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Kultur

Größter Buchladen Südasiens

200.000 Bücher - 4000 Quadratmeter Freiheit

Eine der größten Buchhandlungen der Welt steht ausgerechnet in Pakistan. Die Saeed Book Bank ist eine Institution - und das in einer politisch schwierigen Lage, wie man sie sich in Deutschland kaum vorstellen kann.

Hasnain Kazim

Buchladen Saeed Book Bank in Islamabad, Pakistan

Aus Islamabad berichtet
Mittwoch, 11.10.2017   20:39 Uhr

Natürlich reist Ahmad Saeed diese Woche wieder nach Deutschland. Er ist jedes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse, jedesmal schaut er bei Verlagen aus den USA, England und Indien vorbei, begutachtet Bücher - und bestellt Ware im Wert von vielen Tausend Dollar. Er besucht auch Messen in London, Delhi und Singapur. "Nur in die USA darf ich nicht reisen, ich bekomme kein Visum", sagt er. "Obwohl wir dort Bücher im Wert von einer halben Million Dollar im Jahr kaufen."

Ahmad Saeed, groß gewachsen, rahmenlose Brille, die Haare streng nach hinten frisiert, ist Chef eines bemerkenswerten Geschäfts in Pakistan, einem Land, das vor allem mit Terror und Taliban Schlagzeilen macht: Er betreibt in der Hauptstadt Islamabad die Saeed Book Bank, das größte Buchgeschäft von Südasien und eine der größten Buchhandlungen der Welt. Auf drei Stockwerken, etwa 4000 Quadratmetern, bieten er und seine insgesamt 90 Mitarbeiter Bücher an. Bis an die Decke stapeln sich die Bände, dazwischen laufen die Verkäufer herum, ausschließlich Männer in schwarzen Hosen und blauen Hemden. Die meisten von ihnen können selbst kaum lesen, aber sie wissen genau, wo was steht.

Unter den rund 200.000 Titeln wird jeder fündig, ob man sich nun für die Schwulenbewegung in Südasien interessiert, Ukrainisch lernen möchte oder ein Fachbuch über die Anatomie des menschlichen Verdauungstrakts sucht. Was gibt es, das Sie nicht haben, Mr. Saeed? Er lacht. "Die pakistanische Regierung verbietet den Import von antiislamischer, antipakistanischer, obszöner und subversiver Literatur, so steht es im Gesetz. Ansonsten können wir alles bestellen und verkaufen."

Alles von Rushdie - außer die "Satanischen Verse"

Den Roman "Die satanischen Verse" zum Beispiel, für den der Schriftsteller Salman Rushdie 1988 vom Iran mit einer Fatwa belegt wurde und der in Pakistan als "antiislamisch" gilt, bekomme man bei ihm im Laden nicht. "Alle anderen Bücher von Salman Rushdie schon", sagt Saeed. "Ach, und den SPIEGEL haben wir leider auch schon lange nicht mehr im Angebot", fügt er hinzu. "Früher haben wir Dutzende Exemplare jede Woche verkauft." Viele andere Zeitschriften seien ebenfalls aus seinen Regalen verschwunden. Und dann erzählt er, wie es dazu kam.

Sein Vater Saeed Jan Qureshi hatte wenig Schulbildung, war aber sehr belesen. Er stammte aus einer armen Familie im Sindh, im Süden von Pakistan. Dort arbeitete er schon als Neunjähriger für einen reichen Grundbesitzer. Seine Aufgabe war es, dessen Bibliothek zu entstauben. Eines Tages, erzählt Saeed in seinem Büro in Islamabad, fand der Großgrundbesitzer den Jungen lesend vor und war erfreut über dessen Interesse an Texten. Er erlaubte ihm, sich Bücher auszuleihen. Die Bedingung war, er solle sie pfleglich behandeln und im selben guten Zustand wieder zurückbringen. "Damit war die Liebe meines Vaters zu Büchern geweckt."

Der reiche Feudalherr verschaffte dem Jungen einige Jahre später einen Job in einer kleinen Buchhandlung in Peshawar, einer Stadt nahe der Grenze zu Afghanistan. Dort gründete Qureshi 1952, inzwischen ein junger Mann, mit sehr wenig Geld und einem kleinen Bestand seinen eigenen Laden: Saeed Book Bank. "In der Zeit gab es nur wenige Autos in Peshawar, und jedes Mal, wenn mein Vater eines hörte, hoffte er, dass es vor seinem Laden hielt, damit es seinem Geschäft Aufmerksamkeit verschaffte", erzählt Saeed.

Hasnain Kazim

Ahmad Saeed

Über die Jahre wuchs das Geschäft, der Vater eröffnete Dependancen und Lager in mehreren pakistanischen Städten. "Peshawar war eine Stadt, in der es in den Siebziger- und Achtzigerjahren viele Spione gab", erzählt Saeed, der damals ein Kind war und gelegentlich im Laden aushalf. "Sie waren eifrige Leser und daher gute Kunden." Saeed studierte Betriebswirtschaft in Peshawar und richtete sich darauf ein, irgendwann das Buchgeschäft zu übernehmen.

