Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Tom Franklins Südstaaten-Groteske

Großer Gott, was für ein Elend!

Alabama 1911: Religiöse Fanatiker, korrupte Richter, notgeile Teenager bevölkern den Roman "Smonk", sie stehlen, morden, vergewaltigen. Tom Franklin erzählt aus dem Süden der USA - in Deutschland bald Abiturstoff.

ddp images

William Holden in Sam Peckinpahs "The Wild Bunch" (1969)

Von
Mittwoch, 08.11.2017   10:22 Uhr

Natürlich endet dieses Buch mit Feuer und Tod und Zerstörung. Wie könnte es anders sein bei einem Ort wie Old Texas, Alabama? Der so voller Sünde ist, so verdorben, so sehr nach Sodom und Gomorrha modelliert zu sein scheint. Wie könnte es anders sein bei einer Titelfigur wie Eugene Oregon Smonk, dem Killer und Vergewaltiger, von dem wir schon im ersten Satz erfahren, dass er am Ende tot sein wird? Bei dem wir von Beginn an ahnen, dass er nicht gelassen in die gute Nacht gehen wird.

Dieser erste Satz trägt in seiner herrlichen Verdrehtheit schon den gesamten Roman in sich, der sich im Original stilistisch an der King-James-Bibel ausrichtet und von Nikolaus Stingl in ein kunstvolles, archaisches Deutsch übertragen wurde:

"Es war am Vortag des Vortages seines Ablebens durch Mord, und Mundharmonika-Musik lag in der Luft, als E.O. Smonk auf dem umstrittenen Muli über das Eisenbahngleis und den Hügel hinauf zu dem Hotel ritt, wo sein Prozess stattfinden sollte."

Ein Prozess, zu dem es nicht kommen wird. Smonk schießt sich - mithilfe gedungener Auftragsmörder und einem überaus leistungsfähigen Maschinengewehr - den Weg frei und flieht. Ein fulminanter Auftakt, der nicht zufällig an den legendären Shootout zu Beginn von Sam Peckinpahs "The Wild Bunch" erinnert. Er liebe diesen Film, sagt Tom Franklin, und habe seinen Roman deshalb mit Referenzen an diesen wohl härtesten Western aller Zeiten gespickt.

Annette Hornischer/ Courtesy American Academy, Berlin

Autor Tom Franklin

Doch anders als Peckinpah erzählt Franklin seine Geschichte nicht als blutige Outlaw-Ballade, sondern als Groteske - bevölkert von religiösen Fanatikern, korrupten Richtern, notgeilen Teenagern und einer Gruppe mörderischer Witwen. Und mittendrin: die 15-jährige Prostituierte Evavangeline, die eigentlich nur irgendwie über die Runden kommen will und mit einem Schild, auf dem "Ficken 1 Dollar" steht, vor Saloons auf Kundschaft wartet.

Doch weil sich ihre Kunden immer wieder umsonst nehmen wollen, was sie doch schon spottbillig anbietet, wird Evavangeline zur Mörderin - und das wieder und wieder. Stoisch wie sie ist und wie sie bei allem Elend, das sie erlebt, ihren Stolz nie verliert, könnte sie eine Vorfahrin von Fay sein, der Heldin aus Larry Browns gleichnamigem Romanklassiker. Beide ziehen das Unglück ähnlich magisch an.

Karnevalesker Unernst

Der Südstaatenautor Brown gehört zu den Vorbildern Franklins, der aus Alabama stammt und dessen Romane und Kurzgeschichten in der Tradition der Literatur des Rough South stehen, zu der auch Autoren wie Harry Crews und Cormac McCarthy gezählt werden - schonungslose, knallharte Geschichten, die von der dunklen Kehrseite des stolzen Südens erzählen.

Anzeige
Tom Franklin:
Smonk

Die Stadt der Witwen

Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl

Pulp Master, 307 Seiten; 14,80 Euro

"Als ich mit 'Smonk' begonnen habe, wollte ich eigentlich eine Parodie auf McCarthys 'Die Abendröte im Westen' schreiben", sagt Franklin. "Aber irgendwann entdeckte ich, dass meine Figuren sich ganz anders entwickelten, und ich beschränkte mich darauf, seinen biblischen Sound zu übernehmen." Wortgewaltig wie McCarthy schreibt Franklin, und mit dessen Liebe zu übersteigerten Sprachbildern: "Die großen, grinsenden Vögel waren überall, an den Himmel geklebte, tuberkulöse Finsterblicke, schiefe, bösartige Tumorgewächse im Geäst von Bäumen."

