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Kultur

Neo-Western "The Rider"

Jenseits der Cowboy-Klischees

Der Film der Woche: Ausgerechnet eine chinesische Regisseurin erzählt vom Leben im Herzen Amerikas. In "The Rider" sucht ein verunglückter Rodeoreiter nach Sinn jenseits des Sattels.

Weltkino
Von
Donnerstag, 21.06.2018   18:06 Uhr

Wer weiß schon etwas vom Leben und Alltag im Pine Ridge Reservat in South Dakota, wo mehr Menschen arbeitslos sind als in Arbeit und nur Wenige nicht an der Flasche hängen?

Ausgerechnet Chloé Zhao erzählt davon, obwohl sie in Peking geboren wurde. Dabei liegen nicht nur eine, sondern gleich zwei, drei, vier Welten zwischen diesem betonwüstenhaften Moloch und der Region im mittleren Westen der USA.

Trotzdem: Zhao nähert sich diesem ursprünglichen Amerika in "The Rider" gleichsam auf Zehenspitzen. Obwohl die Landschaft, die sich majestätisch vor der Kamera ausbreitet, nicht scheu ist. Sie liegt einfach da, bis zum Horizont.

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"The Rider": Raue Kerle in einer zärtlichen Geschichte

Nicht so die Menschen. Vielleicht arbeitet Chloé Zhao deshalb mit Laiendarstellern und baut Fiktionen auf dem Fundament der Wirklichkeit. So gibt sie dem Publikum die Möglichkeit, Klischees vom Cowboytum zu überdenken, eines Milieus also, in dem die Männer Tabak kauen, ihn in großen Propfen auf den Boden spucken und sich bei den Präsidentschaftswahlen zuverlässig für den republikanischen Kandidaten entscheiden, zuletzt 13 Mal in Folge.

Brady Jandreau spielt Brady Blackburn, einen Rodeoreiter, der sich nach einem Unfall beim Wettbewerb mit einer schweren Kopfverletzung zurück in ein Leben rappeln muss, das anders aussehen wird als zuvor. Diese Katastrophe ereignete sich wirklich, sie ist einmal im Film auf einem Smartphone zu sehen.


"The Rider"
USA 2018
Drehbuch und Regie: Chloé Zhao
Darsteller: Brady Jandreau, Tim Jandreau, Lilly Jandreau, Cat Clifford, Lane Scott, Terri Dawn Pourier
Verleih: Weltkino
Länge: 103 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 21. Juni 2018


Brady versucht es mit einem Job im Supermarkt, doch sein großes Talent liegt im Zähmen und Trainieren von Pferden. All das Geraune von Schicksal und Tradition, das sich einem solchen Filmstoff aufdrängt, die romantische Rückwärtswendung in die Einheit von Mensch, Tier und Umwelt säuselt auch durch die Bilder und Klänge dieser Erzählung.

Purer Kitsch könnte es zum Beispiel sein, als Brady nach einer Weile endlich wieder auf ein Pferd steigt, das ihn im Mondlicht auf einem Hügelgipfel zu erwarten scheint. Verhalten triumphierende Streicher begleiten seinen ersten Ritt nach dem Unfall. Aber eben dieser Triumph entsteht aus der Versagung, er strahlt umso heller, je karger Bradys Leben scheint, je nüchterner die Bildwelt, die es beschreibt.

Steppe und Gesichter, Weite und Intimität, Natur und Menschen bestimmen im Wechsel die Bilder. Rauh geht es zu rund ums Lagerfeuer, wenn Brady mit seinen Rodeokumpels quatscht, aber auch demütig und respektvoll. Eine Geschichte von Schmerz, Leid und Versagen hat jeder von ihnen parat, nur um gleich wieder in den Slang des Machismo zu verfallen: "In der NFL hätte man mich schon für tot erklärt", sagt einmal einer dieser Jungs, die härter sein wollen als die Harten. Und bei Lane, dem alten, coolen, legendären Lane, da kamen die Mädchen mit Namen an und gingen als Nummer wieder weg.

Szenen von exquisiter Zärtlichkeit

Lane Scott lebt schwerbehindert im Pflegeheim, sein Pferd hat sein Leben zerstört (in der Wirklichkeit hatte Lane Scott, tatsächlich einstmals ein erfolgreicher Rodeo-Athlet, einen schweren Autounfall). Gehen kann er nicht mehr, aber Brady hilft ihm auf den Sattel. Es sind Szenen von Zärtlichkeit; sie beschreiben die Höhepunkte in der Beobachtung eines Milieus, in dem die Bruderschaft, wie Chloé Zhao es beschreibt, die allzu oft abwesenden Eltern ersetzt.

Chloé Zhao erzählt in ihren Filmen von Cowboys und Indianern, das darf man ruhig wörtlich nehmen. Nur besteht dort keine Grenze mehr zwischen ihnen, auch Brady stammt von den Lakota ab. Die Regisseurin und Autorin zerrt diese historischen Figuren aus der Vergangenheit und aus den Schablonen der Genre-Phantasien. Es mag sein, dass dies auf den ersten und auch auf den zweiten Blick verführerisch authentizitätsbesoffen macht: Endlich sehen wir die Wahrheit!

Richtiger ist wohl: Wir sehen eine andere Wahrheit, die eigene der Protagonisten. Das Navigieren zwischen den Repräsentationsebenen kann auch Chloé Zhao dem Publikum nicht abnehmen, aber sie fügt, was selten genug geschieht, dem Heartland von Amerika eine neue Perspektive hinzu. Ihr nächstes Projekt: ein Biopic über Bass Reeves, den ersten afroamerikanischen Deputy Marshal der USA.

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