07.05.2012
Ogawa-Roman
In 80 Minuten durch die Welt
Von Maren Keller
Die Autorin Yoko Ogawa führt unterhaltsam in die Welt der Zahlen.
Die japanische Schriftstellerin Yoko Ogawa hat ein Buch geschrieben, dass man an einem sonnigen Tag im Park lesen sollte oder bei Regen in einem Café. Es wird sich leicht weglesen lassen und kaum mehr hinterlassen als ein warmes Gefühl. Es ist nahezu perfekte Unterhaltung. Und genau darum kann man dieses Buch auch anders lesen: nämlich als Beweis dafür, dass es so etwas geben muss wie eine Formel für gute Unterhaltung. Und wenn die Beweisführung Ogawas stimmt, dann liegt das Geheimnis dieser Formel in drei Variablen: Charaktere, Thema und Ton.
Ogawa lässt ihre Geschichte von einer Haushälterin erzählen, einer alleinerziehenden Mutter, die viel zu viel arbeitet, um ihrem Sohn ein gutes Leben zu bieten. Eines Tages wird sie zu einem neuen Kunden bestellt, einem Mann, an dem schon neun Haushälterinnen vor ihr verzweifelt sind. Es ist ein Professor für Mathematik, der im Jahr 1975 einen Autounfall hatte und seitdem an Gedächtnisverlust leidet: an alles vor dem Unfall kann er sich einwandfrei erinnern, sein Kurzzeitgedächtnis löscht sich seitdem jedoch alle 80 Minuten.
Die Variable der Charaktere
Der Professor lebt in einer Hütte auf dem Grundstück seiner Schwägerin, löst Rätsel aus Mathematikzeitschriften, und alles, was ihm durch die Tage hilft, sind die Notizzettel, die er sich an das Sakko klebt, und die ihm helfen sollen, sich an das zu erinnern, was sein Kopf alle 80 Minuten aufs Neue vergisst. Der Unfall hat ihn zur Karikatur des zerstreuten Professors gemacht und zu einem hilflosen Wesen. In der Haushälterin hat er sein Gegenstück gefunden: eine emphatische Frau mit Neugier auf die Welt und ohne Kenntnis von Zahlen.
Ogawa hat das Kunststück geschafft, zwei Figuren zu erschaffen, die sehr ähnliche Typen sind, dass sie schon ab dem ersten Satz vertraut scheinen und trotzdem originell genug, um nicht zu langweilen. Der Professor und die Haushälterin nähern sich an. Die Haushälterin lässt den Professor teilhaben an der Welt und er sie im Gegenzug an der Welt der Zahlen. Denn das einzige, was ihm Sicherheit verleiht und unwiderruflich im Kopf bleibt, ist die Mathematik.
Die Variablen Thema und Ton
Und so werden die Mathematik und die Schönheit der Ordnung der Zahlen zum Thema dieses Buches. Der Professor redet mit der Haushälterin über ihre Schuhgröße und ihre Telefonnummer, über Primzahlen und mathematische Formeln. Er redet in Anekdoten und Gleichnissen. Und es ist nicht schwer zu durchschauen, dass die ahnungslose Figur der Haushälterin es dem Leser leicht machen soll, dem Professor in die Zahlenwelt zu folgen. Ogawa hat zweifellos ein lehrreiches Buch geschrieben, ein Buch, das genauso gut nerven könnte, wenn sie nicht den wichtigsten Teil der Formel beherzigen würde: Das Thema muss schwerer sein als der Ton. Ogawa schreibt in einfachster Sprache von komplizierten Theorien. Und so liebevoll, dass Primzahlen so schön erscheinen, wie ein Sonnentag im Park.