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Kultur

Flucht aus der bürgerlichen Enge

Lieber in Babel als daheim

Was passiert, wenn man abhaut? In Jan Speckenbachs Drama "Freiheit" verlässt eine Frau ihre Familie in Berlin und legt sich in Bratislava eine neue Identität zu. Über eine Suche nach dem Wesentlichen.

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Mittwoch, 07.02.2018   15:16 Uhr

Eine Frau verliert den Anschluss. Eben noch in einer Besuchergruppe im Kunsthistorischen Museum von Wien, bleibt sie im nächsten Moment allein zurück. Sie verweilt auf einer Bank, streift durch die Ausstellung. Aus dem Off setzt klagender Gesang ein, die Lamento-Arie aus einer Barockoper, als sie vor einem der Gemälde innehält: Pieter Bruegels "Turmbau zu Babel".

Das biblische Motiv wird am Ende des Films noch einmal eindrucksvoll in den Blick geraten, es erzählt von Selbstüberschätzung, vom blasphemischen Wunsch, dem Himmel mithilfe eines Bauwerks nahezukommen. Zur Strafe, so berichtet es das Alte Testament, habe Gott die Menschen fortan in unterschiedlichen Sprachen sprechen lassen und ihre Verständigung erschwert.

"Turmbau zu Babel" wäre ein passender Titel für Jan Speckenbachs von Melancholie durchdrungenes Drama gewesen, das unter dem großen Wort "Freiheit" in die Kinos kommt. Um beides geht es hier: um versagende Kommunikation wie auch um die Sehnsucht nach Selbstentfaltung.

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"Freiheit" von Jan Speckenbach: Ein neues Ich, ein neues Glück

Johanna Wokalek ("Der Baader Meinhof Komplex", "Hierankl") verkörpert jene Frau namens Nora, die nicht nur in der ersten Szene ausschert. Sie streift verloren durch eine fremde Stadt, wobei sie diese Verlorenheit zu suchen scheint. Sie lässt sich treiben, fährt mit dem Bus zur Endstation. Im Supermarkt flirtet ein junger Mann mit ihr, sie landen im Bett. Doch wer ist diese Frau, die überhastet aufbricht, als der One-Night-Stand ihren echten Namen erfährt?

Recht bald wird klar, was geschah. Nora ist abgehauen, ihrem Alltag entflohen, der Verantwortung als Mutter zweier Kinder, ihrem Mann, dem Job als Anwältin. Warum sie es tat, bleibt unklar.

Die Fremde wird zur Heimat

Dafür rollt der Film einen zweiten Strang aus. Wir lernen die Familie kennen, ein Milieu zwischen Cello-Unterricht und Volvo Kombi. Philip (Hans-Jochen Wagner), Ehemann, Anwalt mit moralischem Anspruch, allem Anschein nach ein liebevoller Vater. Das unerklärte Verschwinden seiner Frau bringt seine Welt ins Wanken, eine tiefe Verunsicherung erfasst sein Leben und auch das der Kinder.

Zur selben Zeit reist Nora von Wien nach Bratislava, kauft sich eine Perücke, probiert Identitäten aus: Petra heißt sie, Christine, schließlich stellt sie sich als Susanna aus Amsterdam vor, verdingt sich als Putzfrau. Sie freundet sich mit einer Slowakin an, ebenfalls mit zwei Kindern, die ihr Geld als Sexperformerin verdient. All das Neue saugt Nora begierig auf, die verwegenen Lebensentwürfe. Sie genießt die ihr fremde, unverständliche Sprache, die babylonische Verwirrung.


"Freiheit"
Deutschland, Slowakei 2017

Regie: Jan Speckenbach
Drehbuch: Andreas Deinert, Jan Speckenbach
Darsteller: Johanna Wokalek, Hans-Jochen Wagner, Andrea Szabová, Inga Birkenfeld
Produktion: One Two Films GmbH, BFILM; ZAK Film Productions UG; ZDF - Das kleine Fernsehspiel
Verleih: Film Kino Text/Filmagentinnen
Länge: 102 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Kinostart: 8. Februar


Speckenbachs Film wirft Fragen auf, ohne sie erschöpfend beantworten zu wollen - gerade das macht "Freiheit" zu einem klugen, unaufdringlichen Werk. Im Fokus steht die Frage nach dem Warum. Was machte es Nora derart unerträglich, ihr bisheriges Leben weiterführen zu können? So ratlos wie Nora ihre Familie zurücklässt, so ratlos hinterlässt Speckenbach seine Zuschauer. Daraus erwächst das Interesse an dieser von Johanna Wokalek wunderbar undurchsichtig angelegten Figur, die scheinbar alles hat und trotzdem einen radikalen Schritt wagt.

