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Kultur

Copy-and-paste-Literatur

Axolotl unkreativ

Wie viel Subjektivität, wie viel Originalität braucht Literatur, um gut zu sein? Gar keine, argumentiert Kenneth Goldsmith in seinem Theorieband "Uncreative Writing", der nun endlich auf Deutsch erschienen ist.

Courtesy of Marisol Rodriguez

Kenneth Goldsmith

Von
Freitag, 04.08.2017   12:18 Uhr

Hier die Rezension von "Uncreative Writing" von Kenneth Goldsmith:

Kenneth Goldsmith wirkt wie ein kurioser Dandy. Gerne mal barfuß, dafür mit Hut auf dem Kopf und immer mit extravaganten, meist bunten und lustig gemusterten Anzügen. Seine Bewegungen unterstreichen subtil die Musikalität, in der er spricht. Abgesehen von seiner Erscheinung geht er auch auffällig mit Worten um. Man kann ihm nicht vorwerfen, keine Ideen zu haben. In Amerika ist der 1961 Geborene ein vielbeachteter Dichter und Literaturwissenschaftler, in Deutschland ist er - abgesehen vom interessierten Fachpublikum - noch relativ unbekannt.

Goldsmith fordert das Plagiat und bewusste Unkreativität als radikale Strategien zur Erweiterung der Literatur. Seine publizierten Bücher sind gewissermaßen revolutionär. Er sagt selbst, es wären die langweiligsten der Welt. In einem steht exakt das, was er innerhalb einer Woche gesagt hat - "Soliloquy", 2001. In einem anderen transkribiert er Wetterberichte - "The Weather", 2005. Oder er schreibt einfach den vollständigen Inhalt einer Ausgabe der New York Times zwischen zwei Buchdeckel - Day, 2003. In "Traffic" - einer Hommage an ein Gedicht Walt Whitmans über den Ort, an dem die Brooklyn Bridge später entstehen sollte - hält Goldsmith sämtliche Verkehrsmeldungen eines ganzen Jahres über die New Yorker Brücke fest. Auf rund 1000 Seiten hat er zuletzt Walter Benjamins Passagen-Werk auf das New York des 20. Jahrhunderts übertragen: "Davon habe ich kein einziges Wort selbst geschrieben. Zehn Jahre habe ich gebraucht, um das Buch aus anderen Büchern zusammen zu kopieren. Aber wenn ich es lese, will ich weinen."

Das Glücksgefühl, das er beim Kopieren von Zeitung, von Wetter- oder Sportbericht empfindet, wird allerdings selten erwidert. "Ich bin wohl der am meisten gehasste Dichter in ganz Amerika." "Dieb" sei noch eine der freundlicheren Beschimpfungen, die er sich anhören müsse, erzählt er auf einem Sofa im Berliner Verlag Matthes & Seitz.

"Uncreative Writing - Sprachmanagement im digitalen Zeitalter", sein epochemachendes Theoriewerk wird hier zum ersten Mal auf Deutsch veröffentlicht. Goldsmiths Meinung nach ist die Vorstellung eines am Schreibtisch grübelnden Genies, das nach eigenen Worten ringt, veraltet, seitdem die Welt das Internet hat. In einer Welt, in der jeder Text überall und sofort verfügbar ist, geht es weniger um das Schaffen von Neuem als den Umgang mit Vorhandenem. "Worte zu recyclen ist politisch und ökologisch nachhaltig", sagt er, und "man kann beides sein, unauthentisch und aufrichtig."

Kenneth Goldsmith lacht, das macht er gern und viel. Und manchmal scheint es, als ob er nur darauf aus wäre, auch seine Mitmenschen zum Lachen zu bringen. Der 56-Jährige weiß, auf welche Knöpfe er drücken muss, um sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu sichern.

Die Grundlage für seine globale Prominenz bildet trotzdem das Innovations- und Diskursanstoßpotenzial seines schreiberischen Oeuvres. Im Gegensatz zum Kulturpessimismus, der Internet und Digitalisierung als Gefahr für die Literatur sieht, heißt er die digitale Welt enthusiastisch willkommen. Kopieren, Programmieren, Automatisieren sind die neuen literarischen Werkzeuge, ihre Genres heißen Plagiat, Remix, Appropriation. Inspiration und Expression gehören der Vergangenheit an.

