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Kultur

Siri Hustvedt auf der SPIEGEL-Bestsellerliste

"Die feministische Variante von Woody Allen"

Eine Künstlerin will den Sexismus im Kunstbetrieb enttarnen - mit "Die gleißende Welt" steht ein literarisch anspruchsvoller Roman voller neurotischer Figuren auf Platz neun der Bestsellerliste. Wir beantworten die entscheidende Frage: Und das soll ich lesen?

Marion Ettlinger

Autorin Hustvedt: Schreibt über herrlich neurotische Figuren

Von Maren Keller und
Montag, 15.06.2015   12:21 Uhr

An dieser Stelle nehmen wir uns jede Woche den wichtigsten Neueinsteiger, Aufsteiger oder den höchstplatzierten Titel der SPIEGEL-Bestsellerliste vor - im Literatur-Pingpong zwischen Maren Keller und Sebastian Hammelehle. Diesmal Siri Hustvedts Roman "Die gleißende Welt" über eine Künstlerin, die nach dem Tod eines Mannes ein gefährliches Spiel mit Masken beginnt.

Keller: Gute Nachrichten: So schlecht kann diese Welt gar nicht sein, wenn ein so feministischer, so nerdiger, so komplexer Roman wie Siri Hustvedts "Die gleißende Welt" genauso viel Erfolg hat wie Krimis aus Venedig oder Frankreich. Freut dich das nicht auch?

Hammelehle: Doch. Neben "Judas" von Amos Oz ist "Die gleißende Welt" das literarisch anspruchsvollste Buch, das in diesem Jahr auf der Bestsellerliste steht. Und ich finde, die Geschichte der Künstlerin Harriet Burden lässt sich hervorragend lesen, auch wenn Hustvedt sie aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt.

Keller: Ich würde statt "auch wenn" sogar "gerade weil" sagen. Der Erzählrahmen ist ein wissenschaftliches Werk über Burden. All die Interviews, Zeugenaussagen, Erinnerungen und Zeitungsberichte darin ergänzen sich nämlich wirklich gut. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich die Passagen aus Burdens Notizbüchern mit Abstand am liebsten gelesen habe und dabei fast mehr Sätze unterstrichen habe als jemals im Deutsch-LK. Zum Beispiel diesen aus Notizbuch A: "Die Griechen wussten, dass die Maske im Theater keine Verkleidung ist, sondern ein Mittel der Enthüllung."

Hammelehle: Die Masken, mit denen sich Burden in Hustvedts Geschichte tarnt, sind drei männliche Künstler, die Burdens Werk als ihr eigenes ausgeben. Damit will sie den Sexismus des Kunstbetriebs enttarnen. Den Plan finde ich nicht mal so überzeugend. Großartig aber ist Hustvedts Idee, dass Burden von einem anderen Künstler reingelegt wird, der das Spiel mit den Identitäten noch viel geschickter betreibt - und sie nicht nur beruflich, sondern auch privat betrogen hat. Auch das verbindet "Die gleißende Welt" mit "Judas": In beiden Büchern geht es um Verrat.

SPIEGEL-Bestseller-Listen

Keller: Dieser Machtkampf zwischen der zu kurz gekommenen Burden und dem mysteriösen Künstler Rune ist in der Tat ein Battle für die Ewigkeit. Ich fand allerdings die abstrakte Ebene dieses Romans mindestens genauso spannend: In welchem Verhältnis steht eigentlich die Persona des Künstlers zu seinem Werk?

Hammelehle: Und im Verhältnis zum Werk anderer? Eine der Pointen des Romans ist ja, dass es Burden unmöglich scheint, ihrem übermächtigen verstorbenen Mann zu entrinnen. Überhaupt ist "Die gleißende Welt" ein Roman mit herrlich neurotischen Figuren.

Keller: Mit herrlich neurotischen, gebildeten Figuren. Vereinzelt wurde Hustvedt deshalb sogar vorgeworfen, dass das Buch - gleich seiner Hauptfigur Harriet Burden - zu verkopft sei. Es stimmt ja auch, dass sie weder mit Fußnoten noch mit Zitaten von Philosophen noch mit Verweisen auf andere Werke spart. Schon der Titel stammt von einem Science-Fiction-Roman von Margaret Cavendish, die im 17. Jahrhundert gelebt hat und als eine der ersten Autorinnen unter ihrem eigenen Namen publiziert hat.

Hammelehle: Wenn das verkopft ist, dann bin ich Immanuel Kant. "Die gleißende Welt" ist ein herrlicher Gesellschaftsroman aus Manhattan. Auch wenn mir qua Geschlecht Feminismusdefinitionen eigentlich nicht zustehen, behaupte ich mal: die feministische Variante von Woody Allen.

