Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

"Minority Report"

Leblos funkeln die Effekte

Beeindruckend, aber mau: Steven Spielbergs Zukunfts-Thriller "Minority Report" ist ein perfekt komponiertes Zitaten-Sammelsurium der Popkultur des 20. Jahrhunderts. Bei aller cineastischen Virtuosität gelingt es dem Film jedoch nicht, auf anderer Ebene zu begeistern - weder als Krimi noch als Gesellschaftskritik.

Von Oliver Hüttmann
Freitag, 04.10.2002   16:33 Uhr

Arthur, Dashiell, Agatha. So heißen die drei Menschen, die in einem runden Wasserbassin dahin dämmern. Wie Synchronschwimmer bilden sie die Form eines Fixsterns, ihre Köpfe sind durch Drähte mit einem Computer vernetzt. Das stumme Trio hat hellseherische Fähigkeiten, die gentechnisch präzisiert wurden. Ihre Prophezeiungen visualisieren sich als Splitter auf einem riesigen gläsernen Bildschirm, wo sie zu einem logischen, chronologischen Szenario kombiniert werden. Nur wenn alle drei gleichzeitig eine Vision haben, passen die einzelnen Hinweise zusammen. Dann wird ein Mord geschehen.

Die drei Orakel, auch Pre-Cogs genannt, sind im Washington D.C. des Jahres 2054 das Herzstück der präventiven Verbrechensbekämpfung. Wann immer ein Bürger eine Gewalttat begehen will, wird er vorher verhaftet. Manchmal auch in letzter Sekunde. Der einflussreiche Politiker Lamar Burgess (Max von Sydow) hat die Organisation namens Pre-Crime initiiert. Leiter dieser Spezialeinheit ist der Cop John Anderton (Tom Cruise). Seither ist die Mordrate in der US-Hauptstadt auf null gefallen. Nun ist geplant, Pre-Crime landesweit auszudehnen. Zuvor soll aber der arrogante Agent Witwer (Colin Farrell) für das Justizministerium das System auf mögliche Fehler überprüfen. Witwer, der es offensichtlich auf Andertons Job abgesehen hat, sagt: "Das System ist perfekt. Wenn es Fehler gibt, dann beim Menschen." Diese Philosophie gilt seit Ewigkeiten: vor allem aber in der immer dichteren Maschinenwelt, die schon unsere Gegenwart prägt, und letztlich auch für die menschlichen Pre-Cogs.

Fehlerhaft erscheint zunächst Anderton. Hinter der Besessenheit und Disziplin, mit der er an die Perfektion von Pre-Crime glaubt und sich ihr angepasst hat, ist er ein seelisches Wrack. Sein kleiner Sohn wurde vor Jahren ermordet, über den Kummer zerbrachen seine Ehe und er selbst. Nach dem Dienst schluckt er illegale Drogen und hockt im selbstmitleidigen Delirium einsam daheim vor holographischen Aufnahmen aus glücklichen Familientagen. Das ist auch Witwer nicht entgangen. Und so sind gleich zwei Indizienketten angelegt, als ausgerechnet Anderton von den Pre-Cogs als nächster Täter angekündigt wird. Der Mord soll nach 36 Stunden passieren. Angesichts Andertons innerer Labilität wäre ein Ausraster folgerichtig. Aber auch ein Komplott durch Witwer ist möglich.

Schnell stellt sich heraus, dass sich die drei Pre-Cogs keinewegs immer einig sind. Manchmal, erfährt Anderton, hat eines der Medien eine abweichende Vision der zukünftigen Tat, einen so genannten "Minority Report", der jedoch sofort aus den Aufzeichnungen gelöscht wird. Nur Agatha (Samantha Morton), die begabteste der drei Pre-Cogs, besitzt die Fähigkeit, die alternativen Bilder zu liefern. Anderton flieht mit ihr, um seine Unschuld zu beweisen - oder sein Schicksal doch noch zu ändern.

"Minority Report", das hat Steven Spielberg ständig betont, handelt von den Möglichkeiten und möglichen Manipulationen in einem Überwachungsstaat. Kameras überall, eingepflanzte Chips und elektronische Identifizierungen durch charakteristische Merkmale der Augeniris sollen hier totale Kontrolle garantieren. Doch dies ist nur ein vordergründiges Thema, das seinen futuristischen Thriller nach einer Kurzgeschichte des Science-Fiction-Autors Philipp K. Dick vorantreibt.

Dahinter geht es vielmehr um Identität und Perfektion. Jedes Detail und jeder Charakter spiegelt sich in einem anderen Aspekt des Films oder in denen anderer Filme. "Minority Report" ist ein monströses Konglomerat aus mäandernden Zitaten, Querverweisen, Rätseln, Referenzen, historischen Quellen und utopistischen Einfällen. Ein Dutzend Zukunftsforscher haben - wie Pre-Cogs - dem Perfektionisten Spielberg die Einzelteile für eine überwältigende Oberflächenschau geliefert. Der verzweigte Inhalt und die düstere Atmosphäre setzen sich hingegen zusammen aus klassischen Topoi des Film noir.

