21.03.2012
Miranda Julys "Es findet dich"
Endlich Zeit für 'ne Geschlechtsumwandlung!
Von Oskar Piegsa
Buchautorin Miranda July: Entwaffnende Offenheit
Michael trägt rosafarbenen Lippenstift, Ron eine elektrische Fußfessel und Andrew schwer am amerikanischen Schulsystem. Michael freut sich auf seine Geschlechtsumwandlung, die er als Rentner nun endlich durchziehen will. Ron lechzt danach, wieder Frauen ins Bett und seine Finanzgeschäfte zum Laufen kriegen. Und Andrew träumt davon, zum College zu gehen und eines Tages Flugzeugingenieur zu sein. Michael, Ron und Andrew gibt es wirklich, sie wohnen im Großraum Los Angeles und wären unter normalen Umständen niemals Miranda July begegnet, der Verlegertochter, Riot-Grrrl-Veteranin, Performance-Künstlerin, Filmemacherin und Autorin des Interviewbuchs "Es findet dich", für das sie mit zehn Männern und Frauen gesprochen hat.
"Es erschien mir plötzlich sonnenklar, dass die ganze Welt, und besonders Los Angeles, darauf angelegt war, mich vor genau diesen Leuten, mit denen ich mich nun traf, abzuschirmen", notiert July nach einer dieser Begegnungen. "Es gab kein Gesetz dagegen, ihre Bekanntschaft zu machen, aber es passierte einfach nicht. L.A. ist keine Stadt für Fußgänger und hat kein nennenswertes U-Bahn-System - sofern sich jemand nicht in meiner Wohnung oder meinem Auto aufhält, werden wir uns also nie an ein und demselben Ort befinden, nicht einmal für einen Augenblick."
Miranda July beginnt fremde Menschen zu besuchen, als sie gerade in einer Krise steckt. Die ist harmlos im Vergleich zu jenen von Michael, Ron und Andrew, doch für July fühlt sie sich existentiell an: Sie kommt mit dem Drehbuch zu ihrem zweiten Spielfilm "The Future" nicht voran, zudem findet sie keinen Geldgeber, der ihren Film in Zeiten der Wirtschaftsflaute unterstützen möchte. July feilt an den Dialogen, ringt mit dem Plot, spricht mit Produzenten und Schauspieler, bis sie fast verzagt. Zur Ablenkung liest sie die An-und-Verkaufs-Kleinanzeigen im "PennySaver", einem wöchentlichen Anzeigenblättchen in Los Angeles - und beschließt, die Inserenten zu besuchen.
Selbst als erste die Hose herunterlassen
So trifft sie Michael, der am Sunset Boulevard wohnt und eine schwarze Lederjacke, aus der alten Zeit verkauft, als er sich noch wie ein Mann kleidete. Sie besucht Ron im Stadtteil Woodland Hills und schaut sich ein Hobbymalset aus seiner Vergangenheit an - die scheint dubios zu sein, auch wenn nicht ganz klar wird, ob Ron seine elektronische Fußfessel lediglich eines Finanzdeliktes wegen oder auch aufgrund anderer Vergehen tragen muss. Und sie fährt bis in den südlichen Vorort Paramount, um sich von Andrew dessen Ochsenfrosch-Kaulquappen-Zucht zeigen zu lassen. Sobald Miranda July die Ware begutachtet hat, die sie mit Ausnahme der Ochsenfrosch-Kaulquappen kaum interessiert, verwickelt sie die Verkäufer in Gespräche über ihr Leben und ihre Träume. "Was war der glücklichste Moment ihres Lebens?", fragt sie fast jeden von ihnen.
Es ist der Tonfall der Autorin, der die Berichte von diesen Begegnungen ausmacht. Miranda July ist keine Journalistin, die streng nachhakt und biografische Details abfragt. Stattdessen begegnet sie ihren Gesprächspartnern mit entwaffnender, manchmal penetrant ausgestellter, Naivität und Offenheit. Sie dringt in das Privatleben ihrer Gastgeber ein, lässt dabei aber selbst als erste die Hose herunter - schon auf der ersten Seite ihres Buchs erzählt sie, wie sie in einer Phase akuter Verliebtheit tagelang ihre Unterwäsche nicht wechselte und einen Ex-Freund mit Riesenpenis hatte, "mit dem der Verkehr oft schmerzhaft gewesen war." Wie könnte man dieser Frau böse Absichten unterstellen, oder ihr Geheimnisse vorenthalten wollen? Alle zehn der von July Besuchten, erzählen bereitwillig und lassen sich und ihre Wohnungen fotografieren.
Was als professionelles Aufschiebemanöver beginnt, entwickelt sich bald zu einer Art soziologischen Feldforschung. Denn im "PennySaver" inserieren viele Einwanderer, sozial abgehängte und ältere Menschen, die sich mit Ebay oder der in den Vereinigten Staaten populären Kleinanzeigen-Website Craigslist noch nie beschäftigt haben. Zwischen zwei Gesprächen realisiert July, wie privilegiert sie mit ihren künstlerischen Obsessionen und Privatkrisen ist - und wie der "Digital Divide" und die Stadtentwicklung in Los Angeles zu einer sozialen Trennung führen, in der ein großer Teil der Menschen für die anderen fast unsichtbar wird. July gibt einigen dieser Abgehängten ein Gesicht und eine Geschichte, schenkt ihnen etwas Aufmerksamkeit und beginnt mit einem der Interviewpartner sogar eine Freundschaft, die bis zu dessen Tod anhält. Angesichts dieser Erkenntnisse erscheint es fast banal, dass sie gegen Ende ihres Buches auch mit ihrem Spielfilm wieder vorwärts kommt.
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