Drohanrufe wegen ausländischer Magazine

Dann, Ende der Neunzigerjahre, die Taliban hatten inzwischen die Macht im Nachbarland Afghanistan übernommen, begann der Einfluss von Extremisten in Pakistan zu wachsen. "Wir erhielten Drohanrufe und Briefe, dass wir aufhören sollten, englischsprachige Bücher und ausländische Magazine zu verkaufen." Dabei verkaufte Saeed Book Bank fast ausschließlich Bücher auf Englisch - Romane, Sachbücher, Schulbücher, wissenschaftliche Publikationen. "Wir hätten also gleich schließen können", sagt Saeed. Um den Extremisten Entgegenkommen zu zeigen, verzichtete man fortan auf ausländische Zeitschriften. Damit war auch der SPIEGEL aus den Regalen verschwunden.

Zwar blieb das Geschäft von einem Anschlag verschont, doch der Druck nahm weiter zu. 1999 schloss Saeed Book Bank in Peshawar - und zog stattdessen in die Hauptstadt Islamabad. "Zufällig fanden wir dieses große Gebäude, in dem wir heute noch sind, zu einem vernünftigen Preis." Und so entstand hier das größte Buchgeschäft Südasiens, ein Ort der geistigen Freiheit und der Kunst. Ein Laden, der Monat für Monat Bücher im Wert von 200.000 Dollar aus dem Ausland bestellt, die in Tausend Kilogramm schweren Kisten ankommen.

"Wir haben das Glück, dass wir als großer Händler in einem Entwicklungsland mit langjährigen Geschäftsbeziehungen zu Verlagen billiger an Bücher kommen. Man räumt uns großzügige Rabatte und Kredite ein, sodass wir die Bücher preiswerter anbieten können." In all den Jahren hat Saeed Book Bank darauf verzichtet, Raubkopien von Büchern zu verkaufen - in anderen Buchhandlungen in Pakistan ist das durchaus üblich.

Eine Neuerscheinung, die in den USA oder in England vielleicht 20 Dollar kostet, gibt es bei Saeed Book Bank trotzdem schon für die Hälfte. Das, sagt Saeed, sei nötig in einem Land, in dem die Menschen sehr viel weniger verdienen als in Europa oder Amerika. "Die meisten Kunden sind ja Studenten und Leute aus der pakistanischen Mittelschicht." Aber auch ausländische Diplomaten und Entwicklungshelfer decken sich hier gerne ein.

Bestseller Nummer eins ist eine englische Übersetzung des Koran. Aber auch sonst verkauft sich Literatur, die sich mit dem Islam auseinandersetzt, sehr gut. "Wir sind ja nicht aus eigener Wahl Muslime, sondern durch Geburt. Deshalb gibt es eine große Wissenslücke. Die Menschen haben, auch wegen der jüngsten Entwicklungen, eine große Sehnsucht zu verstehen."

Eine Tradition hat Saeed von seinem Vater übernommen: Wenn er einen Bücherdieb erwischt, bestraft er ihn nicht. Er sagt ihm, er dürfe sich das Buch ausleihen, müsse es aber im selben Zustand zurückbringen. Als sein Vater 2015 starb, kamen zu dessen Beerdigung auch einige ältere Herren und überreichten ihm, dem Sohn, ein paar Geldscheine. "Sie sagten mir, das sei für Bücher, die sie mal als Jugendliche gestohlen hätten." Saeed lächelt. "Heute zählen sie zu meinen besten Kunden." Auch für sie werde er jetzt in Frankfurt nach neuem Lesestoff Ausschau halten.

insgesamt 2 Beiträge
info@buch-perl.de 11.10.2017
1. Wo Wissen nicht selbstverständlich ist, wird es existentiell
Vielen Dank für diesen wunderschönen Bericht. Die geistige Saat, die ich auf Überlandreisen vor über 40 Jahren kennenlernte konnte, läßt sich nicht ausrotten. Von niemandem. In Pakistan hätte ich so ein Bildungszentrum [...]
Vielen Dank für diesen wunderschönen Bericht. Die geistige Saat, die ich auf Überlandreisen vor über 40 Jahren kennenlernte konnte, läßt sich nicht ausrotten. Von niemandem. In Pakistan hätte ich so ein Bildungszentrum nicht vermutet. Es ist ein Garant für Veränderungen, wie lange sie auch dauern mögen. Und kleinere Buchhandlungen, deren Betreiber sich dem Denken verpflichtet fühlen, gibt es auch in anderen diktatorischen Regionen. Ohne Zugang zu Wissen, über Online-Angebote hinaus, kommen auch deren Regime nicht aus. Wissen läßt sich nicht verbieten, wird durch Verbote begehrenswerter und findet Wege.
marianne.weber 12.10.2017
2.
Die Geschichte vom Vater der in einer fremden Bibliothek beim Lesen "erwischt" wurde hat mich ein wenig an die Geschichte der Bücherdiebin erinnert. Geschichten, die das Leben schreibt...
Die Geschichte vom Vater der in einer fremden Bibliothek beim Lesen "erwischt" wurde hat mich ein wenig an die Geschichte der Bücherdiebin erinnert. Geschichten, die das Leben schreibt...
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