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Kultur

Saudische Frauenaktivistin Manal al-Sharif

"Die Wirtschaft ist unser wichtigster Reformer"

In Saudi-Arabien wurde das Fahrverbot für Frauen aufgehoben. Ein Erfolg für Manal al-Sharif. Hier spricht sie über die ökonomischen Umbrüche in ihrem Land und den noch sehr langen Weg zur Demokratie.

AFP

Manal al-Sharif in ihrem Auto

Ein Interview von
Dienstag, 10.10.2017   12:55 Uhr

Am 26. September 2017 verkündete die staatliche saudische Presseagentur SAP die Aufhebung des Fahrverbots für Frauen. Seit Jahrzehnten haben Frauenrechtlerinnen dafür gekämpft. Manal al-Sharif ist eine von ihnen, jahrelang saß sie für ihr politisches Engagement im Gefängnis.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie auf die Nachricht reagiert, dass Frauen in Ihrem Land künftig Auto fahren dürfen?

Al-Sharif: Natürlich bin ich überglücklich. Und auch darüber, dass Mädchen nun endlich am Sportunterricht teilnehmen können. Denn das wurde letzte Woche ebenfalls durch einen Erlass beschlossen. Trotzdem würde ich im Jahr 2017 lieber über die jüngsten Forschungseinrichtungen an saudischen Schulen sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Obwohl die ersten Fahrschulen erst im Sommer nächsten Jahres eröffnen, sieht man die ersten Frauen bereits fahren. Wie kommt das?

Al-Sharif: All die Frauen, die jetzt bereits hinter dem Steuer sitzen, haben ihre Fahrerlaubnis aus einem der benachbarten Golfstaaten. Das ist eine der vielen schizophrenen Tatsachen, dass man in unseren Nachbarländern als saudische Frau einen Führerschein machen konnte, aber zu Hause nicht fahren durfte. Offiziell sind das immerhin schon 6000 Frauen, die nun auf saudischen Straßen unterwegs sein können.

SPIEGEL ONLINE: Welche Bedeutung hat die Aufhebung des Fahrverbots für die Frauen?

Al-Sharif: Es macht sie selbstständiger, sie können sich künftig allein von A nach B bewegen, sind nicht mehr auf familiäre Unterstützung oder fremde Fahrer angewiesen. Es macht die Frauen freier. Die Aufhebung des Verbots ist ein wichtiger erster Schritt für die Gleichstellung der Frau in meinem Land. Das Dekret beinhaltet übrigens auch, dass eine Frau ohne die Zustimmung ihres Mannes eine Fahrerlaubnis beantragen kann.

Foto: REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Frauen dürfen in Zukunft also allein das Haus verlassen und ihren alltäglichen Geschäften nachgehen, ohne männliche Begleitung?

Al-Sharif: Ja sicher. Das konnten sie übrigens vorher auch. Genauso wenig wie es ein Gesetz gab, das Frauen das Autofahren verboten hat, gibt es eines, das die permanente Begleitung durch einen männlichen Aufpasser vorschreibt. Es ist eine soziale Norm, die von den einflussreichen radikalislamistischen Gruppierungen definiert und deren Erfüllung von der geheimen Religionspolizei kontrolliert wurde.

SPIEGEL ONLINE: Welche Gründe stecken Ihrer Meinung hinter dem Beschluss?

Al-Sharif: Manche meiner Landsleute sagen scherzhaft, das musste passieren, bevor ab 2020 die ersten fahrerlosen Autos auf den Straßen unterwegs sind. Aber in erster Linie ist die Wirtschaft unser wichtigster Reformer. Saudi-Arabien hat viele ökonomische Rückschläge einstecken müssen, und auch unsere Ölvorkommen sind nicht unendlich. Wir investieren viel in die schulische und universitäre Ausbildung von Mädchen und Frauen, aber wofür? Diese Frauen arbeiten später nicht. Einer der Hauptgründe: Sie kommen nicht zur Arbeit. Ein öffentliches Nahverkehrssystem, wie Sie es in Europa kennen, gibt es bei uns nicht. Und das in einem Land, das 31 Millionen Einwohner hat und etwa sechsmal so groß ist wie Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind denn die Reaktionen in Saudi-Arabien? Den Schritt in Richtung Selbstständigkeit der Frau begrüßt sicher nicht jeder.

Al-Sharif: Ein Großteil meiner Landsleute befürwortet die Aufhebung des Fahrverbots. Ich bekomme auf allen Kanälen Nachrichten, Bilder und Videoclips von Menschen, die das Dekret feiern. Aber es gab in den ersten Tagen auch Hashtags auf Twitter, unter denen Gegner des Erlasses ihre Wut und ihren Ärger freien Lauf gelassen haben. Doch lieber geschieht das online, als dass Frauen tatsächlich auf der Straße angegriffen und aus ihren Autos gezogen werden.

AFP/ NTB Scanpix

Aktivistin Manal al-Sharif

SPIEGEL ONLINE: Wenn man über Jahrzehnte indoktriniert wurde, dass etwas gefährlich, verboten, verabscheuungswürdig ist, wird man die Fahrerlaubnis für Frauen kaum positiv sehen.

