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Kultur

Joachim Meyerhoffs "Zweisamkeit der Einzelgänger"

Ein Leben mit Hanna, eins mit Franka, eins mit Ilse

Meyerhoff erzählt Meyerhoff: Im ausgezeichneten Band vier seiner "Alle Toten fliegen hoch"-Memoirenreihe hangelt sich der Autor und Schauspieler durch mehrere Leben parallel. Aber immerhin verknallt.

imago/ Leemage
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Freitag, 10.11.2017   16:34 Uhr

Der Schauspieler macht den Mund auf und singt. Er scheitert schon, bevor alle anderen überhaupt anfangen. Die Probe ist gestört, Kollegen, Orchester, Dirigent still. "Es war kaum vorstellbar, dass so viele Blicke auf ein und derselben Person überhaupt Platz fanden." Über zwei Seiten dehnt Joachim Meyerhoff diese ein, zwei Sekunden Hochnotpeinlichkeit, 60 Augen auf ihn gerichtet.

Selbst der Korrepetitor, der ihn danach noch mal auf dem Klavier begleiten soll zum Üben, wirft entnervt den Deckel auf die Tasten: "That song hates you!". Dabei empfand Meyerhoff sich gerade wie ein Sinatra-artiger Crooner.

Es ist einer dieser zahllosen, lakonisch hingeworfenen Slapstickmomente, durch die sich der Autor und Burg-Schauspieler Joachim Meyerhoff durchquasselt, wieder einmal. Ein Anfang, ein Versagen, das Dramatisieren des vermeintlichen Versagens. Und weitermachen.

Nun hat sich Joachim Meyerhoff sein Leben in einer weiteren Folge erschrieben. Nach "Amerika", "Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war", "Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" nun also Band vier seiner ausgezeichneten "Alle Toten fliegen hoch"-Reihe von Romanen über sich selbst. Es könnten auch noch mehr werden, erzählte er in einem Interview, vielleicht fünf, vielleicht sechs.

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Fotostrecke: Leben in drei Geschmackssorten

"Die Zweisamkeit der Einzelgänger" ist daher ein schizophren guter Titel. Er ist sowieso immer mehrere. Einer, der sich die neue Liebe namens Hanna in Anekdoten herbeierzählt. Der seitenlang Kuchenbackunfälle schildert, bis der faulige Gestank zwischen den Zeilen hervorzudunsten scheint. Der an allem verzeifelt, mitten in Celans Todesfuge vor Publikum einen Lachkrampf bekommt, der dieser Hanna mit den großen Zähnen erliegt, obwohl er denkt: "Wenn ich diese Frau ein Jahr lang täglich küsse, dachte ich, dann hab ich keine Zähne mehr."

Er geht stets vom Schlimmsten aus, zu schwach sogar in der Rolle, die er für Hanna sein will und sucht "ein zweites Ich, das ich ihr zu hundert Prozent vorenthielt", so der Erzähler. "Ich brauchte Verstärkung, ein Außen-Ich für Hanna und ein streng geheimes Innen-Ich ganz allein für mich."

Sich verwandeln, in einen Schriftsteller, in einen Schauspieler, in eine fiktionale Figur auf der Bühne. Wie sehr er das auf die Spitze treibt, illustriert die Genese dieser Romanserie: 2009, zwei Jahre bevor der erste Teil als Roman erschien, zeigte er seine autobiographische Selbst-Performance "Alle Tote fliegen hoch" als Sechsteiler in der Wiener Burg: Buch, Regie, Darsteller des Einmannstücks - Meyerhoff.

Memoiren-Quiz

Dass er nun als Schauspieler des Jahres 2017 ausgerechnet für seine Rolle in der Theaterfassung von Thomas Melles 2016 erschienenem Memoir "Die Welt im Rücken" ausgezeichnet wurde, ist wie eine Fortführung dieses Motivs: Auch hier wieder einer, der über sich selbst schreibt. Über sich mit mehreren Ichs, das Manische, das Depressive.