Im Unterschied zu McCarthy erzählt Franklin aber nicht aus einer gottesähnlichen Perspektive, sondern bleibt ganz dicht an seinen Figuren. Er bewertet ihre Taten (und Untaten) nicht, legt seine Stimme nicht über ihre. Franklin entwickelt einen karnevalesken Unernst, der dem russischen Theoretiker Bachtin größte Freude gemacht hätte, und dekonstruiert so konsequent die Archetypen des klassischen Western.

Glücksfall für den Kleinverlag

Mit geradezu naiver Fröhlichkeit - und ohne jedes Schuldbewusstsein - wird gestohlen und gemordet, verstümmelt und vergewaltigt (Letzteres bleibt oft in der Familie). Seine Protagonisten sind Zerrbilder, halluzinatorische Versionen klassischer Helden und Schurken. Die Zivilisation mag angekommen sein im Alabama des Jahres 1911 - ihre Segnungen aber sind mehr als fragwürdig.

"Smonk" erschien in den USA bereits im Jahr 2006, es war Franklins zweiter Roman und verkaufte sich nur mäßig. "Was vielleicht auch daran gelegen hat, dass es keine Figur gibt, mit der sich die Leser identifizieren können", so Franklin. Das änderte er mit dem vier Jahre später erschienenen "Crooked Letter, Crooked Letter", einem Kriminalroman, der in den USA zum Bestseller wurde und in Deutschland im kommenden Frühjahr veröffentlicht wird. An deutschen Schulen wird er im Englischunterricht jetzt schon gelesen und gehört ab 2019 sogar zu den abiturrelevanten Romanen in Baden-Württemberg.

Dass ein solcher Autor hierzulande jahrelang nicht mehr übersetzt wurde und jetzt bei dem Berliner Kleinstverlag Pulp Master erscheint, ist ein Glücksfall für dessen Betreiber Frank Nowatzki - und hoffentlich ein Weckruf für die deutschen Großverlage, die die Literatur der amerikanischen Südstaaten zuletzt oft ignoriert haben. Kleine Orientierungshilfe gefällig? Der Band "Grit Lit - A Rough South Reader" sammelt viele ungehörte oder vergessene Stimmen. Mitherausgeber ist Tom Franklin.

insgesamt 2 Beiträge
Stäffelesrutscher 08.11.2017
1.
Dieser erste Satz erinnert mich eher an Gabriel García Márquez: Chronik eines angekündigten Todes. »An dem Tag, an dem sie Santiago Nasar töten wollten, stand er um fünf Uhr dreißig morgens auf, um den Dampfer zu erwarten, [...]
Dieser erste Satz erinnert mich eher an Gabriel García Márquez: Chronik eines angekündigten Todes. »An dem Tag, an dem sie Santiago Nasar töten wollten, stand er um fünf Uhr dreißig morgens auf, um den Dampfer zu erwarten, mit dem der Bischof kam.« Und andere Leser werden sicherlich noch andere Beispiele bringen können.
Uban 08.11.2017
2. Wo wir schon bei Werbung sind:
... und wer es wirklich hart mag, dem sei Donald Ray Pollock empfohlen; ein weiterer Südstaaten Autor (Onio?) dazu auch noch Autodidakt der erst mit 50 angefangen hat zu schreiben: "Das Handwerk des Teufels" (The [...]
... und wer es wirklich hart mag, dem sei Donald Ray Pollock empfohlen; ein weiterer Südstaaten Autor (Onio?) dazu auch noch Autodidakt der erst mit 50 angefangen hat zu schreiben: "Das Handwerk des Teufels" (The Devil All The Time) "Knockemstiff" "Die himmlische Tafel" (The Heavenly Table) Garantiert wird keins je in einem Schulprogram landen und nach der Lektüre wird Trump als der nette Kerl der Nachbarschaft ausschauen ...
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP