auf Englisch gedreht, aber liefert keinen Hollywood-Mainstream.

Und der Regisseur zwingt dem Zuschauer eine wichtige Frage auf: Darf ich im Kino lachen, wenn ein Film von echten Morden handelt? In diesem Fall muss die Antwort "ja" lauten. Denn die humorvollen Sequenzen helfen, die Unsicherheiten der Protagonisten und ihren jugendlichen Leichtsinn zu entlarven.

Zudem vermeidet der Film nicht das Grauen. Ausgiebig zeigt er die Gewalt der Musiker; die Kamera wendet sich nie ab: Wie sich Sänger Dead die Adern aufschneidet und in den Kopf schießt, wie Varg das Messer immer wieder in den Körper von Euronymous stößt - all das müssen die Zuschauer ertragen.

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"Heavy Trip": Vier Loser wollen auf die große Bühne

Bei der finnischen Komödie "Heavy Trip" wiederum müssen sich vor allem Metal-Fans fragen, wie viel sie ertragen können. Die Regisseure Juuso Laatio und Jukka Vidgren greifen in ihrem Langfilmdebüt so ziemlich jedes Metal-Klischee auf: Turo (Johannes Holopainen), Pasi (Max Ovaska), Lotvonen (Samuli Jaskio) und Jynkky (Antti Heikkinen) sind vier langhaarige Loser, die schwarze Klamotten tragen. Auch nach zwölf Jahren des Probens hat ihre Band Impaled Rectum noch keine Bühne betreten, weil den Freunden einfach kein eigener Song gelingt. Doch die vier haben ein Ziel: Sie wollen auf Norwegens größtem Metal-Festival spielen.

Ein abstruser Roadtrip

Immer dann, wenn sich der Film dem Bandleben widmet, entstehen die besten Szenen: Wenn die Freunde neidvoll auf den schmierigen Tanzmusiker Jouni blicken oder sich stümperhaft selbst vermarkten ("Wir machen Symphonic-Post-Apocalyptic-Reindeer-Grinding-Christ-Abusing-Extreme-War-Pagan-Fennoscandian-Metal") - Probleme, die jede Newcomerband kennt.

Leider setzen Laatio und Vidgren zu wenig auf die vier Musiker. Stattdessen tauchen immer wieder neue Charaktere auf, die stark überzeichnet wirken. So verirrt sich die Handlung in einem abstrusen Roadtrip.

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Jukka Vidgren, Juuso Laatio:
Heavy Trip

Studio: 99999 (Alive); 15,99 Euro (DVD); 14,99 Euro (Blu-ray)

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Dabei bietet Impaled Rectum ausreichend Potenzial: Bassist Pasi kann sich zum Beispiel an alle Lieder erinnern, die er jemals gehört hat. So enttarnt er jedes Gitarrenriff nach drei Tönen als Plagiat, weshalb der Band einfach kein eigenes Lied gelingen will. Und Sänger Turo ist einfach zu schüchtern für eine Karriere als Frontmann. "Kennt ihr das, wenn einem keine schlagfertige Antwort einfällt?", fragt er gleich zu Beginn des Films, "Das geht mir ständig so."

Ein Problem, das nicht nur Turo betrifft. Auch dem Drehbuch von "Heavy Trip" geht es so. Für einige Lacher reicht es trotzdem.


"Lords of Chaos" läuft im Rahmen der "Fantasy Filmfest White Nights" an folgenden Terminen im Kino: 12.01. Hamburg, 13.01. München, 19.01. Berlin, 19.01. Nürnberg, 19.01. Stuttgart. 20.01. Köln, 20.01. Frankfurt; weitere Kinoeinsätze sollen im Februar folgen.
"Heavy Trip" läuft vom 10. bis 12. Januar deutschlandweit in ausgewählten Kinos, ab dem 1. März ist der Film auf DVD und Blu-ray erhältlich.