Neben dem Drang zur Selbstverwirklichung geht es in "Freiheit" um Haltungen zu Fremdheit (Philip vertritt als Anwalt einen rassistisch motivierten Gewalttäter). Von wem wird sie als Bereicherung empfunden, von wem als Bedrohung? Der Film liefert immer wieder vermeintlich nebensächliche Szenen, die dazu dienen, die Konturen der Figuren schärfer zu umreißen.

Vergessen, um neugeboren zu werden

Nebenbei ist "Freiheit" auch ein Film der Flüsse. Noch bevor das erste Wort fällt, ruht die Kamera auf einem Wasserlauf, darüber prangt der Satz: "Bevor die Seelen der Verstorbenen wiedergeboren werden, müssen sie aus dem Fluss Lethe trinken, um ihre Vergangenheit zu vergessen." "Lethe" ist das griechische Wort für "Vergessen", in der Mythologie ist das zugleich einer der Ströme der Unterwelt.

Nora wird angezogen von Flüssen, nicht zufällig wählt sie die Donaustädte Wien und Bratislava. Mehrfach sieht man sie am Ufer laufen, einmal das Flusswasser trinken. Und als ihr Mann sie in einer Rückblende fragt, wo sie denn so spät noch hinwolle, kurz bevor sie alles hinter sich lässt, da antwortet sie: "Raus, an die Spree."

Speckenbachs Film ist gespickt mit Anspielungen, mythologischen wie literarischen Verweisen. In seiner Heldin darf man eine Wiedergängerin der Nora aus Henrik Ibsesn "Puppenheim" vermuten, beide entfliehen der bürgerlichen Enge, verlassen Mann und Kinder. Allein: Ibsens Stück endet mit der Flucht, "Freiheit" denkt sie weiter und gerät auf diese Weise zu einem eigensinnigen, im besten Sinne rätselhaften Film über jenes Gedankenspiel, das wir wohl alle kennen: Was wäre, wenn wir einfach abhauten?

Im Video: Der Trailer zu "Freiheit"

