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Kultur

"Roma"-Regisseur Alfonso Cuarón

"Wir geben uns der Illusion von Fortschritt hin"

Mexiko-Stadt als politischer Mikrokosmos: Regisseur Alfonso Cuarón über den Gegenwartsbezug seines Films "Roma" und die Entscheidung, seinen autobiografischen Oscar-Favoriten an Netflix zu geben.

Netflix
Ein Interview von
Donnerstag, 06.12.2018   13:37 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Herr Cuarón, Sie haben Ihren neuen Film "Roma" in gestochen scharfen Schwarzweißbildern auf Breitwandformat gedreht. Er ist eine Augenweide auf der großen Leinwand. Trotzdem wird er nur vereinzelt im Kino zu sehen sein. Schmerzt das nicht?

Cuarón: Wir haben "Roma" zusammen mit der Produktionsfirma Participant Media gemacht und hatten jede Möglichkeit, den Film auf konventionelle Weise auf der ganzen Welt in die Kinos zu bringen. Aber schauen Sie, der Vertrieb eines sogenannten Arthouse-Films, der noch dazu nicht in englischer Sprache gedreht wurde und keine großen Stars hat, ist eine sehr komplexe Sache im Moment - und manchmal sehr limitiert.

SPIEGEL ONLINE: Also entschieden Sie sich, den Film vom Streamingdienst Netflix vertreiben zu lassen. Was genau ist der Vorteil?

Cuarón: Zunächst einmal eine große, sehr große Reichweite für ein stilles Schwarzweiß-Drama auf Spanisch. Zusätzlich gibt es eine Ausspielung im Kino. Nur sehr begrenzt, sicher. Aber das Marketing und die Werbekampagne entspricht dem eines großen Hollywood-Films.

Zum Film

Der spanisch-sprachiger Film "Roma" wird ab Donnerstag an wenigen Tagen in einzelnen Kinos zu sehen und ab dem 14. Dezember dann auf Netflix verfügbar sein. Er wurde bei den Filmfestspielen von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. "Roma", der nach Motiven des Lebens der Haushälterin von Cuaróns Familie gedreht ist, gilt als einer der Favoriten bei den Oscars 2019.

SPIEGEL ONLINE: Sie bekommen also mit Netflix das Beste aus alter und neuer Welt?

Cuarón: Sozusagen. Aber vergessen Sie bitte nicht: Wir müssen uns in heutiger Zeit Gedanken über die Langlebigkeit unserer Filme machen. Die hängt natürlich zuallererst von der Qualität ab, klar. Aber es gibt einen anderen, fundamentalen Aspekt, und der hat mit der Langzeitwirkung zu tun. Man muss darauf achten, dass ein Film nicht nach zu kurzer Zeit seinen Einfluss und seine Wirkung verliert. Denn die Spielzeit eines Films im Kino ist immer sehr begrenzt, egal wie erfolgreich er ist. Sie sind aus Deutschland, deshalb frage ich Sie: Wann haben Sie zuletzt einen Film von Murnau oder Fritz Lang im Kino gesehen?

Fotostrecke

"Roma": Zusammenhalt in unruhigen Zeiten

SPIEGEL ONLINE: Wenn überhaupt, dann wahrscheinlich in einer Filmfestival-Retrospektive. In jedem Fall ist es lange her.

Cuarón: Sehen Sie? Bei einem Streamingdienst haben Sie dauerhaft Zugriff. Das meine ich mit Langlebigkeit. Natürlich möchte ich "Roma" dem Publikum, das sich für den Film interessiert, am liebsten unter den besten Konditionen präsentieren, und das ist natürlich ein Kino mit großer Leinwand und einer Tonanlage, die unser atmosphärisches Sounddesign reproduzieren kann. Natürlich bevorzuge ich das! Aber gleichzeitig ist mir bewusst, dass sich Menschen heute nicht mehr so sehr für Kino interessieren oder schlicht keine Zeit haben, ins Kino zu gehen.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie denn zum Beispiel den Science-Fiction-Klassiker "Verschollen im Weltraum" zuletzt gesehen?

