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Kultur

Netflix-Produktion "Casting JonBenet"

Zombiehafte Zuckungen

1996 wurde in den USA eine Sechsjährige ermordet, der Täter ist bis heute nicht ermittelt. Die Netflix-Dokufiktion geht eigene, unkonventionelle Wege - mit gespenstischer Wirkung.

Netflix
Von
Samstag, 29.04.2017   19:18 Uhr

Vielleicht war es ja Santa Claus. Zumindest auszuschließen ist das nicht, wurde JonBenét Ramsey doch an Weihnachten des Jahres 1996 ermordet im Keller ihres Elternhauses aufgefunden und war doch er einer der Letzten, die das sechsjährige Mädchen lebend sahen.

Andererseits hat Santa gute Argumente gegen diese Verdächtigungen. Professionelle Weihnachtsmänner durchlaufen nämlich sogenannte "Backgroundchecks", müssen also entsprechende Führungszeugnisse vorweisen, um Weihnachtsmann sein zu dürfen. Tatsächlich ist es wahrscheinlicher, dass ein Angehöriger der Familie der Mörder ist. Vater John, Mutter Patsy oder der Bruder Burk.

Nur - wer hat dann den Erpresserbrief geschrieben? Den fand Patsy am frühen Morgen im Treppenhaus. Gefordert wird eine Lösegeldsumme von 118.000 Dollar für das scheinbar entführte Mädchen, das aber doch offensichtlich - wie Fußspuren im Schnee belegten - das Haus nie verlassen hatte. Versuchte die Familie, etwas zu vertuschen? Welche Rolle spielt John Mark Karr, ein ehemaliger Lehrer, der wegen des Besitzes von Kinderpornografie schon mehrfach vorbestraft wurde?

Bis heute ist der Mordfall, der sich vor über 20 Jahren in Boulder, Colorado, zutrug, ungeklärt. Bis heute ließ sich aus der Faktenlage keine konsistente kriminologische Gleichung ableiten. Was natürlich den allerwildesten Spekulationen Tür und Tor öffnete - zumal es sich bei dem Todesopfer um ein kleines Mädchen handelte, das barbiehaft zurechtfrisiert und in nationalfarbene Rüschen gepackt eine ganze Reihe Little-Miss-Wahlen gewonnen hatte. JonBenét war schon reichlich im öffentlichen Rampenlicht unterwegs gewesen.

Nun nimmt der doku-fiktionale Film "Casting JonBenet", der auf der diesjährigen Berlinale gezeigt wurde und jetzt auf dem VoD-Dienst Netflix zu sehen ist, den Fall neu ins Visier. Und zwar auf äußerst spannende Art und Weise. Weil die Gleichung nie aufging, schlägt die australische Regisseurin Kitty Green ein alternatives, experimentelles Modell vor.

Für eine angebliche Spielfilmadaption des Falls treten verschiedene Personen vor ihre Kamera, um sich für die einzelnen Rollen zu bewerben. Es handelt sich durch die Bank um Laiendarsteller, um Menschen aus dem lokalen Umfeld der Ramseys. Einige stammen aus der direkten Nachbarschaft, andere sind unmittelbar mit dem makabren Sensationsmythos vertäut, der von Boulder aus damals die gesamten USA überzog.

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"Casting JonBenet": War es der Weihnachtsmann?

Jede und jeder von ihnen hat eigene Thesen zum Hergang des Mordes; jede und jeder hat eigene Erinnerungen und Berührungspunkte an und mit der Tragödie von 1996; jede und jeder hat ein eigenes, persönliches Qualifikationsprofil für die zu vergebenen Rollen. Im Zentrum dieses Films steht also nicht so sehr die Frage, wer am Ende der Mörder war, sondern - und hier beginnt das rechnerische Experiment - wer am Ende die Rolle kriegt.

Eine performative Problematisierung der Verdächtigen

Es gibt also etwas zu gewinnen in diesem Film. Manche Sieger sehen wir in einzelnen, sauber kolorierten Breitbildsequenzen, das heißt, in einzelnen Spielfilmschnipseln. Beispielsweise den Darsteller des pädophilen John Mark Karr, der mit talentgebündelter, Hannibal-Lecter'scher Menschenfressermiene aus seiner Gefängniszelle stiert. Im Kontrast der Casting-Aufnahmen mit den Spielfilmszenen wird deutlich, wie sich Kitty Green dem Kriminalfall nähert.

Nämlich eben nicht über eine kriminologische Problematisierung der Indizien, wie das konventionellere Formate wie Netflix' "Making a Murderer" oder HBOs "The Jinx" anvisieren, wenn sie in den von ihnen verhandelten Verbrechen sämtliche Beweisstücke wieder hervorkramen und ihre Kameras über Gerichtsprotokolle gleiten lassen. Sondern über eine performative Problematisierung der Verdächtigen.

Es geht um das Schauspiel, das wiederum seine eigenen Indizien schafft, seine eigenen emotionalen und leiblichen Bezüge zum Tather- und Tatnachgang. Geschichte wird - so operieren Reenactments, also spielerische Nachstellungen historischer Ereignisse, meistens - synthetisiert, mit ästhetischen Verfahren neu verhandelt. Dadurch ändern sich ihre Variablen und damit mitunter die gesamte Kalkulation.

Im Video: Der Trailer zu "Casting JonBenet"

"Casting JonBenet" - genau darin unterscheidet es sich von den meisten True-Crime-Formaten - denkt den Fall nicht von hinten, von seiner Auflösung her. Er ist die stets ergebnisoffene Verrechnung einzelner Weisen, sich performativ zu ihm zu verhalten. So wird das Verbrechen in diesem Film etwas völlig Neues, so erscheint es wie nachgezüchtet in einem Labor für ästhetische Ermittlungsarbeit.

Und das ist, wenn man es genau nimmt, eigentlich ein Skandal. Während viele Dokumentarformate versuchen, die Gespenster der Geschichte einzufangen, lässt dieser Film sie erst entstehen.

Ein Mann, der für die Rolle des John Ramsey vorstellig wird, bringt das einmal auf den Punkt: Im Grunde könne man es ja gar nicht wollen, in diesem Projekt eine Rolle zu bekommen. Wer wolle schon in eine der Häute schlüpfen, die sich vor 20 Jahren um die Körper dieser tragischen Akteure spannten? Andere haben da weniger moralische Zweifel, wollen einfach nur mitspielen, egal in welcher Funktion.

In solcher Spannung, solchen internen Beziehungen zu Rolle und Schauspiel, beginnt der Fall dann tatsächlich wieder wie ein grausiger Spuk lebendig zu werden. Immer wieder bricht er sich unmittelbar Bahn in die Realität: in die Gegenwart eines spielenden Körpers, einer mütterlichen Stimme beim Vorlesen eines Buches, einer gebrochenen Pose im Gerichtssaal.

Immer wieder entstehen unheimliche Momente, in denen ein Teil der Rechnung aufzugehen scheint, in denen sich im Körperspiel die verborgenen Schichten dieses Mordfalls freizulegen scheinen. "Casting JonBenet" wird so zu einer Art untotem Film. In den Schauspielerkörpern zuckt zombiehaft die Geschichte - in jedem auf seine Art, mit eigenem Ausdruck, eigener Glaubwürdigkeit: eigener Verdächtigkeit.

Und das Casting, dieses makabre Versprechen, dass es hier was zu gewinnen gibt, ist letztlich nichts anderes als das Aufspüren solcher Zuckungen, das ästhetische Ermitteln kleiner, aber umso gespenstischerer Zwischenergebnisse eines anderen, alternativen, ganz eigenen Rechenweges.

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