insgesamt 23 Beiträge
freddykruger 10.01.2019
1. Lords Of Chaos
Neben Metalcore und New Metal ist Black Metal besonders verhasst bei mir. Es gibt im Metal wohl kaum eine andere Strunzdumme und von Faschos durchsetzte Szene wie die des Black Metal. Aber auch hier gibt es Ausnahmen und das sind [...]
Neben Metalcore und New Metal ist Black Metal besonders verhasst bei mir. Es gibt im Metal wohl kaum eine andere Strunzdumme und von Faschos durchsetzte Szene wie die des Black Metal. Aber auch hier gibt es Ausnahmen und das sind für mich ausschließlich Bands der 80er. Venom, musikalisch bis heute wohl ehr auf Schülerband Niveau. Die haben die Sache mit dem Satanismus nie ernst genommen und ironisch verpackt. Mehr mit dem zwinkerden Auge. Die anderen waren Celtic Frost. Musikalisch hervorragend. Noch heute nerv ich meine Nachbarn mit Circle Of The Tyrants. Was dann ab Anfang der 90er aus Skandivavien hier rüberheschwappte, war mehr als unterirdisch. Die haben das mit dem Satanismus verdammt ernst und humorlos genommen und auch zu einer Pseudoideologie gemacht. Peinlich und zum Fremdschämen. Ich hab den Film zwangsläufig noch nicht gesehen. Ich werd ihn mir ansehen weil ich mir denke das der Filmemacher den ganzen Irrsinn ganz gut auf den Punkt gebracht hat. Meine bestätigten Vorurteile gegenüber Black Metal Fans und Bands habe ich heute noch, die sind zu blöd um im Schnee ein Loch zu pinkeln, aber zum Sieg Heil rufen reicht es.
mariomeyer 11.01.2019
2. @freddykruger
Lustige Idee, Burzum und Mayhem in einen Black-Metal-Topf mit Venom und Celtic Frost zu werfen. Chapeau! Aber wenn man das schon macht, sollte man es richtig machen - und "Hell awaits" ganz oben auf die Liste setzen. [...]
Lustige Idee, Burzum und Mayhem in einen Black-Metal-Topf mit Venom und Celtic Frost zu werfen. Chapeau! Aber wenn man das schon macht, sollte man es richtig machen - und "Hell awaits" ganz oben auf die Liste setzen. Aber jetzt mal Spaß beiseite: Viel, viel schlimmer als die bereits genannten "ideologischen" Aspekte des "modernen" Black Metals (also Anfang der Neunziger) fand ich persönlich (einfach weil es mich tatsächlich direkt betroffen hat, denn im Grunde war und ist es mir egal, was hinter den sieben Bergen mit den sieben Zwergen passiert) den "Sound" (wenn man das so nennen will), den gerade die Black-Metal-Sachen damals praktisch alle hatten. Das war nicht mein Ding. Wobei ich "Storm of the Light's Bane" von Dissection immer sehr hip fand, auch weil da der Sound stimmte (und über die man, wie ich gerade bei Wikipedia gesehen habe, auch einen abendfüllenden Film machen könnte), und "Hallowed be thy Name" von Cradle of Filth darf eigentlich auch auf keiner Party fehlen. Ach ja, die Version von Obituary von "Circle of the Tyrants" ist um Längen besser als das Original. Meine Meinung. Da freuen sich vielleicht auch die Nachbarn. P.S.: Ich würde mir eher keinen der beiden Filme ansehen. Die Hintergründe zu "Lords of Chaos" kenne ich bereits (und interessieren mich auch nicht besonders), und die Handlung von "Heavy Trip" klingt einfach gar zu albern.
jazcoleman 11.01.2019
3.
dumm halt nur, dass die meisten bm-bands der "2. welle" sich explizit vom satanismus distanzier(t)en, insofern ist ihre argumentation nicht schlüssig. und schade für sie, dass neueren black metal nicht verfolgen, da [...]
dumm halt nur, dass die meisten bm-bands der "2. welle" sich explizit vom satanismus distanzier(t)en, insofern ist ihre argumentation nicht schlüssig. und schade für sie, dass neueren black metal nicht verfolgen, da gibt es viele interessante bands, die nix mit nsbm zu tun haben. der letzte satz richtet sich auch von selbst, alle bm-fans in einen topf zu werfen ist eigentlich per se auch faschistisch... p.s. venom war nie black metal und celtic frost haben diesen moniker auch immer abgelehnt.
Schimanski 11.01.2019
4. Heavy Trip
Gestern gesehen. Anfangs etwas schleppend, dann aber dreht der Film richtig spaßig ab. Z.T. schön politisch unkorrekt wird mit Klischees gespielt. Herrlich erfrischend bei all dem Einheitsquatsch, der zwölftausendsten [...]
Gestern gesehen. Anfangs etwas schleppend, dann aber dreht der Film richtig spaßig ab. Z.T. schön politisch unkorrekt wird mit Klischees gespielt. Herrlich erfrischend bei all dem Einheitsquatsch, der zwölftausendsten Fortsetzung von irgendwas und dem überkorrekten Gehabe heutzutage. Hat uns mehr Freude bereitet als 95% des Hollywood Quatsches des letzten Jahres. Ist aber nichts für "krasse" Metal Freaks, die sich selbst zu ernst und wichtig nehmen.
freddykruger 11.01.2019
5. @mariomeyer
Nö, ich hab Burzum und Mayem nicht in einen Topf mit Venom und CF geworfen. Aber Celtic Frost und Venom waren wichtige Wegbereiter für die ganzen Skandinavischen Pandafressen Bands. Bei Obituary sind wir uns aber einig, die [...]
Nö, ich hab Burzum und Mayem nicht in einen Topf mit Venom und CF geworfen. Aber Celtic Frost und Venom waren wichtige Wegbereiter für die ganzen Skandinavischen Pandafressen Bands. Bei Obituary sind wir uns aber einig, die Coverversion von Circle Of The Tyrants ist um einiges besser.

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