Noch mal von vorn

Irgendein ungutes Gefühl beim Lesen? Fehlte was? Bei dem Thema liegt es nahe: In obiger "Rezension" wurden nur Personalpronomen eingefügt, sonst lediglich ein einziges Wort selbst geschrieben. Alle übrigen und auch die allermeisten Sätze stammen so von Publikationen wie "FAZ", der "Zeit", der mittlerweile eingestellten "De:Bug", "Deutschlandradio", der "Wiener Zeitung", Wikipedia und natürlich - Standardprozedur bei Buchkritiken - von der Webseite des Verlags.

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Kenneth Goldsmith:
Uncreative Writing

Sprachmanagement im digitalen Zeitalter

übersetzt von Hannes Bajohr und Swantje Lichtenstein

Matthes & Seitz Berlin; 351 Seiten; 30 Euro

Das ist, wenn auch etwas überspitzt, genau die Art, wie heute jeder Journalist und jede Journalistin - aber auch Schüler, Studierende und Geisteswissenschaftler - arbeiten. Wenig überraschend, dass sich das Resultat kaum von einem "normalen" Text unterscheidet.

Wie diese kleine Versuchsanordnung zeigt, ist Goldsmith, wenn auch vor allem literaturhistorisch, wahnsinnig relevant. Denn es gelingt ihm, in der literarischen Form zu thematisieren, was seit nun fast zehn Jahren überall im Umgang mit Texten passiert. Seine Überlegungen zum Text im Zeitalter des Copy-and-paste können hinsichtlich ihrer Bedeutung nur mit ähnlichen Überlegungen zur Reproduzierbarkeit der visuellen Kunst an der Morgendämmerung der Moderne verglichen werden.

Am Beginn der modernen Kunst stand die Kopie, wenn auch in negativer Weise: Erst durch technisch überlegene, maschinelle Reproduktion des Bilds in der Fotografie konnte sich die Malerei vom Kunsthandwerk emanzipieren und etwa bei Impressionisten und Proto-Kubisten wie Cézanne moderne Kunst werden. Damit wurde sie Träger der Idee individueller kreativer Authentizität, wie wir sie heute kennen.

DPA

Werk von Cézanne

Dass sich die Literatur dagegen im Grunde noch nicht mal heute vom Kunsthandwerk gelöst hat, dass sie noch immer größtenteils auf das handwerklich gut gemachte Erzählen von Geschichten reduziert ist, dies ist eigentlich ein trauriger Atavismus - man stelle sich etwa eine Malerei vor, die ausschließlich figurativ wäre und allgemein visuelle Kunst, die das Konzeptuelle nicht kennte und auf das Ästhetische beschränkt wäre. Vielleicht gelingt es der Kultur des Copy & paste und ihrem Verfechter Goldsmith, die Literatur aus ihrem konzeptuellen Dornröschenschlaf zu reißen.

Trotz - oder vielleicht gerade wegen - ihrer ostentativen Albernheit und ihres Optimismus ist allerdings unübersehbar, dass Goldsmiths Affirmation des Inauthentischen - ähnlich wie bei seinem Vorbild Andy Warhol - ironisch ist und nur vor einem kulturkritischen Hintergrund verstanden werden kann. Meistens stecken hinter dem heutigen Kopierwahn schlicht mangelnde Zeit- und Geldressourcen, häufig auch die Angst, etwas zu sagen, was noch nicht gesagt wurde und daher Anstoß erregen könnte - ein existenzielles Risiko im Zeitalter neoliberaler Arbeitsbedingungen.

REUTERS

Werk von Andy Warhol

Im Übrigen sorgt die Angst, aus der Norm zu fallen, auch dafür, dass heute nicht nur Bild und Text vom Kopierwahn erfasst sind, sondern alle Lebensbereiche. Rezepte, Erziehungsratschläge, Bauanleitungen, medizinische Tipps, Yogaübungen, Lifehacks - das WWW ist ein viel umfassenderer Lebensleitfaden als Bibel und Koran. Hier steht für allzu viele ganz und gar unironisch, wie man's richtig macht. Und das ist erst mal unmodern. Und eher dumpf als smart - ganz egal, welches Medium man dafür benutzt.