insgesamt 5 Beiträge
gracie 08.02.2018
1. Zu eng....
.....war es bei mir auch. Nichts wie weg bevor ich ersticke war mein täglicher Gedanke. Das habe ich auch getan und zwar mit 17 Jahren, ich habe nicht gewartet bis Mann und Kinder da waren. Gott sei Dank, Teufel sei Dank oder [...]
.....war es bei mir auch. Nichts wie weg bevor ich ersticke war mein täglicher Gedanke. Das habe ich auch getan und zwar mit 17 Jahren, ich habe nicht gewartet bis Mann und Kinder da waren. Gott sei Dank, Teufel sei Dank oder Dank meinem Überlebensinstinkt ist eigentlich egal, Hauptsache irgend etwas hat mich da rauskatapultierter. Es war nicht immer einfach, aber es war jeden Moment davon wert. Was man mit 20 Jahren anstellt, geniest oder auch bereut, das alles kann man mit 40 nicht mehr nachholen.
D. Brock 08.02.2018
2. Zum x-ten Mal der selbe Film, zumindest das selbe Thema: ...
... Gutsituierte Frau verwirklicht sich selbst und schmeißt alles hin. Der Trend Filme mit diesem Thema zu machen stammt meines Wissens aus Frankreich. Tja, wenn das die Lebensweisheit sein soll, dann wäre es die logische [...]
... Gutsituierte Frau verwirklicht sich selbst und schmeißt alles hin. Der Trend Filme mit diesem Thema zu machen stammt meines Wissens aus Frankreich. Tja, wenn das die Lebensweisheit sein soll, dann wäre es die logische Konsequenz zukünftig keine dieser ach so beengenden Beziehungen einzugehen, oder? Beziehungen eingehen heißt sich in Freiheiten einzuengen! Neben allen mythologischen und sonstigen Anspielungen könnte die Botschaft ja auch sein: Werdet euch selbst erst mal klar, was ihr im Leben wollt, bevor ihr eine Beziehung mit Verantwortung eingeht. Und wenn ihr's auch nach 30 Jahren noch nicht wisst, dann lasst es halt ganz. Es wird allerdings gewichtet: Selbstverwirklichung um jeden Preis, Selbstverwirklichung über alles. Vielleicht wäre's die allerletzte Konsequenz: Übernehmt überhaupt NIE Verantwortung für irgendwas und verwirklicht Euch selbst, egal wie. Jede Verantwortung engt ein! Das ist allerdings eine solche Binsenweisheit, dass man sie kaum aussprechen muss. Wenn man also um keinen Preis "eingeengt" werden will, darf man schlicht keine Verantwortung übernehmen! Zu keinem Zeitpunkt für irgendwas! Dann lasst das gefälligst auch mit den Kindern, würde ich sagen, denn die brauchen Eltern, die sich dadurch nun einmal zwangsläufig in ihren Freiheiten einengen lassen müssen. Oder sind Kinder haben ein Teil der Selbstverwirklichung? Dann wird's besonders interessant: Wie verwirklichen die Kinder sich selbst, wenn die Eltern aufgrund ihrer Selbstverwirklichung keine Verantwortung übernehmen wollen/können? Ups.
silverbirch 08.02.2018
3. freiheit ist in uns
...ich auch, mit 17...und nur einem Rucksack und einer Gitarre,auf der Suche nach was eigentlich? Wenn man vor nicht aushaltbaren Zuständen davonläuft ist man nicht auf der Suche,zumindest nicht am Anfang.Es ist eher ein [...]
...ich auch, mit 17...und nur einem Rucksack und einer Gitarre,auf der Suche nach was eigentlich? Wenn man vor nicht aushaltbaren Zuständen davonläuft ist man nicht auf der Suche,zumindest nicht am Anfang.Es ist eher ein Realitätsschock mit so vielen Möglichkeiten und Lebensentwürfen konfrontiert zu werden.Die Suche beginnt später,und die Antworten auf die Fragen des Lebens kommen noch viel später und nicht von außen...ich würde keine Minute meine wilden freien Zeit vermissen wollen,so viele großartige Menschen,so viel schöne Musik,so viel gelernt...und festgestellt wie wenig man für ein großartiges Leben braucht.
wortgewalt87 08.02.2018
4. Nichts für mich
Hört sich sehr unerwachsen und verantwortungslos an. Vielleicht bin ich ein bisschen humorlos. Mit 17 ist so ein Verhalten ok, sogar wünschenswert, mit 37 einfach lächerlich. Der Unterschied zu Ibsens Nora ist, dass eine Frau [...]
Hört sich sehr unerwachsen und verantwortungslos an. Vielleicht bin ich ein bisschen humorlos. Mit 17 ist so ein Verhalten ok, sogar wünschenswert, mit 37 einfach lächerlich. Der Unterschied zu Ibsens Nora ist, dass eine Frau heute mit 17 ausbrechen und sich ausprobieren kann, bevor es ernst wird. Warum also sollte ich meine Zeit vertun, die Geschichte einer unreif Gebliebenen zu lesen?
donatellab 09.02.2018
5. Tiefgründig
Die bürgerliche Enge konnte ich schon als Kind nicht ertragen. Das Leben von der Stange meiner Eltern gefiel mir nicht. Sie waren unglücklich und gefangen, weil mehrere Kinder und Haus mit Garten ihre volle Aufmerksamkeit [...]
Die bürgerliche Enge konnte ich schon als Kind nicht ertragen. Das Leben von der Stange meiner Eltern gefiel mir nicht. Sie waren unglücklich und gefangen, weil mehrere Kinder und Haus mit Garten ihre volle Aufmerksamkeit forderten. Als wir Kinder erwachsen waren, nahm sich meine Mutter das Leben und mein Vater lebt bis heute im Alkoholrausch. Mein Leben habe ich anders gestaltet und fühle mich frei, kann aber auch gut verstehen, dass die Hauptdarstellerin ihre Familie verlässt. Ein Neuanfang muss immer möglich sein.
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