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Kultur

Thrillerautor Pflüger über Gewalt

"Ich weiß, wie es sich anfühlt, Schmerzen zuzufügen"

Er ist einer der wenigen deutschen Autoren, die richtig gute Actionszenen schreiben. Hier spricht Andreas Pflüger über Schusswaffen, blinde Helden und eigene Gewalterfahrungen.

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Handfeuerwaffe

Ein Interview von
Donnerstag, 12.10.2017   17:11 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Herr Pflüger, Ihre Thriller "Endgültig" und "Niemals" sind extrem hart. Was fasziniert Sie an Action und Gewalt?

Pflüger: Mich interessiert, was Gewalt mit Menschen macht, deren Angst, das Adrenalin, das Tempo. Ich will wissen, wo die Gewalt herkommt, wer sie ausübt und warum. Sie gibt einem Thriller die Struktur, und ich habe Spaß daran, mich in dieser Struktur zu bewegen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist die größte Herausforderung beim Schreiben von Actionszenen?

Pflüger: In einer Actionsequenz gibt es immer zwei Geschwindigkeiten. Die Geschwindigkeit, die der Mensch wahrnimmt, der sich in der Situation befindet, eine Art von Zeitlupe, bei der er sich selbst zusieht. Dann die Geschwindigkeit des Betrachters, der eine solche Szene als einen einzigen Wirbel erlebt. Das wiederzugeben, sodass der Leser genau versteht, was gerade passiert, erfordert extreme Präzision, mehr als jede andere Passage in einem Roman. Ich schaffe manchmal nur eine halbe Seite Action pro Tag, während ich sonst auf fünf bis sechs komme.

SPIEGEL ONLINE: Wie erreichen Sie die nötige Präzision?

Pflüger: Man muss als Autor Kenntnisse von der Funktion des menschlichen Körpers haben, muss wissen, welche Bewegungsabläufe überhaupt möglich sind. Ich studiere sehr intensiv Übungen von Profisportlern, schaue ihnen beim Bodenturnen zu, am Schwebebalken oder am Reck. Und ich lese ständig medizinische Fachliteratur.

SPIEGEL ONLINE: Fließen auch eigene Gewalterfahrungen in Ihre Romane ein?

Pflüger: Ich war in meiner Jugend in einer Clique und habe mich oft geschlagen. Das war eine ganz normale Form der Auseinandersetzung, die ich damals nicht infrage gestellt habe. Von daher weiß ich sehr gut, wie es sich anfühlt, jemandem Schmerzen zuzufügen oder selbst Schmerzen zu erleiden.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Helden beherrschen diverse Kampfsportarten. Sie auch?

Pflüger: Nein, das letzte Mal habe ich mich mit 19 geschlagen. Meine Faszination für Kampfsport hat sich erst entwickelt, als ich etwa 40 war. Zu spät, um noch wirklich gut darin zu werden. Ich beschäftige mich aber sehr viel damit, kann die Abläufe in meinem Kopf nachvollziehen. Ich könnte Ihnen an Ihrem Körper fünf, sechs Stellen zeigen, wo man Sie töten könnte. Vielleicht könnte sogar ich Sie töten - aber nur, wenn Sie stillhalten.

SPIEGEL ONLINE: Viele Actionromane werden schnell langweilig, weil die ewigen Prügeleien und Schießereien irgendwann redundant werden. Wie vermeiden Sie das?

Pflüger: Es ist sehr wichtig, eine Poesie zu entwickeln. Ich betreibe hohen Aufwand, um Beschreibungen und Sprachbilder für Gewalt zu finden, die nicht abgegriffen sind, die der Leser nicht schon x-mal gelesen hat. Also: Wie kann man es spannend und neu erzählen, dass eine Kugel einen Lauf verlässt und in einen Körper eindringt?

SPIEGEL ONLINE: Wie tarieren Sie den Rhythmus zwischen Actionszenen und Handlung aus?

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Andreas Pflüger:
Niemals

Jenny-Aaron-Trilogie

Suhrkamp Verlag; 475 Seiten; 20 Euro

Pflüger: Meine Romane sind in einer Art Wellenbewegung erzählt, ruhige Passagen und High-Speed-Sequenzen wechseln sich ab. Man muss ein Gefühl dafür haben, wann man den Leser überfordert, wann es zu viel Action wird. Das ist keine intellektuelle Entscheidung. Der Musiker Frank Zappa hat in seinen Songs diverse Themen und Melodien kurz angespielt, dann gewechselt. So ähnlich mache ich es auch. Mir bereitet es Vergnügen, mit einem Thema ein bisschen Flipper zu spielen und dann eine Synkope zu setzen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Heldin ist nach einer Schießerei bei einem Einsatz erblindet. Trotzdem ist sie eine erstklassige Kämpferin. Ist das Ihre Verneigung vor Comichelden wie "Daredevil" oder Kinofiguren wie "Zatoichi", dem blinden Samurai?