Was ebenfalls gesagt werden sollte, auch wenn hierzulande meistens eine Anstandsfrist von fünf Jahren gilt, um Entwicklungen vom kulturellen Hegemon USA dann doch einfach 1:1 zu kopieren: Goldsmiths Thesen werden nun pflichtschuldig als total zeitgemäß bejubelt werden, aber sind mittlerweile schon fast zehn Jahre alt. Und damit teilweise überholt. Die Übersetzung kam viel zu spät.

Isoliert gab es hierzulande bereits Versuche unkreativen Schreibens, wie zum Beispiel die Arbeiten Gregor Weichbrodts. Mehr von sich reden machten in der Vergangenheit aber vor allem mittlerweile bereits ebenfalls überholte Gegenströmungen zum ent-subjektivierten Copy-and-paste, etwa die in den USA gängige Literatur der "New Sincerity" unter Digital Natives, die - wenn auch nicht ohne ironische Distanz - gerade Authentizität betont.

Vor allem aber kann man nicht über Goldsmith reden ohne das mittlerweile um die Welt gegangene, ungleich einflussreichere Werk des nur wenig jüngeren Norwegers Karl Ove Knausgårds zu nennen, das auf eine Weise sein invertierter Zwilling ist - vielleicht seine Widerlegung oder seine konsequente Weiterführung. Es rangiert irgendwo zwischen einer subjektiven Bekenntnisliteratur als radikalem Gegenentwurf zum allgemeinen Copy-and-paste und einer Anwendung eben dieses Copy-and-paste auf das eigene Leben. Der Totalautobiograf Knausgård betont schließlich immer wieder, technische Aspekte des Schreibens seien ihm wurscht, es gehe nur um die möglichst authentische Reproduktion seiner subjektiven Erfahrung.

DPA

Schriftsteller Knausgård

In diesem Sinne werden nun ebenfalls mal so ein paar Restbestände der Subjektivität des Autors in den Ring geworfen: Das Buch "Uncreative Writing" habe ich - gerade dies kann man heute bei Rezensionen nicht unbedingt voraussetzen - tatsächlich gelesen, vor ein paar Jahren, auf einem Smartphone, als Vorbereitung auf einen von mir gegebenen Workshop zum Thema digitales Schreiben in Mexiko-Stadt. Was ich sonst noch weiß: Dabei habe ich im vielgeschmähten Café Toscano an der Plaza Rio de Janeiro mehrere Kaffees auf Eis getrunken, weil es so heiß war und ich müde wegen des Jet Lags. Ich kann mich nicht mehr so genau daran erinnern, was nun drinsteht. Das Meiste davon findet sich zum Glück online.

Und ach - dies hätte nach den Regeln der Zunft eigentlich am Anfang des Texts stehen müssen, da ein Distinktionsgewinn rausgeschunden werden könnte: Besucht und interviewt habe ich Goldsmith auch mal, der ja praktischer Weise direkt am Flatiron Building in Manhattan wohnt. Er machte großen Eindruck auf mich. Zugegebenermaßen bin ich dann doch ziemlich leicht zu beeindrucken. Ein Übriges tat die exquisite Immobilie. In Erinnerung blieben mir seine ungeheure Höflichkeit und Gastfreundlichkeit, aus denen ich jetzt mal ausnahmsweise nicht die am nächsten liegenden Rückschlüsse auf sein Werk ziehen möchte.