Cuarón: Hahaha, vermutlich zu der Zeit, als ich "Gravity" gemacht habe - und dann wieder vor kurzem, weil ich, wie Sie gesehen haben, eine Szene daraus für "Roma" verwendet habe. "Marooned" (so der Originaltitel des US-Films) war einer meiner Lieblingsfilme, als ich ein Kind war.

SPIEGEL ONLINE: Und von Ihrer Kindheit in Mexiko-Stadt handelt "Roma" ja auch. Man bekommt also Einblicke in den Bilder- und Kulturkosmos, der den späteren Filmemacher Alfonso Cuarón geprägt hat?

Cuarón: Ja, das ist unvermeidlich, weil er der erste und einzige meiner Filme ist, der wirklich autobiografisch ist. Alle Filme, die ich gemacht habe, auch "Gravity", sind auf ihre Weise persönlich, aber eher indirekt. In "Roma" kommen 90 Prozent der Szenen aus meiner eigenen Erinnerung. Ich reproduzierte das Zuhause meiner Kindheit, ich trug sogar einen Großteil der originalen Möbel zusammen, ich castete die Schauspieler so, dass sie so gut wie identisch mit meiner Familie zu Beginn der Siebzigerjahre wirken - bis hin zur Hauptfigur des Films, dem Kindermädchen Cleo. Wir drehten auch an den Originalschauplätzen, transformierten also das heutige Mexiko-Stadt in die Vergangenheit. Ich habe sogar genau dieselben Automodelle in die Straße parken lassen, die zu jener Zeit dort immer standen.

SPIEGEL ONLINE: …Bis hin zu dem riesigen Straßenkreuzer, den der Vater der Filmfamilie fährt.

Cuarón: Der Ford Galaxy, ja, natürlich. Er symbolisiert die Präsenz von Männlichkeit. Der Vater hat eine fast schon neurotische Manie, diesen riesigen Wagen akribisch einzuparken, ohne ihn zu beschädigen. Später, als die Mutter ihn zu Schrott fährt, hat das nichts damit zu tun, dass sie eine schlechte Fahrerin ist; sie zerschmettert einen Penis. Der Wagen hat aber auch eine sozialpolitische Bedeutung, denn es ist auf den ersten Blick klar, dass diese Luxuskarosse viel zu groß für die Hauseinfahrt ist, in die sie passen soll.

Im Video: Der Trailer zu "Roma"

Foto: Netflix

SPIEGEL ONLINE: Sie schildern Mexiko-Stadt zu Beginn der Siebzigerjahre als vibrierende, weltoffene Metropole, doch dann ereignet sich das Corpus-Christi-Massaker bei dem etwa 120 Demonstranten durch die Hand einer paramilitärischen Gruppe getötet wurden. Die Hoffnungen des Landes auf gesellschaftlichen Aufbruch zerbrechen an reaktionärer Gewalt. Was erzählt das über unsere politische Gegenwart?

Cuarón: Nun, ganz offensichtlich sind Klassengegensätze nach wie vor sehr aktuell, ebenso wie der perverse Zusammenhang zwischen Klasse und ethnischer Herkunft. Das gilt nicht nur für Entwicklungsländer, sondern auf der ganzen Welt. Die globale Migrationsdebatte wirkt da im Moment wie ein Vergrößerungsglas, und Mexiko ist, was das betrifft, wie ein Mikrokosmos.

SPIEGEL ONLINE: Was, glauben Sie, lief falsch in Ihrem Heimatland?

Cuarón: Was lief falsch in Mexiko? Da müssen Sie früh ansetzen. Wahrscheinlich beim Scheitern der theokratischen Gesellschaft der Azteken - und natürlich bei der Eroberung der Spanier im 16. Jahrhundert. Ich glaube, was überall auf der Welt immer wieder geschieht, ist, dass wir uns der Illusion hingeben, es könnte so etwas wie Fortschritt geben. Eine Szene von "Roma" spielt in einer glitzernden Prachtstraße mitten in Mexiko-Stadt. Sie ist ein Trugbild von Wohlstand und Zivilisation, das im Film einen Kontrast mit den sozialen Klassen- und Rassenunterschieden bildet. Diese Straße gibt es übrigens nicht mehr. Wir mussten sie komplett nachbilden.

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