Pflüger: Klar, Jenny Aarons Fähigkeiten machen sie zu einer Art Superheldin. Aber alle Blinden sind potenzielle Superhelden, allein schon dadurch, dass sie diese Behinderung bewältigen - nur haben die meisten nicht den Background von Aaron, die schon als Kind zu einer Art Killermaschine ausgebildet wurde. Alles zusammen genommen ist sie größer als das Leben, man kann sich in sie verlieben, sie bewundern, man muss sie aber auch fürchten. Dass Aaron blind ist, war übrigens eher ein Zufall. Vor einigen Jahren habe ich die Autobiografie des französischen Philosophen Jacques Lusseyran gelesen, der 1932 als Achtjähriger erblindete und mit 19 Chef einer Pariser Résistance-Zelle wurde. Er konnte leicht erkennen, wer log und wer nicht, und so Doppelagenten der Nazis enttarnen. Seine Leute sagten immer: "Warte, bis der Blinde ihn gesehen hat." Was für ein Satz! Das war die Initialzündung für meine blinde Polizistin.

SPIEGEL ONLINE: Macht es das Schreiben von Actionszenen nicht noch schwieriger, wenn sie aus der Perspektive einer Blinden erzählt werden?

Pflüger: Es ist ungefähr so schwer, wie es für einen Geburtsblinden wäre, aus der Perspektive eines Sehenden zu schreiben. Diese Aufgabe hatte ich am Anfang unterschätzt. Kurz nachdem ich mit "Endgültig" begonnen hatte, musste ich stoppen und in die größte Recherche meines Lebens einsteigen. Ich musste wissen, wie das Gehirn Blindheit kompensiert, warum Blinde besser sehen, hören, schmecken, tasten - wie ihr kognitives System funktioniert. Von diesen Recherchen ausgehend entwickele ich die Sprachbilder für meine Romane.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Romane erscheinen auch in Blindenschrift und als Hörbücher - wie ist die Resonanz bei blinden Lesern?

Pflüger: Normalerweise machen Hörbücher zehn bis 15 Prozent des Umsatzes aus, bei mir sind es 50 Prozent. Es kommen auch viele Blinde zu meinen Lesungen. Eine Frau hat mir - als Büchernärrin - einmal hinterher gesagt, dass sie bei meinem Roman das erste Mal das Gefühl hatte, er sei für sie als Blinde geschrieben worden. Ein großartiges Kompliment.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehr helfen Ihnen Ihre Erfahrungen als Drehbuchautor beim Schreiben Ihrer Romane?

Pflüger: Ein Drehbuchautor wird dafür bezahlt, dass er in seinem Kopf einen Film entstehen lassen kann. Und ein guter Roman ist immer auch Kopfkino. Andererseits ist ein Drehbuch sprachlich arm, die Actionsequenzen sind nichts anderes als Regieanweisungen, nüchtern und sachlich formuliert. Außerdem wird einem Drehbuchautor auch ein Etat anvertraut - wenn ein Film zwei Millionen Euro kosten darf, muss man das berücksichtigen.

SPIEGEL ONLINE: Bedeutet also Romane schreiben für Sie, Budgetgrenzen zu sprengen?

Pflüger: Ja, und es ist eine Lust, eine Befreiung. Ich kann meine Heldin rund um die Welt schicken, kann den unglaublichsten Aufwand betreiben, und es kostet nicht mehr, als würde der ganze Roman nur an einem Küchentisch spielen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eine goldene Regel für Thrillerautoren?

Pflüger: Ich darf den Leser nicht frustriert aus einer Geschichte entlassen, am Ende muss es Hoffnung geben. Thriller und Kriminalromane versprechen ihrem Publikum die Gerechtigkeit, die es im Leben oftmals nicht gibt, das macht sie so erfolgreich. Sollten Sie mir einen Thriller nennen, bei dem das anders ist, würde ich sofort losgehen und ihn kaufen - um zu sehen, wie der Kollege gescheitert ist.

insgesamt 1 Beitrag
Affenhirn 12.10.2017
1. interessante Einsicht
Allerdings in folgender Aussage steckt irgendwie ein Fehler, ich sehe aber nicht genau, wo: "Ich musste wissen, wie das Gehirn Blindheit kompensiert, warum Blinde besser sehen, hören, schmecken, tasten - wie ihr kognitives [...]
Allerdings in folgender Aussage steckt irgendwie ein Fehler, ich sehe aber nicht genau, wo: "Ich musste wissen, wie das Gehirn Blindheit kompensiert, warum Blinde besser sehen, hören, schmecken, tasten - wie ihr kognitives System funktioniert."
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