Al-Sharif: Wer nur eine Sicht der Dinge kennt, den überzeugt man nur schwer vom Gegenteil. Viele sind dem Unbekannten erst mal feindlich gesinnt. Erziehung, ob an Schulen, Universitäten oder zu Hause, spielt hier die entscheidende Rolle. Deshalb muss auch Europa auf seine Demokratien aufpassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Al-Sharif: Deine Rechte sind nicht in Stein gemeißelt, sie bleiben dir nur so lange wie du sie auch achtest und beschützt. Der Kampf endet nicht, sobald du etwas erreicht hast. Er muss weiter gehen, damit dir das Recht nicht wieder genommen wird. Gerade für die Jüngeren ist es wichtig zu wissen, was die älteren Generationen durchmachen mussten, um die heutigen Freiheiten zu erreichen. Man darf sie nicht als selbstverständlich und gegeben hinnehmen. Demokratie ist ein hohes Gut, aber auch Arbeit. Sie braucht viel Pflege und Zuwendung.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben nie in einer Demokratie gelebt...

Al-Sharif: Nein, und ich sage Ihnen: Unterdrückung ist einfach. Verbiete den Leuten, ihre Meinung zu sagen, zentralisiere die Macht, entscheide im Namen aller Bürger, stecke jeden deiner Kritiker ins Gefängnis oder verbanne ihn ins Exil. Europa ist ein so vielseitiger Kontinent, so reich an Kulturen, Sprachen, mit so viel Schönheit. Als jemand, der in einer Diktatur aufgewachsen ist, fällt mir auf, wie gebildet, tolerant und weltgewandt die Menschen hier sind. Das zu beschützen lohnt sich.

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Aus dem Englischen von Gesine Strempel/ Joachim von Zepelin

Secession, 380 Seiten; gebunden; 25,00 Euro

SPIEGEL ONLINE: Steht ein Machtkampf in Saudi-Arabien bevor, sollte die Modernisierung der saudischen Gesellschaft weitergehen? Sowohl innerhalb der königlichen Familie als mit auch den radikalen Islamisten?

Al-Sharif: Das Ringen um die Macht ist bereits im Gange. Als König Salman 2015 den Thron bestieg, ernannte er seinen Sohn Mohammed zum Verteidigungsminister und Chef des Wirtschaftsrates. Um auch Kronprinz zu werden, ignorierte Mohammed mehrmals die Familienetikette und verdrängte seinen älteren Cousin von der Position. Prinz Mohammed ist impulsiv, unerfahren, machthungrig und sehr jung. Mit 31 Jahren sehen viele Saudis in ihm aber einen Hoffnungsträger. Saudi-Arabien ist ein sehr junges Land. 60 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 25 Jahre, 80 Prozent unter 40. Damit ist er Teil der jungen Generation, die sich Veränderungen wünscht.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem ist er alles andere als liberal.

Al-Sharif: Ja. Der Krieg im Jemen geht auf sein Konto, ebenso wie die Katar-Krise, die jüngste Verhaftungswelle seiner Kritiker schließt nicht nur erzkonservative religiöse Führer, sondern auch Journalisten und Bürgerrechtler ein. Er wird sehr gute und weitsichtige Berater brauchen, um das Land aus dem mittelalterlichen, restriktiven Denken zu führen.

SPIEGEL ONLINE: Wie stellen Sie sich die politische Zukunft für Saudi-Arabien vor?

Al-Sharif: Wir brauchen eine konstitutionelle Monarchie, mit einem Parlament, das nicht vom König, sondern von den Bürgern gewählt ist. Ich wünsche mir keine Demokratie, dafür ist die Gesellschaft noch nicht bereit. Saudi-Arabien ist zu konservativ, zu religiös und zu sehr von Stämmen geprägt. Aber ich bin für die Trennung von Staat und Religion. Wir brauchen ein unabhängiges Rechtssystem, das über der Regierung steht. Und natürlich das Recht auf freie Meinungsäußerung. Damit beginnt jede Reform.


Lesungen:
10.10. Bonn, Goethe & Hafis
11.10. Frankfurter Buchmesse (in Zusammenarbeit mit der "Zeit")
11.10. Frankfurt, Zwischen Zeilen, Lesung in der Reihe des Friedenspreises, Katharinenkirche
11.10. Frankfurt Stadt, Open Books, Großer Saal

insgesamt 3 Beiträge
brehn 10.10.2017
1. naja
Wirtschaftlich geht es bergab in Saudi-Arabien, viele können den Lebensstandard nicht mehr 100%ig halten, wozu auch ein Chauffeur gehört hat. Und bevor nun Vati die Kinder selbst zur schule fahren muss, erlaubt er lieber der [...]
Wirtschaftlich geht es bergab in Saudi-Arabien, viele können den Lebensstandard nicht mehr 100%ig halten, wozu auch ein Chauffeur gehört hat. Und bevor nun Vati die Kinder selbst zur schule fahren muss, erlaubt er lieber der Mutti das fahren....
pauli96 10.10.2017
2. Ich hoffe, dass möglichst viele der Foristen von gestern,
die ihre Witzchen über das österreichische "Burka-verbot" gemacht haben, dieses Interview auch lesen und kommentieren. Mal abgesehen davon, ob Symbolpolitik hilfreich ist, was den Leuten wie Frau al Sharif gar nicht [...]
die ihre Witzchen über das österreichische "Burka-verbot" gemacht haben, dieses Interview auch lesen und kommentieren. Mal abgesehen davon, ob Symbolpolitik hilfreich ist, was den Leuten wie Frau al Sharif gar nicht hilft, ist europäische Toleranz und Akzeptanz genau der Werte und Vorstellungen, gegen die Bürgerrechtler in den betroffenen Ländern verzweifelt ankämpfen.
frenchie3 10.10.2017
3. Speziell was sie über Demokratie sagt
gehört einer Menge Leute hier hinter die Ohren gemeißelt.
gehört einer Menge Leute hier hinter die Ohren gemeißelt.

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