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Kultur

Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro

Er lehrt uns, zu misstrauen

Auch wenn Kazuo Ishiguros Romane ohne großes Tamtam daherkommen: Die Wahl des Nobelpreis-Komitees ist durch und durch politisch. Denn der englische Autor zeigt, wie leicht uns mächtige Erzähler täuschen können.

AFP
Von Anne Haeming
Donnerstag, 05.10.2017   19:53 Uhr

Ein Internat irgendwo in der englischen Pampa. Kathy H., die Ich-Erzählerin, erinnert sich an dieses Hailsham, an früher. An ihre Schulfreunde, an Spender, die Aufseher, die Betreuer. Und irgendwann, Kapitel nach Kapitel ihres nackten, fast spröden Erzählens, entblättert sich die Charade: Hailsham ist gar kein Internat, sondern eine Klonfabrik. Die Spender: geklonte Kinder, die aufwachsen zu Organ-Ersatzteillagern. Und wenn sie sich "vollenden", heißt das nur, dass sie ihren Dienst getan haben - den Tod.

Eine Welt, die von brutalen Euphemismen lebt. Doch bis diese Schichten bis ins Letzte freigelegt sind, dauert es, in Kazuo Ishiguros "Alles, was wir geben mussten". Was passiert, wenn die Realität, von deren Existenz wir überzeugt sind, plötzlich unter uns zusammenbricht: Das ist ein Leitmotiv in Ishiguros Schaffen. Ein zeitgemäßerer Kommentar auf unser Jetzt, das von postfaktischen Strömungen unterspült wird, in der Präsidenten auf Mythen statt auf wissenschaftliche Evidenz setzen, ist kaum vorstellbar.

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Kazuo Ishiguro:
Alles, was wir geben mussten

übersetzt von Barbara Schaden

Heyne Verlag; 352 Seiten; 9,99 Euro

Und damit ist die Auszeichnung, die das Nobel-Komitee getroffen hat, letztlich doch durch und durch politisch - auch wenn seine Romane ohne lautes Tamtam daherkommen. International bekannt wurde Ishiguro für "Was vom Tage übrig blieb", für den er 1989 den renommierten Booker-Preis bekam und der mit Anthony Hopkins und Emma Thompson verfilmt wurde.

Dass er nun mit diesem höchsten Literaturpreis bedacht wird, ist als Reverenz zu werten an einen, der uns als Lesern vor Augen führt, wie leicht wir uns von einem starken Erzähler täuschen lassen. Der zeigt, wie unheimlich es wird, wenn alles zwischen Fakt und Fiktion schaukelt wie auf hoher See, wenn der Horizont bei Wellengang verschwindet; und wie gefährlich es ist, wenn Geschichtsschreibung - die des Einzelnen wie die einer ganzen Gesellschaft - im Ungefähren hängen bleibt. Weil nur sein kann, was sein darf.

Romane von allgemeingültiger Kraft

Ishiguro, geboren 1954 in Nagasaki, aufgewachsen in England, entwirft so meisterlich wie kaum ein anderer Ich-Erzähler. Und zwar so, dass diese Perspektive stets einen moralischen Impetus hat: Ihre Geschichten sind von "Vielleichts" durchzogen, bis sie sich immer stärker als unzuverlässige Figuren herausstellen. Es sind Erzähler, die ihre Identität und ihre Geschichte verbergen. Und somit uns Lesern ihre Macht demonstrieren. Ishiguro lehrt uns so, zu misstrauen.

Und darauf zu achten, was nicht gesagt wird. Oder nur impliziert wird. Wie die Atombombe in seinem Debüt, dem in Japan angesiedelten Nachkriegsroman "Damals in Nagasaki". Wie das Detail, dass sein Ich-Erzähler, der Butler Stevens in "Was vom Tage übrig blieb", mit Lord Darlington einem Mann dient, der Nazi-Kollaborateur war. Oder dass in jenem Juli 1956, in dem der Roman beginnt, der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser den Suez-Kanal für ägyptisch erklärte - und damit der Mythos des Britischen Imperiums dem Ende zuging.

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Kazuo Ishiguro:
Was vom Tage übrig blieb

übersetzt von Hermann Stiehl

Heyne Verlag; 288 Seiten; 9,99 Euro

Vor allem aber taugen Ishiguros Romane als Allegorien. Sie reichen an die allgemeingültige Kraft von Franz Kafka, Samuel Beckett oder J. M. Coetzee heran. Denn genausowenig wie "Alles, was wir geben mussten" eine Science-Fiction-Story ist, ist sein aktuellstes Werk, "Der vergrabene Riese", über ein altes Ehepaar im 5. Jahrhundert ein Historienschinken übers Mittelalter oder wegen seiner Menschenfresser, Monstren, Elfen eine Fantasywelt à la "Game of Thrones".

