10.05.2012
Schriftsteller Martin Walser
"Ich fühle mich glücklich, diese Kanzlerin zu haben"
SPIEGEL ONLINE: Auschwitz und die berüchtigte "Moralkeule" - in Ihrem neuen Buch "Über Rechtfertigung" gehen Sie auf eine der großen deutschen Debatten ein. Sie selbst haben sie ausgelöst, indem Sie von einer "Instrumentalisierung des Holocaust" sprachen - für viele ein Tabubruch. Sie haben offenbar noch immer ein starkes Bedürfnis, sich dafür zu rechtfertigen.
Martin Walser: Zitiert wird oft, der Walser habe 1998 in der Paulskirche gesagt "Auschwitz als Moralkeule" - aber ich habe gesagt "Auschwitz nicht als Moralkeule". Damit meinte ich Argumentationsweisen wie die Joschka Fischers: Dass man Serbien bombardieren müsse, wenn man aus Auschwitz etwas gelernt hat. Eben nicht! Ich habe gesagt, man dürfe Auschwitz nicht instrumentalisieren und sei es für die bestmöglichen Zwecke. Nachher wurde mir vorgeworfen, ich hätte mit diesen Zwecken die Zahlungen an die Zwangsarbeiter gemeint. Das ist absurd.
SPIEGEL ONLINE: Deutsche Militäreinsätze mit Auschwitz zu rechtfertigen, ist tatsächlich nicht mehr üblich.
Walser: Gott sei Dank. Meine Rolle hat für mich am besten Peter Sloterdijk formuliert. In seiner "Theorie der Nachkriegszeiten" schreibt er einen Satz, den ich mir merken werde bis in meine wüsteste Demenz hinein: Das Publikum, das diesem Redner stehend applaudierte, war sich für wenige Minuten zehn Jahre voraus.
SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben, der Zeitgeist habe Sie "zurechtgewiesen". Sie mussten doch ahnen, dass Ihnen nicht applaudiert wird.
Walser: Ich habe die Rede vorab meinem damaligen Verleger Siegfried Unseld und seiner Frau gegeben. Beide haben gesagt: "Wunderbar." Hätte ich die Befürchtung gehabt, dass die Rede ein derartiges Echo auslöst, hätte ich manche Formulierung vermieden. Ich bin kein bisschen mutig, ich suche ja Zustimmung. Ich habe damals meine Schwierigkeiten beim Verfassen einer Sonntagsrede aufgeblättert, wie sie ja bei vielen Gelegenheiten zur deutschen Geschichte gehalten wurden. Ich hatte die Hoffnung, zu erfahren, dass ich nicht allein damit bin. Vor Ort hatte ich den Eindruck, als sei das auch der Fall. Und nachher kam die öffentliche Meinung.
SPIEGEL ONLINE: Bereuen Sie die Rede?
Walser: Nein, das kann ich nicht.
SPIEGEL ONLINE: Einen vergleichbaren Eklat hat nur Günter Grass' Gedicht "Was gesagt werden muss" ausgelöst. In der "Zeit" haben Sie ihn zwar gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz genommen, wollten sich sonst aber nicht äußern. Warum?
Walser: Ich habe gesagt, dass ich mein Leben im Reizklima des Rechthabenmüssens verbracht habe. Daher die Erfahrung: Rechthaben ist kein befriedigender Bewusstseinszustand. Das grenzt an Muskelprotz. Also komme ich für Meinungen nicht mehr in Frage. Sprache für Meinungen? Nein, danke. Sprache für Erfahrungen? Ja, immer.
SPIEGEL ONLINE: Auch Grass instrumentalisiert die deutsche Geschichte, wenn er schreibt, man dürfe in Deutschland Israel nicht kritisieren.
Walser: Ich bin froh, dass ich für diese Schlusszieherei nicht zuständig bin.

