Lade Daten...
15.05.2012
Schrift:
-
+

Thriller "Tage des Bösen"

Niemand hat die Absicht, einen Menschen zu töten

Von Marcus Müntefering
Krimiautor Peter Temple: "Alles tun, wenn man's nur bezahlen kann"
C. Bertelsmann Verlag

Krimiautor Peter Temple: "Alles tun, wenn man's nur bezahlen kann"

Constantine Niemand war Söldner, John Anselm war Journalist. Jetzt sind sie Gejagter und Jäger. Doch als die Hauptfiguren von Peter Temples "Tage des Bösen" endlich aufeinandertreffen, entpuppen sich vermeintliche Gegner als potentielle Partner, Verbündete als Feinde - und Frauen als letzte Rettung.

Ein hochkomplexer Roman, vielfach und zu Recht zu den besten Krimis des Jahres 2011 gezählt, ist "Wahrheit", Peter Temples bislang ambitionierteste Arbeit. Diesem Erfolg ist es zu verdanken, dass mit "Tage des Bösen" jetzt ein zehn Jahre altes Werk des in Südafrika geborenen Australiers ins Deutsche übersetzt wurde.

Auch wenn "Tage des Bösen" im direkten Vergleich mit "Wahrheit" leicht abfällt, zählt es zu den bisherigen Höhepunkten des Thrillerjahres. Was Temple in "Wahrheit" perfektioniert hat, ist in diesem Frühwerk bereits angelegt - die unvermittelte Art des Erzählens, die sich nicht mit langen Erklärungen aufhält und den Leser dadurch zu gedanklichen Eigenleistungen zwingt; die fiebrig-flirrende Spannung, die sich auch daraus ergibt, dass man selten mehr weiß als die Figuren; die gelegentlich mäandernden Sätze, die sich immer wieder im Unscharfen verlieren.

In Peter Temples Geschichten gibt es keine klaren Abgrenzungen zwischen Gut und Böse, zwischen Falsch und Richtig, seine Protagonisten müssen Widersprüche aushalten und ihre Haltung in Frage stellen. "Früher war die Welt irgendwie einfacher (…)", heißt es in "Tage des Bösen". "Es gab Dinge, die man tun konnte, und andere, die man nicht tun konnte. Jetzt kann man alles tun, wenn man's nur bezahlen kann." Die entscheidende Frage: Wie geht man mit dieser Erkenntnis um? Eine richtige Antwort gibt es nicht, nur volatile Lebensentwürfe: den Zynismus der Gewinner, die Resignation der Verlierer.

Einer dieser Verlierer ist John Anselm, ein ehemaliger Journalist, der bevorzugt aus Kriegsgebieten berichtete - bis er in Beirut entführt wurde und aus der langen Gefangenschaft als gebrochener Mann nach Hamburg zurückkehrte. Dort arbeitet er für eine kleine Firma, die darauf spezialisiert ist, Personen zu finden, die nicht gefunden werden wollen. Eine Firma, die keine Fragen stellt, was aus den Menschen wird, die sie ausfindig gemacht hat. Anselm wird von Schuldgefühlen und Panikattacken geplagt, kann sich aber nicht dazu aufraffen, etwas an seinem Leben zu ändern. Er wirkt wie narkotisiert, funktioniert zwar im Job, hat aber kein nennenswertes Privatleben. Seine Identität, ja auch seine Menschlichkeit sind nicht erst im Beiruter Gefängnis verlorengegangen: "Über die Jahre, in denen er von Krieg zu Krieg, von Horror zu Horror gezogen war, war seine Nationalität aus ihm herausgeblutet."

Auch Constantine Niemand, der Mann, dem Anselm jetzt auf der Spur ist, ist so ein Verlorener, ein ehemaliger südafrikanischer Söldner, der sich inzwischen als Bodyguard verdingt. Ein Mann, der sich schämt für die Dinge, die er getan hat, und der nur damit leben kann, weil er sich einredet, dass ihm das Töten "nicht gefallen" habe, er nicht "so ein Typ" sei. Als Niemand zufälligerweise eine Videokassette in die Hände fällt, die hochbrisantes Material enthält, beschließt er, sie zu Geld zu machen. Doch kaum in London angekommen, wo der Deal stattfinden soll, merkt er, dass es noch andere Interessenten an der Kassette gibt. Und dass diese nicht nur das Video, sondern auch seinen Tod wollen.

Anselm und Niemand, der Jäger und der Gejagte - das ist eines der schönsten Motive dieses Romans - sind eigentlich Spiegelfiguren. Der Mann, der früher sein Geld damit verdiente zu töten, und derjenige, der davon lebte, über Menschen wie ihn zu berichten. Der entwurzelte Deutschamerikaner und der Südafrikaner, der zahlreiche Sprachen beherrscht, aber kein Zuhause mehr hat. Als die beiden ganz am Ende des Romans endlich aufeinandertreffen, hat die Handlung so viele Volten geschlagen, haben vermeintliche Verbündete sich als Feinde, frühere Gegner sich als potentielle Partner entpuppt, dass es zwischen ihnen nicht zum lange erwarteten Showdown kommt. Auch weil beide gelernt haben, dass es ein Leben gibt jenseits von Pragmatismus und Resignation.

Es ist eine von Männern dominierte Welt, die Temple in "Tage des Bösen" entwirft. Männer, die über die Jahre solche Meisterschaft im Lügen und in der Verstellung erlangt haben, dass die Wahrheit nur noch eine Version der Lüge ist, als ungehörtes Echo irgendwo im Nichts verhallt. Es ist eine kalte Welt, ohne Liebe und ohne Vertrauen, eine Welt, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint. Dass Niemand und Anselm schließlich durch die unbedingte Liebe zweier Frauen aus ihrem Wachkoma erlöst werden, mag nicht wirklich glaubwürdig sein. Dafür ist es ungeheuer tröstlich.

Bislang fanden Sie an dieser Stelle die Krimis des Monats. Ab jetzt werden Kriminalromane auf SPIEGEL ONLINE einzeln rezensiert. Zuletzt: Emilie de Turckheims "Im schönen Monat Mai", Arne Dahls "Gier", Donald Ray Pollocks "Das Handwerk des Teufels", Fred Vargas' "Die Nacht des Zorns" , Sam Hawkens "Die toten Frauen von Juarez" und Matthew Stokoes "High Life".

Empfehlen

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Verwandte Themen

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter RSS
alles zum Thema Literatur
RSS
Top

© SPIEGEL ONLINE 2013 Alle Rechte vorbehalten