Eine Zukunft ohne verlässliche Vergangenheit ist unmöglich

Vielmehr sind all das Geschichten über Reisende, die sich im Rätselhaften von Traumwelten bewegen. Menschen unterwegs in einem Anderswo, das Ishiguro als Extrem entwirft und damit die Grenzen unserer Vorstellungskraft auslotet. Ob es die Spurensuche des Protagonisten in "Als wir Waisen waren" ist, der seinen Kindheitserinnerungen nicht mehr trauen kann. Ob es die mysteriös zwischen Wachen und Schlafen hängende Kurzgeschichte "A Village After Dark" ist. Ob es der Butler Stevens in "Was vom Tage übrig blieb" ist, der sich aufmacht zu einer ehemaligen Dienstboten-Kollegin, deren Rolle er nur peu à peu enthüllt, auch sich selbst. Sie alle folgen der Sehnsucht nach ihrem Sein, indem sie sich ihre Vergangenheit bewusst machen.

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Literaturnobelpreis 2017: Und überall ein Vielleicht

Wie stark diese überzeitliche Wucht seines Erzählens ist, zeigt sich gerade in seinem zuletzt erschienen Roman, "Der vergrabene Riese". Es spielt in einem Britannien vor etwa 1500 Jahren, in dem man an Dämonen glaubt. Der blutige Krieg zwischen Briten und Sachsen ist vorbei, als sich zwei Alte, Beatrice und Axl, auf den Weg zu ihrem Sohn machen. Sie werden zu Flüchtenden. Bis sie gestoppt werden. Die rettende Seite auf der anderen Seite des Wassers, heißt es, erreiche nur, wer beweisen könne, wie wahrhaftig ihre Liebe sei.

Doch ein Nebel liegt über der Welt, der ins Gedächtnis kriecht, bis die Erinnerungen in Wolkenbänken untertauchen und nur kleine Bruchstücke daraus hervorragen. Die Amnesie, die Axl, Beatrice und alle anderen befällt, macht selbst ihr Jetzt nur zu einem Vielleicht. Eine Zukunft ohne verlässliche Vergangenheit ist unmöglich.

Axl, Beatrice, genauso wie Kathy H. und die anderen Klone, sie sind ohne Ursprung. Sie haben keine Geschichte, dieses Fundament von Menschlichsein. Ishiguros Figuren lehren uns damit, wie überlebenswichtig ein geteiltes kollektives Gedächtnis ist. Damit wir Mythos und Wahrheit nicht verwechseln.

insgesamt 3 Beiträge
ecki in mexico 05.10.2017
1. Eine grandiose Wahl!
Kazuo Ishiguro schreibt ein einfangend schoenes und poetisches Englisch, das zudem auch fuer Nicht-Muttersprachler leicht zu verstehen ist. Seine aussergewoehnlichen Geschichten transportieren immer eine politische und [...]
Kazuo Ishiguro schreibt ein einfangend schoenes und poetisches Englisch, das zudem auch fuer Nicht-Muttersprachler leicht zu verstehen ist. Seine aussergewoehnlichen Geschichten transportieren immer eine politische und humanistische Dimension. Seine Figuren sind so greifbar und nah, egal ob geschichtlichen Romanen wie "The Remains of the Day" und "An Artist of the Floating World", oder in fantastischen Geschichten wie "The Buried Giant" oder in geradezu musikalischen Geschichten wie in "Nocturnes".
Newspeak 05.10.2017
2. ...
Ich kannte den Autor bis heute nicht. Dann habe ich die Kurzgeschichte "A Village after Dark" gelesen. Ich stimme zu, die Sprache ist meisterhaft, die Erzaehlweise kunstvoll und Spannung erzeugend, aber moeglicherweise [...]
Ich kannte den Autor bis heute nicht. Dann habe ich die Kurzgeschichte "A Village after Dark" gelesen. Ich stimme zu, die Sprache ist meisterhaft, die Erzaehlweise kunstvoll und Spannung erzeugend, aber moeglicherweise habe ich es nicht verstanden, das Ende ist nichtssagend, es gibt keine Aufloesung, es gibt keinen Sinn, es bleibt mysterioes und damit auch beliebig. David Lynch in Literatur. Das mag Kunst sein, aber es ist irgendwie auch erzaehlerisches Versagen. Ich raeume natuerlich ein, dass eine Kurzgeschichte nicht repraesentativ fuer sein Werk sein mag. Aber der Eindruck vergangener Jahre verfestigt sich, dass das Nobelkommitee nur Schriftsteller auszeichnet, die ein wenig der Welt entrueckt und abgehoben sind?
humanismussardine 06.10.2017
3. Zurecht!
Auch "alles was wir geben mussten" geht unglaublich unter die haut. Sehr talentierter Autor. Sehr guter Beitrag. Danke!
Auch "alles was wir geben mussten" geht unglaublich unter die haut. Sehr talentierter Autor. Sehr guter Beitrag. Danke!

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