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Kultur

Fantasy-Verlag

"Der Handel knallt die Tür zu"

Der Verlag Edition Phantasia bringt Star-Autoren wie H.G. Wells oder J.G. Ballard als Sammlerstücke heraus. Verleger Joachim Körber erklärt, wie sich Liebhaber-Literatur durchsetzen kann.

ddp images
Ein Interview von
Montag, 09.10.2017   12:20 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Herr Körber, immer weniger Menschen kaufen gedruckte Bücher. Sie veröffentlichen trotzdem mit ihrem kleinen, auf phantastische Literatur und Science Fiction spezialisierten Verlag aufwendig gestaltete Liebhaberausgaben von Autoren wie H. G. Wells, Stephen King oder Conan Doyle in nummerierten Auflagen von manchmal nur 250 Exemplaren. Muss man dafür ein wenig verrückt sein?

Joachim Körber: Man muss eher ein Idealist sein. Mich treibt die Liebe zur phantastischen Literatur. Eigentlich bin ich gelernter Chemiker, wurde dann Übersetzer und habe große Verlage beraten. Als der Verlag 1984 gegründet wurde, hat sich Phantastik nur im Taschenbuch abgespielt. Die Idee war, dieses Genre in schöneren Ausgaben auf den Markt zu bringen. Ich bin natürlich ein Dinosaurier im Digitalen Zeitalter. Wenn ich nicht auch Übersetzungen für größere Verlage machen würde, könnte ich mir das hier nicht leisten.

SPIEGEL ONLINE: Sind Lizenzen für einen legendären Autor wie H.G. Wells nicht teuer?

Körber: Das wäre wohl so, aber seit Anfang des Jahres sind die Rechte frei, weil Wells seit siebzig Jahren tot ist. Ich hatte erwartet, dass sich große Verlage auf diese Texte stürzen, was aber nicht passiert ist. Dafür sind hier in den letzten drei Monaten sieben neue Ausgaben seines Romans "Die Zeitmaschine" erschienen. Ich habe mir Wells-Titel ausgesucht, die richtig gut sind, aber längst nicht so bekannt. Etwa "Der Krocketspieler", eine der besten fantastischen Geschichten, die ich in den letzten Jahren gelesen habe.

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H. G. Wells:
Der Krocketspieler

Illustrationen: Alexandra F. (projekt:wortrausch)

Edition Phantasia; 120 Seiten; gebunden; 65,00 Euro

SPIEGEL ONLINE: Ihre Bücher findet man nur in einigen Fachbuchhandlungen und bei Ihnen direkt im Internet. Halten Sie da bewusst den Ball flach?

Körber: Der deutsche Buchhandel und ich sind uns in herzlicher Abneigung verbunden. Wenn man mit Büchern wie meinen kommt, knallen die einem die Tür vor der Nase zu, deshalb versuche ich auch seit Langem, andere Wege zu gehen. In den Feuilletons werden meine Bücher auch kaum besprochen. Und für Werbung habe ich kein Geld. Bei den kleinen Auflagen ist das einfach zu teuer.

SPIEGEL ONLINE: Dabei finden Teile ihres Programms auch in den Mainstream. Einer der größten Kino-Blockbuster des Jahres ist die Bladerunner-Fortsetzung, eine Geschichte, die ursprünglich auf einem Roman von Phillip K. Dick beruht. Dieser Autor findet sich auch mehrfach in ihrem Programm.

Fotostrecke

Fantasy-Verlag: Sci-Fi in Kleinstauflage

Körber: Bei Leuten wie Phillip K. Dick segeln wir eher im Windschatten großer Verlage. Wir haben überwiegend Titel von ihm im Programm, die nicht Science Fiction sind und die die großen Verlage nicht wollten. Die zahlreichen Verfilmungen seiner Geschichten haben sich aber auch bei uns niedergeschlagen. Auch bei J.G. Ballard haben die Verfilmungen seiner Bücher sehr geholfen. In den letzten dreißig Jahren hat sich die Phantastik überhaupt gemausert, was wir Autoren wie Stephen King zu verdanken haben, die zeigten, dass in diesem Genre eben doch Bestseller-Potenzial ist. Mittlerweile sind Fantasy und Science Fiction in der Popkultur tonangebend: Denken Sie an Game of Thrones, Tribute von Panem, Star Trek, Herr der Ringe, Star Wars oder Blade Runner.