Keller: Noch dazu mit einem so aufschlagkräftigen ersten Satz, dass man ihn erstens sofort unterstreichen möchte und zweitens in Zukunft erfreulicherweise niemand mehr die berühmte Grass-Phrase "Ilsebill salzte nach" anführen muss, wenn es in irgendeinem Zusammenhang um erste Sätze geht. Wenn sich also eine Frage gar nicht erst stellt, ist es wohl ausgerechnet diese: Und das soll ich lesen?

Hammelehle: Warum denn nicht? Zumal meine Antwort "Ja!" in diesem Zusammenhang sogar als Zitat von Molly Blooms berühmten Schlusswort aus James Joyce' "Ulysses " durchgeht. Welche bessere Reverenz könnten wir einem geistreichen, tiefgründigen und in der literarischen Moderne verwurzelten Roman wie diesem erweisen? Und jetzt sag bloß nicht, dass du diese Antwort verkopft findest.

Maren Keller ist Redakteurin beim KULTUR SPIEGEL. Sie möchte unbedingt einmal in eine Ausstellung der südafrikanischen Künstlerin Marlene Dumas.

Sebastian Hammelehle ist seit Neuestem Kulturredakteur beim SPIEGEL. Auf dem S-Bahnhof Korntal hat er am Donnerstag eine Frau beobachtet, die beim Auf-und-ab-Gehen gebannt in einem "Penguin Classic"-Taschenbuch las. Er konnte leider den Titel nicht erkennen.

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insgesamt 17 Beiträge
HaioForler 15.06.2015
1.
Was die imme nur alle gegen Sexismus haben. Ich hoffe, ich werde heute abend noch mal zum Sexualobjekt. Diese Phobiker.
Was die imme nur alle gegen Sexismus haben. Ich hoffe, ich werde heute abend noch mal zum Sexualobjekt. Diese Phobiker.
Clubmaster 15.06.2015
2. Toller erster Satz
freut mich zu lesen, aber wie lautet denn nun dieser hervorragende erste Satz (oder habe ich etwas übersehen)? Das wäre bei 496 Seiten wirklich nicht zuviel verraten. Auch ich möchte "Ilsebill salzte nach" möglichst [...]
freut mich zu lesen, aber wie lautet denn nun dieser hervorragende erste Satz (oder habe ich etwas übersehen)? Das wäre bei 496 Seiten wirklich nicht zuviel verraten. Auch ich möchte "Ilsebill salzte nach" möglichst schnell aus meinem literarischen Gedächtnis tilgen.
camilli79 15.06.2015
3. Ventil
Der Sexismus-Detektiv ist populär geworden, als Frauen entdeckt haben, dass sie auf diese Weise ein Ventil benutzen können, um ihre verlorene Erfüllung anzuklagen. Sexismus ist die moderne Klagemauer der vernachlässigten [...]
Der Sexismus-Detektiv ist populär geworden, als Frauen entdeckt haben, dass sie auf diese Weise ein Ventil benutzen können, um ihre verlorene Erfüllung anzuklagen. Sexismus ist die moderne Klagemauer der vernachlässigten weiblichen Seele von mehr als 2/3 der weiblichen Bevölkerung in den wohlhabenden Staaten. Sogar Tim Hunt ist nicht sicher vor einer Verurteilung seiner ganz banalen Beobachtungen im Arbeitsalltag und verlor durch hysterische "Frauen Versteher" seinen Job. Denn "Frauen Versteher" sind ein Produkt des Sexismus und verkaufen ihren Verteidigungskrieg gut, wenn sie ausreichend Opfer finden.
DerSponner 15.06.2015
4. Als Paul Auster
würde ich mir Sorgen um meine Gesundheit machen. Es scheint seine Frau ja doch mächtig zu wurmen im Schatten ihres Mannes zu stehen.
würde ich mir Sorgen um meine Gesundheit machen. Es scheint seine Frau ja doch mächtig zu wurmen im Schatten ihres Mannes zu stehen.
Savryn 15.06.2015
5. Erste Sätze...
Da wird hochtrabend über erste Sätze gesprochen und mit keinem Wort erwähnen die Autoren: "The sky above the port was the color of television, tuned to a dead channel." Das ist immer noch meilenweit interessanter [...]
Da wird hochtrabend über erste Sätze gesprochen und mit keinem Wort erwähnen die Autoren: "The sky above the port was the color of television, tuned to a dead channel." Das ist immer noch meilenweit interessanter als der Satz von Hustvedt. Der ist nämlich, mit Verlaub, recht uninspiriert und farblos. Wo das eine so großartige literarische Erleuchtung sein soll ist mir schleierhaft.
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