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Kultur

Daniel Kehlmanns Eulenspiegel-Roman

Ein Narr? Ein Freigeist!

Hinter dem Flunkern steckt Kalkül: Daniel Kehlmanns fabulöser Schelmenroman "Tyll" treibt ein munteres Spiel mit Realität und Fiktion - rund um den Gaukler Till Eulenspiegel.

imago

Till Eulenspiegel

Von Björn Hayer
Donnerstag, 12.10.2017   12:14 Uhr

Er ist ein Magier, der zu Fantasie verführt, ein Wandler zwischen Realität und Fiktion und zweifelsohne einer der begabtesten Erzähler seiner Generation: Daniel Kehlmann.

Nun stellt er sein Können erneut unter Beweis. Diesmal mit dem fast 500 Seiten schweren Schelmenroman "Tyll", der unverkennbar auf den Vagabunden Till Eulenspiegel verweist. Dass der im Namen vorkommende Nachtvogel einstmals sowohl die Weisheit als auch den Teufel symbolisierte, macht sich Kehlmann geschickt zunutze. Denn je weiter wir lesen, desto zwielichtiger und ungreifbarer wird der Held, der im 14. Jahrhundert als umherziehender Gaukler auf den Marktplätzen zu Hause gewesen sein soll.

Schon früh zieht Kehlmanns Schalk in die Welt hinaus und gerät sogleich an einen ausbeuterischen Trunkenbold, der ihm immerhin Kenntnisse im Jonglieren und Tricksen vermittelt. Es folgen Stationen in Adelshäusern mit allerlei abenteuerlichen Verwicklungen, bis wir am Ende gar nicht mehr wissen, ob es Narren überhaupt noch gibt. An einer Stelle mitten im Roman berichtet Tyll, dass er bei einer Belagerung verschüttet worden sei.

Ein Meister in Sachen Rollenprosa

Die eigentliche und zurückliegende Begebenheit findet sich hingegen erst viel später im Text. Zur weiteren Verwirrung trägt ein völlig unzuverlässiger Chronist bei: Ein dicker Graf, der den Narren vermeintlich mit sich führt, schönt in einem Kapitel ziemlich stümperhaft seine Vita. "Das meiste war reine Erfindung", lesen wir. Oder: "Wahrhaftigkeit sei nicht alles: Die Unmengen von Ereignissen hätte sich ihm nicht zu Geschichten geformt" - frei nach der Devise: Wer Lücken hat, muss ein guter Erfinder sein.

Beowulf Sheehan

Autor Kehlmann

Ob der Gaukler wirklich an der Seite jenes trügerischen Autobiografen war, oder doch nur ein Hirngespinst oder Untoter, bleibt ungewiss. Und so verschachtelt Kehlmann munter Realitäts- und Traumebenen, lässt seinen schwer identifizierbaren Erzähler (wenn es überhaupt nur einer ist) in verschiedene Perspektiven schlüpfen, darunter auch in Theologen oder abergläubige Dorfbürger. Mit Kehlmann ist dabei nicht nur ein Meister in Sachen Rollenprosa am Werk, der brillant für jede Figur eigene Denkräume und Stile entwickelt, sondern ein begnadeter Fabulierkünstler, der das Zeug zu einem neuen Nabokov hat.

Selbst wenn "Tyll" ebenso wie seine letzten Bücher "F" oder "Du hättest gehen sollen" nicht mehr ganz an die kompositorische Dichte seines wohl besten Werkes "Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten" heranreicht, eint sie alle eine erstaunliche Passion: das Spiel mit der Fiktion, die Lust am Verwirren. Verunsicherungen aufseiten des Lesers sind gewollt. Als würde man durch Milchglas hindurchschauen, erweisen sich die Welten dieses Autors als leicht verschwommen und entrückt. In ihnen greift das Unerklärliche Raum: In "Die Vermessung der Welt" etwa mit einem Seeungeheuer, in "Tyll" mit Zauberformeln.

Mittelalter trifft auf Neuzeit

Was diesen Wirklichkeitsbrechungen entgegensteht, ist der grundsätzlich realistische Rahmen seiner Geschichten. Im aktuellen Roman bildet der Dreißigjährige Krieg die historische Kulisse, wohlgemerkt über 200 Jahre nach der angeblichen Lebenszeit des echten Eulenspiegels. Hinter dem Flunkern steckt Kalkül. Aus einem grotesken Narren macht Kehlmann einen so klugen wie gespenstischen Freigeist in Zeiten des Umbruchs.

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Daniel Kehlmann:
Tyll

Rowohlt, 480 Seiten; gebunden; 22,95 Euro

Während manche seiner Figuren einen noch am Hexenkult festhalten, beginnen andere die Vorkommnisse des Daseins mit naturwissenschaftlichen Methoden zu erfassen. Mittelalter trifft auf Neuzeit und über dem Graben schwebt Tyll als Seiltänzer - eine Figur, in der schon Friedrich Nietzsche den Prototyp des Übergangs zu einer neuen Ordnung sah. Feldherren sind in diesem Roman Sklaven ihrer Ämter und Konfessionen.

Einzig der Gaukler erweist sich als Sinnbild der Freiheit. Er zieht es nach eigener Aussage vor, nicht zu sterben, und herrscht über das grenzenlose Land der Illusionen und Geschichten. "Tyll" ist daher vor allem eines: ein herausragendes Zeugnis für die Leistungsfähigkeit des Erzählens.

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