In den vorigen Bänden drängten sich Gebäude derart in den Vordergrund, als würde der Ich-Erzähler sich daran festhalten - die Jugendpsychiatrie, in der er als Arztsohn aufwuchs, das Haus seiner Großeltern in München, wo er während seiner Schauspielschulzeit unterkam, im rosa Zimmer, wo eine Erektion "ein fleischliches No-Go" war.

Diesmal findet er nur Krücken für dieses Behaustsein, beides, Bühne wie Beziehungen, ist unzulänglich. Das Theater in Bielefeld war "noch grauenhafter, als es das ohnehin schon grauenhafte Theater in Kassel gewesen war". Und auch seine Flucht in ein Engagement in Dortmund hilft wenig, nur Scheitern allüberall. Auch bei den Frauen, aber in Slowmotion.

Es ist, als probierte der Erzähler sich aus, in verschiedenen Geschmackssorten. So lebt er außerhalb vom Theater gleich drei Leben, wenn nicht vier, wie auf Schienen nebeneinander.

Mit der undurchdringlichen Hanna in Bielefeld, die von einer Sekunde auf die andere verschwinden kann und ihn ebenso plötzlich in den Teutoburger Wald schleppt, der er beim Tanzen zuschaut und denkt: "So [...] präparieren Camper welliges Gelände, bevor sie ihre Zelte aufbauen". Mit Franka in Dortmund, wegen der er sich Aufputschtabletten besorgt, um mit ihrer Partyenergie mithalten zu können. Und mit Ilse, die die Bäckerei ihrer Familie weiterführt, morgens um vier immer schmökend in der Backstube, seit sie ihm eines Abends das beste Schwarzbrot seines Lebens schenkte und zuckrige Schweineohren obendrauf, woraufhin der Ich-Erzähler, Zitronengeschmack im Mund, "wusste [...], dass ich die Bäckerei gewechselt hatte".

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Joachim Meyerhoff:
Die Zweisamkeit der Einzelgänger

Alle Toten fliegen hoch, Band 4

Kiepenheuer&Witsch, 416 Seiten; gebunden; 24,00 Euro

Diese mehrbändigen Memoiren, die in einem fiktionalisierten Ton daherkommen, aber zugleich kein Versteckspiel sind, nicht mit Fanfaren so tun als wären sie etwas anderes, sind ein Genre für sich. Es ist ein Spiel mit dem Sich-Selbst-Erschreiben, das immer wieder auftaucht, wenn einer versucht, seine Identität zu fassen zu bekomme, sei es André Gide oder V. S. Naipaul (oder, wer's mag, bei Karl-Ove Knausgård). Es ist jener Sog, der entsteht, weil man einer Serienfigur lesend weiter durchs Leben folgen möchte, wie in den Romanreihen um John Updikes Rabbit oder Sven Regeners Herrn Lehmann, oder, auf verdrehte Weise auch in Paul Austers jüngst erschienen "4321". Wobei der vier mögliche Lebensläufe praktischerweise gleich in einen einzigen Roman gepackt hat.

Doch bei Meyerhoff kreiseln diese Memoiren mit Drang nach vorne, ins Licht: Dass hier einer so überbordend Leben über Leben stapelt, fiktionale, halb fiktionale, erinnerte, erträumte, erspielte, aus dem einen ausbricht, um ins nächste zu fliehen und zurück, als könne er eh nie genug Varianten haben, hat seinen Kern im Tod: erst der Bruder, dann der Vater, eine Freundin, die Großeltern.

Wie Meyerhoff uns Meyerhoff schildert, um ihm dabei zuzuschauen, wie andere ihn sehen beim Scheitern, den zackigen Verriss der "WAZ" in der Hand, das ist so tief anrührend wie hochkomisch - eine rare Kombination in der Literatur. Letztlich aber zeigt er uns doch einfach nur den spröden Slapstick unseres Lebens. Er führt uns vor, wie Leben ist.

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