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H. G. Wells:
Tommys Abenteuer

aus dem Englischen von Joachim Körber

Edition Phantasia; 50 Seiten; gebunden; 65,00 Euro

SPIEGEL ONLINE: Was für ein Publikum sprechen Sie an?

Körber: Wir haben ein kleines, treues Stammpublikum, zu dem immer wieder auch jüngere Leute dazu kommen, die sich freuen, dass sie mal etwas anderes präsentiert bekommen, als den Einheitsbrei, den die Großen machen. Ich habe noch nie ein Buch veröffentlicht, nur weil ich dachte, dass es sich gut verkaufen würde.

SPIEGEL ONLINE: Einige ihrer limitierten Ausgaben werden mittlerweile mit vierstelligen Beträgen gehandelt. Besitzen Sie alle Bücher, die Sie mal veröffentlicht haben?

Körber: Eines behalte ich immer. Aber bei einigen wünschte ich mir natürlich, dass ich mehr Exemplare behalten hätte.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie jemals bereut, dass Sie nie als festangestellter Chemiker losgelegt haben und sich seit Jahrzehnten mit einem Nischenverlag abplagen?

Körber: In den 35 Jahren gab es drei Punkte, wo ich dachte: Okay, das war es jetzt, nun bin ich pleite. Aber dann hat sich doch immer etwas ergeben. Und bereut habe ich die Entscheidung für den Verlag sowieso nie. Da zitiere ich immer gerne John Milton: "Lieber in der Hölle herrschen als im Himmel dienen!"


H. G. Wells: "Der Krocketspieler" & "Tommys Abenteuer" (editionphantasia.de)

insgesamt 3 Beiträge
misprint 09.10.2017
1. Danke für das Interview. An beide Seiten.
Ich habe vor ca. 10 Jahren angefangen Herrn Körbers Übersetzungen diverser Romane von Neal Stephenson (Goldmann Verlag) zu lesen und mich dann auf die Suche begeben nach Übersetzungen Stephensons älterer Bücher. Das 1984 im [...]
Ich habe vor ca. 10 Jahren angefangen Herrn Körbers Übersetzungen diverser Romane von Neal Stephenson (Goldmann Verlag) zu lesen und mich dann auf die Suche begeben nach Übersetzungen Stephensons älterer Bücher. Das 1984 im Original erschienene "The Big U" gibt es - soweit mir bekannt ist - bis heute lediglich in einer einzigen deutschen Übersetzung, zu 250 Stück bei Edition Phantasia... ich besitze No.60 und bin stolz. Gerade durch die Zahl von Seltenheiten und unterbewerteten Schätzen aus den Bereichen Horror, Sci-Fi, Suspense und klassischer Fantastik ist der Verlag für Fans jener Genres immer einen Blick wert. Danke für die tolle Arbeit, das Herzblut und den Idealismus.
vulcan 11.10.2017
2. Ja, sehr schön....
.....nur etwas teuer. Mehr was für Sammler, denke ich. Scheint sich ja teilweise auch zu lohnen. Die Geschichten und Romane, die mich dabei interessieren, habe ich alle schon - Ullstein, Diogenes, etc. Aber wenn ich Geld dafür [...]
.....nur etwas teuer. Mehr was für Sammler, denke ich. Scheint sich ja teilweise auch zu lohnen. Die Geschichten und Romane, die mich dabei interessieren, habe ich alle schon - Ullstein, Diogenes, etc. Aber wenn ich Geld dafür übrig hätte....doch, schon schön.
larosso 14.10.2017
3. sehr sympathisch
und aus der Heimat meiner Oma.
und aus der Heimat meiner Oma.

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