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Kultur

Auto-Thriller "Steig. Nicht. Aus!"

Unterm Sitz die Bombe

Die deutsche Version von "Speed"? In "Steig. Nicht. Aus!" kämpft Wotan Wilke Möhring gegen einen Erpresser. Knallhartes Genrekino, das die Spannung hält - so lange, bis leider doch die Wirklichkeit zuschlägt.

NFP
Von
Donnerstag, 12.04.2018   08:51 Uhr

Er zuckt mit den Augen. Er zerteilt die Luft mit den Händen. Er reißt die Mundwinkel nach oben in einer Grimasse des Schmerzes. Er diskutiert, er argumentiert, er röhrt, er schreit, er weint. Wer sich wünscht, der deutsche Genrefilm möge sich lösen von den Ketten des Realismus, möge sich endlich die herzhafte Übertreibung zutrauen, der schaue Wotan Wilke Möhring ins Gesicht.

Sein Gesicht ist Möhrings schauspielerisches Material. Und Regisseur, Autor und Produzent Christian Alvart - einer der wenigen Genre-Routiniers, die das deutsche Kino und Fernsehen haben - wirft alles auf Karl Brendt, den Mann im Auto. Alles, was ein Mann ertragen kann und mehr.

Alvart streckt sich nach der großen Geste, dem großen Gefühl, nach ein wenig Spektakel, nach einer deutschen Variante von Jan de Bonts "Speed" - so könnte man meinen. Tatsächlich handelt es sich bei "Steig.Nicht.Aus" jedoch um ein Remake des spanischen Films "El desconocido" ("Anrufer unbekannt"), in dem ein Banker um Auto und Leben fürchten muss.

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Auto-Thriller "Steig. Nicht. Aus!": Ein Geheimnis mit Sprengkraft

Möhrings Karl Brendt ist ein "Fixer" einer Baufirma, also einer, der auf der schmalen Grenze zwischen Legalität und Illegalität das Unmögliche möglich macht. Eine mäßig sympathische Position, und das auch noch für einen mäßig sympathischen Typen. Möhring muss daher sein Leid herausbrüllen, muss versuchen, in der Überzeichnung Empathie zu erzwingen. Andererseits: Wer nicht treten kann und nicht schlagen und schon gar nicht weglaufen, der braucht auch wirklich ein Ventil. Denn Brendt sitzt auf einer Bombe.

Dampfkochtopf auf vier Rädern

Das jedenfalls sagt ihm ein anonymer Anrufer, als Brendt sich gerade auf den Weg gemacht hat, seine beiden Kinder Josefine (Emily Kusche) und Marius (Carlo Thomas) zur Schule zu fahren. Auch unter ihren Sitzen lagern Sprengsätze, sagt der Mann. Er will Geld, alles was auf dem Familienkonto ist - was sich schwierig gestalten wird, weil Brendt dazu erst seine Frau überzeugen müsste. Und dann sind da noch ein paar Hunderttausend Euro, für die Brendt seine Gesellschafter überzeugen müsste.

Kein Problem für einen Fixer, meint der Mann am Handy, der alles zu wissen scheint über Brendts Leben, seine Lieben und seinen Beruf. Offensichtlich hat Brendt sich einen Feind gemacht bei seinem Job. Und der Anrufer will noch mehr Geld. Brendt läuft die Zeit davon, und sein Dilemma wird irgendwann auch von der Polizei entdeckt. Bis dahin bildet das Auto eine Art fahrenden Dampfkochtopf, in dem Brendt als erster zu sieden beginnt.


"Steig. Nicht. Aus!"
Deutschland 2018
Drehbuch und Regie: Christian Alvart
Darsteller: Wotan Wilke Möhring, Hannah Herzsprung, Christiane Paul, Aleksandar Jovanovic, Emily Kusche, Carlo Thoma, Marc Hosemann, Fahri Yardim, Mavie Hörbiger
Produktion: Syrreal Entertainment, Traumfabrik Babelsberg, Studio Babelsberg, Telepol, ZDF
Verleih: NFP (Filmwelt)
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 109 Minuten
Start: 12. April 2018


Eine Verfolgungsjagd endet mitten auf dem Gendarmenmarkt - und nach ein paar Bildern, die diese satte Kulisse ausnutzen, schwingt Christoph Krauss seine Kamera durch, über und um die Szenerie. Es ist eine protzige Präsentation von Virtuosität, die sich die Filmemacher da erlauben, inklusive einer schwindelerregenden Kreisfahrt, wie sie Michael Ballhaus berühmt gemacht hat. Und ausgerechnet diese fließende, ungeschnittene Bewegung markiert eine Zäsur im Film.

Mehr Irrsinn

Hannah Herzsprung tritt als Sprengstoffexpertin Pia Zach auf den Plan. Sie ist die erste, die versteht, dass kein Irrer oder Terrorist da im Auto sitzt. Ihre Kollegen sind anderer Meinung. Zu viele Positionen gibt es nun, zu fahrig manövriert die Erzählung durch die Perspektiven - wobei die Innere, die der Personen im Auto, beinahe ganz preisgegeben wird.

Schließlich recken sich noch Hände und Plakate in die Höhe: Der demolierte Wagen muss sich mit seinen Insassen den Weg durch eine Demonstration bahnen. Da schlägt die Wirklichkeit dann doch zu bei Christian Alvart, der nicht zuletzt bei den umstrittenen Tschiller-"Tatorten" mit Til Schweiger bewiesen hat, wie wenig ihn diese Wirklichkeit beim Inszenieren doch eigentlich juckt.

Für den "Tatort" mag das ein Affront gewesen sein. Doch die Illusionsmaschine Kino weckt andere, größere Hoffnungen - auf mehr Irrsinn und mehr wüste Phantasie etwa. Die lassen sich hier dann doch ein wenig zu schnell zähmen.

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