Beim Einsatz des Teams in der Eröffnungssequenz versucht ein Mann seine Frau und ihren Geliebten zu töten - mit einer Schere, so wie Grace Kelly in "Bei Anruf: Mord" einen von ihrem Ehemann gedungenen Mörder ersticht. Die Farben und Kulissen dieser Szene erinnern wiederum an "Der Mann, der zuviel wusste", ebenfalls von Hitchcock.

Arthur, Dashiell und Agatha sind auch die Vornamen der drei berühmtesten Krimiautoren Conan Doyle (Sherlock Holmes), Hammett (Sam Spade) und Christie (Hercule Poirot). Das Motiv vom perfekten Mord, aufgeklärt von einem noch perfekteren Detektiv, taucht in "Minority Report" in verschiedenen Variationen auf. Zuerst gilt es, den Mord an sich mit einem perfekten System zu verhindern. Zum anderen deutet sich an, es könnte ein Mord, der ja nur nach den Prinzipien der Pre-Crime-Behörde als gewiss gilt, für ein perfektes Verbrechen benutzt werden.

Auch Spielbergs System scheint perfekt - und doch kann man dessen Anfälligkeit schon am Anfang erahnen. Die Prozedur aus übersinnlicher Gabe und hochgezüchteter Technologie wirkt märchenhaft, wie ein Zauber. Wenn die Pre-Cogs eine Vision haben, rollt - wie bei einer Lotto-Ziehung - eine Kugel mit dem Namen des Täters durch eine Röhre. Auch die Orakelsprüche von Delphi hingen immer von - oft falschen - Interpretationen ab, ähnlich, wie hier die einzelnen Bilder der Pre-Cogs in einen Zusammenhang gebracht werden. Andertons Schicksal hängt letztlich davon ab, wie er die konfusen Bilder aus seiner unmittelbaren Zukunft analysiert und die Lücken füllt, die gleichbedeutend für die Schwachstellen des Systems stehen.

Anderton ist ein Seelenverwandter des "Blade Runners" Deckard. Ridley Scotts Klassiker des Sci-Fi-Thrillers, dessen Optik seither vielfach kopiert worden ist, basiert ebenfalls auf einer Vorlage von Dick. Um sich dem Zugriff seiner Kollegen besser entziehen zu können, lässt sich Anderton seine Augäpfel herausoperieren und ersetzen. Bei "Blade Runner" lassen sich die Replikanten, nahezu perfekte Maschinenmenschen, nur anhand einer Reaktion der Pupillen identifizieren. In einer Szene suchen die von Deckard gejagten Replikanten in einem eisigen Labor den Mann auf, der ihre Augen entwickelt hat. Anderton wird in einem verdreckten, fast tropisch anmutenden, wie von Gelbsucht befallenem Apartment behandelt, versteckt sich aber vor den Such-Sensoren kleiner Roboterspinnen in einer Wanne voll Eiswasser.

Spielberg hat noch etliche Dinge mehr in "Minority Report" verborgen, die bis hin zu Ingmar Bergman reichen, mit dem wiederum Max von Sydow viel gedreht hat. Dessen Rollenname verweist indes auf Anthony Burgess, Autor des Romans "Uhrwerk Orange", den Spielbergs väterlicher Freund Stanley Kubrick verfilmte. Und dann ist man auch schon bei "A.I.", Spielbergs letztem Film, angelangt. All dies ist eine unfassbare Virtuosität, ein Gesamtkunstwerk, der bisher größte cineastische Entwurf dieses Millenniums aus dem Geist der Populärkultur des 20. Jahrhunderts, ein ohne Zweifel perfekter Film.

Die eigene Identität hat Spielberg in diesem Sammelsurium allerdings verloren. Und trotz vieler Actionszenen, die Cruise gewohnt professionell ausführt, funktioniert "Minority Report" als Psycho-Thriller nur mau. Es fehlt die sadistische Konsequenz, mit der Spielberg einst "Duell" oder "Der weiße Hai" gedreht hat, oder auch die erschreckende Nähe und Kraft der Landungsszenen in der Normandie bei "Der Soldat James Ryan".

Aber vielleicht ist das nicht mehr zu erwarten von einem Regisseur, der nach 20 Jahren aus "E.T." digital die Waffen wegretuschieren ließ. Atemberaubend ist nicht die Spannung in der Story, sondern allein die Pracht der Effekte. Auch dank aller ästhetischer Parallelen, die Steven Spielberg selbst eingebaut hat, lässt sich "Minority Report" eher mit der zweiten "Star Wars"-Staffel seines Weggefährten George Lucas vergleichen: pompös, leblos, anmaßend. Und zu lang.

"Minority Report", USA 2002. Regie: Steven Spielberg; Drehbuch: Scott Frank, Jon Cohen; Darsteller: Tom Cruise, Max von Sydow, Colin Farrell, Samantha Morton, Tim Blake Nelson, Jessica Capshaw; Produktion: DreamWorks SKG, Cruise-Wagner Productions, Blue Tulip Productions, Amblin Entertainment, 20th Century Fox; Verleih: Fox; Länge: 145 Minuten; Start: 3. Oktober 2002

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP