23.04.2012
David Vanns "Die Unermesslichkeit"
Die Insel der Verzweifelten
Von Hans-Jost Weyandt
Schriftsteller David Vann: Selbstmord als familiäre Katastrophe
Sperrig, abweisend ist dieser Roman, kantig, herb seine Sprache. Eine Geröllhalde zerstörter Lebensentwürfe, der man sich nur zögernd nähern möchte, auch wenn der englische Titel mit der Aussicht auf einen Sehnsuchtsort lockt. "Caribou Island" heißt das Buch im Original und in allen Übersetzungen außer der deutschen - der Inselname lässt die alten Verheißungen des Nordens anklingen, die Versprechen auf fischreiche Gewässer, endlose Wälder und ein Leben in Freiheit, die Trapperromantik Jack Londons.
Den Ruf der Wildnis vernimmt auch Gary, einer der beiden großen Verzweifelten dieses Romans. Er wird ihm irritierend bedingungslos folgen, in einem Kraftakt euphorischer Resignation, um sein Leben, das ihm als Irrtum erscheint, in den menschenleeren Weiten sich endgültig verirren zu lassen. Gary lebt bereits seit drei Jahrzehnten am Ufer des Skilak Lake in Alaska: in einer tristen Community von Sinn- und Grenzensuchern aus den gemäßigten Zonen, von Drop-outs auf Ego- oder Drogentrip, die vorgeben, das amerikanische Frontier-Ideal wiederbeleben zu wollen - und dabei die Gewässer leerfischen und die Gegend vollmüllen. Arbeit ist knapp in der lebensfeindlichen Umwelt und ihr Schutz ein Luxus, den sich kaum einer leisten mag.
Erschöpft wie die Landschaft sind auch Garys Ressourcen. Seitdem er aus Furcht vor dem akademischen Scheitern aus Berkeley floh, ist er gewiss, ein intellektueller Versager zu sein und seine Bestimmung in archaischer Einfalt finden zu müssen. Ein Irrtum, denn nichts überfordert ihn mehr als körperliche Arbeit, deren konkrete Herausforderungen seine diffusen Traumbilder von der Einfachheit des einfachen Leben aufs Übelste beleidigen. Er ist 55 Jahre alt und meint, noch genügend Kraft zu haben, nach Caribou Island überzusetzen, einer Insel vis-à-vis, auf der so wenig Karibus zu finden sind wie Grünflächen auf Grönland, und in diesem nordischen Arkadien sein spätes Einsiedlerglück zu finden. Er gaukelt sich einen Neuanfang vor und weiß, dass er am Ende ist. Und er hat ein Problem: Er lebt gar nicht allein. Seine Frau allerdings spürt, dass er allein verkümmern möchte, ohne sie, die ihn jahrzehntelang vor dem Verkümmern bewahrte.
Selbstmitleid als Aggression
Man kann David Vanns Roman so lesen: als eine weitere Abrechnung mit den Trugbildern des amerikanischen Traums, seiner massenhaften Pervertierung und einem verqueren männlichen Heroismus, der seine wahre Erfüllung im Scheitern wähnt. Doch das ist nur ein Strang dieses düsteren Werks, der sich aus der Unwirtlichkeit der Landschaft ergibt und allein nichts weiter wäre als eine immerhin kitschfreie Fingerübung in Sachen Macho-Larmoyanz. David Vann interessieren am Selbstmitleid weniger die Klischeebilder, in die es sich kleidet, als die unterschwellige Aggression, die von jeder sozialen Verweigerung ausgeht.
Garys Frau Irene, die zweite große Verzweifelte dieses Buchs, spürt die Kälte des Mannes, den sie seit 30 Jahren vor dem Verkümmern bewahrt hat, in seinen stummen Klagen, die sie mit ins Boot auf die verfluchte Insel zwingen. Wie die scharfkantigen Steine am Ufer von Caribou Island verletzen sie Garys richtungslose Sätze. Seine idiotische Planlosigkeit beim Errichten einer Hütte, bei der jeder Handgriff mehr zerstört als aufbaut, piesackt sie wie die Mücken, die bis zum ersten Frost die Insel belagern. Die kolossale Gewissheit, dass sie ihrem Mann hilft, sich von ihr zu lösen, versetzt sie in einen Zustand, der sich ausdrückt in einem Kopfschmerz, dessen Ursache kein Arzt diagostizieren kann. Dessen "Unermesslichkeit" (so der durchaus treffende, jedoch leicht dröhnende deutsche Titel) versucht David Vann auszumessen, wenn er den Roman mit jenem Moment in Irenes Kindheit eröffnet, als sie ihre tote Mutter unter der Decke hängend erblickt.
Keine Wahl und keine Chance
Gary und Irene sind am Ende, das spürt auch die Frau. Doch noch deutlicher spürt sie, dass sie nicht noch einmal zulassen kann, verraten zu werden. Niemand könnte sie trösten, nicht einmal ihre Tochter Rhoda.
In "Caribou Island" erzählt David Vann - wie schon in seinem novellistischen Erzähldebüt "Sukkwan Island" (deutsch "Im Schatten des Vaters", 2011) - vom Selbstmord. Es ist bekannt, dass der 1966 auf Addak Island geborene Autor als 13-Jähriger selbst erleben musste, wie sich sein Vater erschoss, und die Widerspiegelung dieses Erlebnisses in seinen bisherigen Werken ist offenkundig. Sie entzieht sich der kritischen Wertung.
Das gilt nicht für die Bücher selbst. Vanns Erzählen steht in der Tradition von Hemingways Kurzgeschichten, die teils inhaltlich verwandt sind ("Indianerlager"), und Cormac McCarthys, auf den er sich beruft. Er versteht den Selbstmord nicht als einen existentiellen Akt, bei dem ein Einzelner angesichts einer abweisenden Natur selbstbestimmt den "Weg ins Freie" (Jean Améry) wählen könnte, sondern als familiäre Katastrophe mit Mustern, die sich den Nachgeborenen einbrennen. Der Roman schließt, als Rhoda auf die Insel übersetzt. Manchmal verzichtet Vann bei der Beschreibung einer Welle, einer Böe auf das Verb. Dann verdichtet sich die Welt im Stillstand.
Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Bram Stokers "Dracula", Marc Deckerts "Kometenjäger", Hélène Grémillons "Das Geheimnis der Liebe", Felicitas Hoppes "Hoppe", und Rayk Wielands "Kein Feuer, das nicht brennt".