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Kultur

rezensionen

Georg M. Oswald: "Party Boy" - Rätselhafter Mörder

Ein Verwirrspiel um den Mann, der Versace erschoß

Von Bettina Koch
Dienstag, 24.02.1998   00:00 Uhr


Ein deutscher Autor, der Münchner Jurist Georg M. Oswald, 34, hat eine neue Form des Internet-Romans erfunden. Statt eine weitere Angst-Vision vom Web als Tummelplatz für Mörder und zu schlau gewordene Computer-Intelligenz zu verfassen, stieg er selbst ins Netz, warf die Suchmaschine http://www.excite.com" an und gab das Stichwort "Andrew Cunanan" ein. Aus seinen Funden über Amerikas zeitweise meistgesuchten Serienkiller, den mutmaßlichen Versace-Mörder, bastelte Oswald ein Verwirrspiel um Wahrnehmung und Wahrheit. Hunderte von Websites mit diversen Meldungen förderte er zutage, ein globales Geschnattere von Leuten, die nahe dran waren, aber nicht dabei.

Zwei fiktive Journalisten surfen gemeinsam mit dem Autor durch das Netz und kommentieren ihre Funde. Auf jeder Website entdecken sie neue Irrtümer und Null-Informationen. Da wird der Krimi auf Cunanans Nachttisch zum Indiz, das Gerücht von seiner HIV-Infektion zum Tatmotiv. Da bauen sich Fiktionen zu Fakten auf, und selbst absurde Details kommen jenen gerade recht, die Cunanan zum Monster abstempeln - obwohl die wenigen gesicherten Erkenntnisse des FBI diese Interpretation keineswegs stützen. Das Internet birgt die Synthese aus allen Gerüchten.

Der clevere Jurist entlarvt sie als ein Gewebe aus Nichtigkeiten, doch der Leser ist schon im Gespinst verfangen. War Cunanan wirklich der Mörder? Auf jeden Fall lieferte er eine gute Story.

Georg M. Oswald: "Party Boy. Eine Karriere". Knaus Verlag, München; 142 Seiten; 29,90 Mark.

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