Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Sven Regener über Berlin

"Kreuzberg wurde von den Schwaben gerettet"

So viele Touristen - mancherorts ist Berlin heute wie Helgoland, findet Sven Regener, Sänger und Autor. Sein neues Buch "Wiener Straße" spielt im alten Westen der Stadt, Anfang der Achtziger, als nur die Freaks kommen wollten.

Charlotte Goltermann
Ein Interview von
Samstag, 09.09.2017   18:03 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Ihr neuer Roman "Wiener Straße" spielt in den frühen Achtzigerjahren in Westberlin. Was war das Besondere an dieser Zeit?

Regener: Damals änderte sich vieles an der Art, wie man sein Zusammenleben organisierte. Es begann eine andere Ebene von Wirtschaften Ende der Siebziger, so ein alternatives Milieu. Kneipen, wo man, wenn man einen Job brauchte, einfach mal eben schnell arbeiten konnte. Wie die von Erwin Kächele im Buch, wo jemand wie die Figur Chrissie auf die Idee kommen kann, Kuchen zu verkaufen, um damit vielleicht Geld wie Heu zu scheffeln.

SPIEGEL ONLINE: Große Teile des Romans spielen im Kunstmilieu. Erstaunlich, wie gegenwärtig sich diese Schilderungen lesen.

Regener: Damals ging es damit los, dass man Kunst machte, ohne Manifeste und Beipackzettel zu schreiben. Wobei man sagen muss: Nichts von dem, was man machte, hat's in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, der großen Zeit der Moderne, nicht auch schon gegeben. Neu war, dass sich die bildende Kunst nicht mehr erklärte. Jeder konnte plötzlich Künstler sein. Wenn du Kunst hast, die keine handwerklichen Fähigkeiten mehr benötigt und gleichzeitig akademische Spezialanforderungen negiert, wird es interessant. Dann sind wir bei Wolfgang Müller und seinen "Genialen Dilletanten". Die sagten: Wir müssen uns nicht rechtfertigen. Wir wollen uns nicht erklären. Das ist der Ansatz, der damals neu war und der bis heute nachwirkt.

SPIEGEL ONLINE: Zu den "Genialen Dilletanten" gab es eine große Ausstellung, auch sonst hat man den Eindruck, dass das Berlin der Siebziger-, Achtziger- und Frühneunzigerjahre einmal komplett durchmusealisiert wurde. Sind Ihre Bücher der fiktionale Nebenfluss dazu?

Regener: Nein! Bei mir geht es um konkrete Personen. H.R. Ledigt zum Beispiel steht nicht für die Kunstszene der Achtziger, er steht nur für sich selbst. Ich versuche zu ergründen, was die Leute umtreibt, wie sie sind. Insofern hoffe ich, dass meine Bücher etwas lebendiger sind als die Coffeetable-Books mit Bildern aus dieser Zeit, die man jetzt so macht. Die haben ja ihre Berechtigung, und es ist toll, sich nochmal diese alten Bilder anzugucken - aber es wirkt alles immer so weit weg durch dieses Schwarzweiß.

SPIEGEL ONLINE: Zieht diese Historisierung junge Menschen nach Berlin? Wenn ich durch die einschlägigen Stadtteile gehe, scheint ein guter Teil der Passanten aus Kopenhagen, München, New York zu kommen...

Regener: Durch Easyjet ist alles so billig geworden. Jetzt hat man eine neue Art von Tourismus, die dafür sorgt, dass in Nord-Neukölln oder am Mauerpark die Stadt am Wochenende eine ganz andere als unter der Woche ist. Es ist fast ein bisschen wie in Helgoland, wo die Touristenboote anlegen und dann zwei Stunden lang die Insel voll mit Leuten ist. Damals war es ein harter, steiniger Weg nach Berlin, deshalb kann man das nicht vergleichen.

SPIEGEL ONLINE: Nervt Sie dieser Easyjet-Tourismus?

Regener: Nein, das war jetzt ohne jede Wertung - was ist gegen Partytourismus zu sagen? Jeder Mensch ist irgendwo Tourist, also sollte man da nicht meckern.

SPIEGEL ONLINE: Heute bleiben viele ja auch ganz in der Stadt.

Fotostrecke

Regeners neuer Roman: "Ein harter, steiniger Weg nach Berlin"

Regener: Stimmt, das funktionierte damals anders. Niemand, der einen Beruf gelernt hatte, kein Handwerker ging freiwillig nach Berlin. Da gab es extra Anwerbeprogramme. Westberlin war eine sterbende Stadt.

SPIEGEL ONLINE: Wie fing man das auf?

Regener: Aufgefangen wurde das von Leuten, die weder für die Geschichte noch für die Gegenwart dieser Stadt Verständnis hatten, die das alles als Kulisse nahmen und vor dieser Kulisse einfach machten. Das wurde von vielen alteingesessenen Berlinern als Invasion, als Landnahme, als Affront genommen.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Regener: Es gab damals in Berlin zwei Parallelwelten. Auf der einen Seite die Berliner, die sich als Alteingesessene sahen - obwohl sie teilweise selber zugereist waren - und dieses Mauerbautrauma hatten. Die waren verletzt, die waren traurig und zum Teil unmittelbar betroffen, weil da Familien auseinandergerissen wurden. Den danach Zugezogenen auf der anderen Seite war das scheißegal. Deshalb war die politische Konfrontation so hart, wenn die als Hausbesetzer auf die etablierte Politik trafen. Aber, und das ist dabei ein ganz wichtiger Punkt: Das waren ja die Leute, die da hinwollten. Die einzigen jungen Leute, die kamen, waren die Freaks.

SPIEGEL ONLINE: Die dann ja doch auch etwas aufbauten.

Regener: Kreuzberg wurde zum großen Teil von den Schwaben gerettet. Alles, was dort an Erhalt und Sanierung von alter Substanz passierte, wurde von mehreren durchgehenden Geburtsjahrgängen aus Reutlingen, Tübingen, Stuttgart gestemmt. Und trotz aller Konfrontation, trotz aller Gegensätze muss man eines den Berlinern lassen: Sie haben die anderen immer machen lassen. Am Ende kamen alle miteinander klar.

SPIEGEL ONLINE: Über dieses Laissez-faire in der Hauptstadt wird im Rest des Landes oft gespöttelt. Schafft es am Ende die Voraussetzungen für kreative Freiräume?

Regener: Klar. Es ist alles egal. Ich könnte nach diesem Interview nackt durch die Kantstraße laufen, es würde niemanden interessieren. Wegen so etwas ruft hier keiner die Polizei. Der Klassiker in meiner frühen Zeit in Westberlin war, dass die Leute im Pyjama und in Schlappen nur mit einem Parka drüber Zigaretten holen gegangen sind. Und wir reden jetzt über ganz normale Leute! Wenn man so eng aufeinander lebt, muss man schon sehr gelassen und tolerant den anderen gegenüber sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Anfang des Jahrtausends in den Prenzlauer Berg gezogen. Wie unterscheidet sich der Ost- vom Westberliner?

Regener: Ich bin schlecht mit kollektiven Identitäten.Ich glaube nicht, dass man darüber so generell reden kann. Ich fühle mich da nicht zuständig. Das ist vielleicht die richtige Frage für Soziologen, für die sind kollektive Identitäten wichtig. Wenn ich jetzt sage: Der Ostberliner, der ist so und so, dann habe ich das Gefühl, ich tue allen unrecht. Mir fallen dann immer gleich so viele Gegenbeispiele ein. Aber sprachlich gibt es Unterschiede.

SPIEGEL ONLINE: Und die wären?

Anzeige
Sven Regener:
Wiener Straße

Galiani Verlag; 304 Seiten; 22 Euro

Regener: Im Westen wird stärker berlinert als im Ostteil der Stadt. Die lassen so richtig harte Sätze raus. Es ist auch vom Klang her ein bisschen anders.

SPIEGEL ONLINE: Aber der Prenzlauer Berg würde auch genug Personal für einen Roman oder eine Szenerie bereithalten?