"Wie ein kurioser Dandy" - das gängigste Meme in allen Goldsmith-Rezensionen - wirkte der von der Punkszene geprägte Familienvater und Literaturprofessor im Übrigen gar nicht auf mich. Aber wer tut das schon in den eigenen vier Wänden? Und - was im Grunde dieselbe Frage ist: Ist ein Text wirklich besser, wenn er nach authentischem Ich riecht wie dieses nun eben mal viel zu rasch herbeigesudelte Ende?

insgesamt 10 Beiträge
horst2000 04.08.2017
1. Ich fühle, was du fühlst - ich denke, was du denkst
Geht es nicht auch darum, bei einem gelungenen Text? Der geschriebene Text bewegt sich auf einer viel höheren Abstraktionsebene als die bildende oder darstellende Kunst. Deshalb hinkt der Vergleich zwischen literarischer [...]
Geht es nicht auch darum, bei einem gelungenen Text? Der geschriebene Text bewegt sich auf einer viel höheren Abstraktionsebene als die bildende oder darstellende Kunst. Deshalb hinkt der Vergleich zwischen literarischer Entwicklung und der Entwicklung der darstellenden Kunst. Das Wesen der Literatur liegt auch in ihrer Decodierung, in der Übersetzung des Abstrakten in Gedanke, Gefühl und Gestalt - und das Erkennen, das einer gelungenen Decodierung folgt, das bringt die wahre Freude beim Lesen.
histo4535 04.08.2017
2. Kann man so machen, dann aber bitte kennzeichnen
Den ersten Teil der Rezension kann man so gestalten. Dann sollte man aber bitte die übernommenen Zitate als solche kennzeichnen und deren Ursprung angeben. Man kennzeichnet so etwas durch Anführungszeichen. Danach gibt man den [...]
Den ersten Teil der Rezension kann man so gestalten. Dann sollte man aber bitte die übernommenen Zitate als solche kennzeichnen und deren Ursprung angeben. Man kennzeichnet so etwas durch Anführungszeichen. Danach gibt man den eigentlichen urheber in einer Fußnote oder gegebenenfalls in einer Klammer am Ende des Satzes an. Ebenfalls kennzeichnet man die Veränderungen im Text. Wenn man dies nicht macht, sind Klagenh wegen Urheberrechtsverletzungen sehr wahrscheinlich und berechtigt. Das Unterscheidet auch eindeutig den Geisteswissenschaftler mit dem Autor des Textes. Der Geisteswissenschaftler weiß wie man Fußnoten setzt und ordentlich zitiert. Übrigens ist der aus anderen Publikationen zusammengesetzte text deutlich besser lesbarer und schlüssiger als die restliche Rezension.
Newspeak 04.08.2017
3. ...
"Das ist, wenn auch etwas überspitzt, genau die Art, wie heute jeder Journalist und jede Journalistin - aber auch Schüler, Studierende und Geisteswissenschaftler - arbeiten. Wenig überraschend, dass sich das Resultat kaum [...]
"Das ist, wenn auch etwas überspitzt, genau die Art, wie heute jeder Journalist und jede Journalistin - aber auch Schüler, Studierende und Geisteswissenschaftler - arbeiten. Wenig überraschend, dass sich das Resultat kaum von einem "normalen" Text unterscheidet." Ja, und das ist mehr als traurig. Und mal ehrlich, das ist auch keine Existenzberechtigung. Wenn heute wirklich jeder Journalist so arbeitet (ich glaube, manche tun es nicht), dann soll man diese Jobs bitteschoen wirklich automatisieren. So oder so, am Ende ist es Langeweile, die man so produziert und reproduziert und reproduziert und... "Im Übrigen sorgt die Angst, aus der Norm zu fallen, auch dafür, dass heute nicht nur Bild und Text vom Kopierwahn erfasst sind, sondern alle Lebensbereiche." Ja. Kaum jemand hat mehr eine Haltung. Ueberall nur verlogene Harmonie. Niemand ist bereit, auch zum eigenen Nachteil, im Zweifel, fuer seine Ueberzeugung einzustehen. Und wieder...ueberall nur Oednis und Langeweile. Ich frage mich z.B. bei Maenner- und Frauenmagazinen, warum es da ueberhaupt noch Redaktionen gibt. Einmal ein Jahr lang produziert, danach einfach nur neu ausgedruckt, merken wuerde das kein Mensch bei 80% Fuellmaterial, das immer identisch ist. "Und - was im Grunde dieselbe Frage ist: Ist ein Text wirklich besser, wenn er nach authentischem Ich riecht wie dieses nun eben mal viel zu rasch herbeigesudelte Ende?" Wenigstens Humor haben Sie. Ja, dieses herbeigesudelte Ende ist typisch fuer die modernen Medien. Manchmal liest man hier auf SPON einen Beitrag, dann kommt eine dazwischengeschaltete Anzeige, denkt man, und dann kommt...genau...man war schon am Ende angelangt, ohne es zu merken. Stilistisch eine einzige Katastrophe.
Newspeak 04.08.2017
4. ...
Der Geisteswissenschaftler sollte vor allem 80% des Textes selber schreiben und Zitate nur als Beiwerk verstehen, als Hervorhebung von Etwas, als knappe Weisheit, als Referenz. Ich lobe mir die Naturwissenschaften. Da muss [...]
Zitat von histo4535Den ersten Teil der Rezension kann man so gestalten. Dann sollte man aber bitte die übernommenen Zitate als solche kennzeichnen und deren Ursprung angeben. Man kennzeichnet so etwas durch Anführungszeichen. Danach gibt man den eigentlichen urheber in einer Fußnote oder gegebenenfalls in einer Klammer am Ende des Satzes an. Ebenfalls kennzeichnet man die Veränderungen im Text. Wenn man dies nicht macht, sind Klagenh wegen Urheberrechtsverletzungen sehr wahrscheinlich und berechtigt. Das Unterscheidet auch eindeutig den Geisteswissenschaftler mit dem Autor des Textes. Der Geisteswissenschaftler weiß wie man Fußnoten setzt und ordentlich zitiert. Übrigens ist der aus anderen Publikationen zusammengesetzte text deutlich besser lesbarer und schlüssiger als die restliche Rezension.
Der Geisteswissenschaftler sollte vor allem 80% des Textes selber schreiben und Zitate nur als Beiwerk verstehen, als Hervorhebung von Etwas, als knappe Weisheit, als Referenz. Ich lobe mir die Naturwissenschaften. Da muss man erst mal ein paar Wochen im Labor verbringen oder Daten auswerten oder Theorien entwickeln, bevor man auch nur daran denkt, einen Satz dazu zu schreiben. Und das merkt man diesen Veroeffentlichungen normalerweise auch an.
großwolke 04.08.2017
5.
Wobei die Sätze in solchen Veröffentlichungen dann meist nur noch aus dem Baukasten zusammengesetzt werden, vor allem dann, wenn das Englisch des Verfassers nicht ganz mithält mit seiner wissenschaftlichen Kompetenz. Der [...]
Zitat von NewspeakDer Geisteswissenschaftler sollte vor allem 80% des Textes selber schreiben und Zitate nur als Beiwerk verstehen, als Hervorhebung von Etwas, als knappe Weisheit, als Referenz. Ich lobe mir die Naturwissenschaften. Da muss man erst mal ein paar Wochen im Labor verbringen oder Daten auswerten oder Theorien entwickeln, bevor man auch nur daran denkt, einen Satz dazu zu schreiben. Und das merkt man diesen Veroeffentlichungen normalerweise auch an.
Wobei die Sätze in solchen Veröffentlichungen dann meist nur noch aus dem Baukasten zusammengesetzt werden, vor allem dann, wenn das Englisch des Verfassers nicht ganz mithält mit seiner wissenschaftlichen Kompetenz. Der Punkt ist doch, dass das bemühte Umformulieren, um nur ja den Plagiatsverdacht zu vermeiden, vielfach überflüssig ist. Solange der (Geistes)Wissenschaftler versucht, eine eigene Argumentation aufzubauen aus den Textblöcken, die er verwendet, schadet es dem Werk nur stilistisch, aber nicht wissenschaftlich, wenn diese Blöcke aus einer anderen Feder stammen. Klar sollte man in der Lage sein, auch ohne Vorlage kohärente Gedanken zu formulieren. Aber gerade bei wissenschaftlichen Arbeiten, wo die Kollegen, deren Arbeiten man verwurstet, selbst oft lange Stunden über dem verbalen Feinschliff gesessen haben, ist es manchmal ziemlich schwierig und frustrierend, wenn man aus Prinzip versuchen muss, anders zu klingen, obwohl doch bereits ein hochgradig veredelter Textbaustein vorliegt, der den Zweck genau erfüllt.
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