Regener: Es gibt viele Romane, die im Prenzlauer Berg der Achtzigerjahre spielen, zum Beispiel von André Kubiczek. Grundsätzlich können zwischen den Leuten überall interessante Sachen passieren. Der Schauplatz ist zweitrangig. Ich versuche, mit den Dingen zu arbeiten, die in dem Teil des Lebens stattfinden, der gar nicht so spektakulär ist. Aus der Tatsache, dass die Nichte des Besitzers eines Cafés den Besitzer zu überreden versucht, dass der den Laden schon tagsüber aufsperrt, damit sie dort Kaffee und Kuchen verkaufen kann, eine spannende Geschichte zu stricken, das ist die Herausforderung. Weil das der Alltag ist. Darin liegen viel Witz, viel Tragik, alles, was man für einen guten Roman braucht. Wir können nicht alle Schlachtenmaler sein.

insgesamt 22 Beiträge
Ökofred 09.09.2017
1. Stimmt aber nicht alles...
Im Ostteil Berlins wird stärker berlinert! Man darf ja nun nicht von Prenzlauer Berg ausgehen.... Vor der Wiedervereinigung war das "Berlinern" im Westen ziemlich zurückgedrängt worden und erlebte mit dem Mauerfall [...]
Im Ostteil Berlins wird stärker berlinert! Man darf ja nun nicht von Prenzlauer Berg ausgehen.... Vor der Wiedervereinigung war das "Berlinern" im Westen ziemlich zurückgedrängt worden und erlebte mit dem Mauerfall eine Renaissance. Aber mit den Schwaben in Krezuberg hat er um so mehr recht!
muhzilla 09.09.2017
2. Der Zwenni
Regner ist mir als Person hochgradig unsympathisch auf Grund seiner Äußerungen zu "Raubkopierern". Aber er ist ein genialer Günstler, egal ob in Wort und Schrift oder musikalisch. Er trifft im letzten Absatz den Nagel [...]
Regner ist mir als Person hochgradig unsympathisch auf Grund seiner Äußerungen zu "Raubkopierern". Aber er ist ein genialer Günstler, egal ob in Wort und Schrift oder musikalisch. Er trifft im letzten Absatz den Nagel auf den Kopf, genau das ist es, was mich an allein seinen Büchern so reizt. Die spannenden unspannenden Ereignisse des Alltags kombiniert mit großartigen Milieustudien.
dkdc 09.09.2017
3. Wie immer vollkommener Laber
Es wird ein Rätsel bleiben, warum diese Person immer wieder so hochgejazzt wird. Regner ist nicht nur langweilig sondern in seinen Betrachtungen schlicht falsch, dumm, prätentiös und gibt blanken Unsinn von sich. Ob in Bücher, [...]
Es wird ein Rätsel bleiben, warum diese Person immer wieder so hochgejazzt wird. Regner ist nicht nur langweilig sondern in seinen Betrachtungen schlicht falsch, dumm, prätentiös und gibt blanken Unsinn von sich. Ob in Bücher, auf Platten oder eben in Interviews.
moonpie 09.09.2017
4. völlig richtig Ökofred
In Ostberlin wurde stärker berlinert als in West-Berlin. Ich hatte, aufgewachsen in West-Berlin, nie den Eindruck, dass ich in einer sterbenden Stadt lebte. Es war normal, die Stadt nicht spontan verlassen zu können, oder wenn [...]
In Ostberlin wurde stärker berlinert als in West-Berlin. Ich hatte, aufgewachsen in West-Berlin, nie den Eindruck, dass ich in einer sterbenden Stadt lebte. Es war normal, die Stadt nicht spontan verlassen zu können, oder wenn doch, erst 250 Kilometer fahren zu müssen. Wir nach dem Mauerbau in West-Berlin geborenen kannten es nicht anders.
Newspeak 09.09.2017
5. ...
Mir ist er unsympathisch, weil er den Punk gibt, aber doch schon lange einer der angepassten Spiesser ist, die sich selbst fuer die Avantgarde Deutschlands halten.
Zitat von muhzillaRegner ist mir als Person hochgradig unsympathisch auf Grund seiner Äußerungen zu "Raubkopierern". Aber er ist ein genialer Günstler, egal ob in Wort und Schrift oder musikalisch. Er trifft im letzten Absatz den Nagel auf den Kopf, genau das ist es, was mich an allein seinen Büchern so reizt. Die spannenden unspannenden Ereignisse des Alltags kombiniert mit großartigen Milieustudien.
Mir ist er unsympathisch, weil er den Punk gibt, aber doch schon lange einer der angepassten Spiesser ist, die sich selbst fuer die Avantgarde Deutschlands halten.

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP