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22.11.2012
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Revolution bei Marvel Comics

Die Macht der Nummer eins

Aus New York berichtet
SPIEGEL ONLINE

Superhelden wie Spider-Man oder The Avengers sind erfolgreicher denn je - im Kino. Aber wer kauft noch Comic-Hefte? Und wie bindet man ein neues Publikum ans alte Medium? Beim Marktführer Marvel versucht es Chefredakteur Axel Alonso mit digitalen Tricks und riskantem Relaunch.

Spider-Man hat Stress. Ein pickliger Teenager, der in der Highschool nur gehänselt wurde, ist plötzlich der mächtigste Superheld auf Erden und bezeichnet den altgedienten "Webslinger" großspurig als Sidekick. Unverschämtheit. Noch schlimmer: Spider-Man alias Peter Parker hat den Rotzlöffel namens Alpha auch noch selbst erschaffen - und muss nun zusehen, dass er ihn wieder unter Kontrolle bekommt. All das spielt sich auf den Seiten der jüngsten Ausgaben von "The Amazing Spider-Man" ab, einem der ältesten und erfolgreichsten Comics des New Yorker Marvel Verlags. Und dann ist da auch noch Parkers Erzfeind Lizard, der mal wieder Böses im Schilde führt. Und warum? Weil die fiese Echse auch im jüngsten Spider-Man-Kinofilm eine tragende Rolle spielt. Man nennt das Synergie, und die ist im Marvel-Universum in diesen Tagen wichtiger denn je.

Das weiß auch Axel Alonso. Seit 2011 lenkt der 46-Jährige als Chefredakteur die Geschicke von Marvel Publishing, der Verlags-Sparte, die das kreative Rückgrat des 1939 als Timely Comics gegründeten Unternehmens bildet, das Superhelden wie Spider-Man, Die Fantastischen Vier, The Avengers, Hulk und X-Men hervorgebracht hat. Zwischen 60 und 90 Comics, klassische Hefte mit 22 Seiten ebenso wie "Trades" genannte Sammelbände und Hardcover-Ausgaben, erscheinen jeden Monat bei Marvel. Doch seit Jahren sinken die Verkaufszahlen.

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"Marvel NOW!": Re-Evolution der Superhelden
Die digitale Revolution und mit ihr die Piraterie hat auch die Comic-Branche schwer getroffen: Immer weniger Leser sind bereit, mehrere Comics im Monat zu kaufen, bei Preisen zwischen drei und vier Dollar pro Heft kein Wunder. Jeder Fan, der durch einen Avengers-, Thor- oder Spider-Man-Film dazu verleitet wird, auch einen Comic des Lieblingshelden zu kaufen, ist ein wichtiger neuer Leser. Aber wie schafft man es, die Filmfans ebenso wie die treuen, mit Marvel erwachsen gewordenen Kenner und Sammler gleichermaßen zufriedenzustellen - und am Ende auf einem unaufhaltsam schrumpfenden Markt auch noch Profit zu erwirtschaften? Wird es in zehn Jahren überhaupt noch monatliche Hefte wie "The Amazing Spider-Man" geben, von dem momentan solide 50.000 Exemplare verkauft werden?

"Ja, definitiv, davon bin ich fest überzeugt", sagt Alonso. "Wir stehen vor Veränderungen, auch das ist sicher, aber gerade, was Comics betrifft, wo es einen hohen Sammleranteil unter den Lesern gibt, werden Hefte und Bücher relevant bleiben. Die nächsten 30, 40 Jahre wird es gedruckte Comics geben, ganz sicher."

Alles auf Anfang gesetzt

Um genau das zu gewährleisten, baut Alonso fast das gesamte Comic-Programm von Marvel um. Im Zuge einer großspurig als "Re-Evolution" angekündigten "Marvel NOW!"-Initiative werden nahezu alle Heft-Serien mit neuen Autoren und Zeichnern sowie einer frischeren, bunten Optik ausgestattet und jeweils mit der Heftnummer eins inhaltlich auf null gesetzt. Serien wie "Uncanny Avengers", "Captain America", Iron Man", "Die Fantastischen Vier" oder "All New X-Men" starten komplett neu. Sogar "The Amazing Spider-Man", seit 50 Jahren einer der erfolgreichsten Titel im Marvel-Programm, wird im Dezember mit der laufenden Nummer 700 enden und als "Superior Spider-Man" neu beginnen.

Zur Vorbereitung erschien im Sommer die 13-teilige Heftreihe "Avengers vs. X-Men", in der die beiden beliebtesten Helden-Teams in einem apokalyptischen Szenario gegeneinander antreten mussten. Die Konsequenzen dieser epischen Schlacht haben den Kosmos der Marvel-Heroen so nachhaltig verändert, dass die Story-Neuanfänge plausibel dargestellt werden können. Die Reihe gehört zu den erfolgreichsten Superhelden-Comics des Jahres, einzelne Ausgaben verkauften bis zu 200.000 Exemplare, DCs Top-Titel "Batman" liegt, zum Vergleich, stabil bei rund 125.000 Einheiten pro Monat.

"Man darf nie die Macht einer Nummer eins unterschätzen", sagt Alsonso. Er sitzt in seinem kleinen, für einen Chefredakteur recht engen Büro im siebten Stock eines unauffälligen Gebäudes in der 50. Straße, Midtown Manhattan. Marvel, das einst im Empire State Building, an der schicken Madison und an der Fifth Avenue residierte, hat sich hier 2010 auf knapp 6000 Quadratmetern eher bescheiden eingerichtet. Zwar weist im Flur der 7. Etage eine knallbunte Wand voller Helden den Weg zu den Büros, doch der langgestreckte Großraum, in den der Gang mündet, macht auf den ersten Blick nicht unbedingt den Eindruck, als entstünden hier allmonatlich actiongeladene Comics mit kosmischen Abenteuern. Es herrscht die konzentrierte, nüchterne Betriebsamkeit einer gewöhnlichen Redaktion.

Rund 640 Millionen Dollar werden mit Comics umgesetzt

Alonso ist in 15 Jahren erst der dritte Chefredakteur, der den Posten der Legende Stan Lee übernommen hat. Der Sohn einer Britin und eines Mexikaners übernahm den brisanten Job im vergangenen Jahr von Joe Quesada, der jetzt als Chief Creative Officer über Alonsos redaktionelle Entscheidungen wacht. Quesada war es, der Marvel mit einem beherzten Strategie-Wechsel vor dem Ruin bewahrte, denn als Axel Alonso vor zwölf Jahren vom Erzkonkurrenten DC Comics, Heimat von Superman, Batman und Wonder Woman, zu Marvel wechselte, stand die traditionsreiche Heldenschmiede kurz vor dem Konkurs. Quesada setzte auf inhaltliche Qualität, klaubte sich bei der Konkurrenz Story-Talente wie Ed Brubaker, Mark Millar, Brian Michael Bendis oder Joss Whedon zusammen und paarte die Autoren mit neuen, herausragenden Zeichnertalenten.

Gleichzeitig wuchs das Geschäft mit den Kinofilmen: Sam Raimis "Spider-Man"-Filme, Bryan Singers "X-Men"-Reihe und schließlich die erfolgreiche "Iron Man"-Franchise unter dem neuen Marvel-Studios-Chef Kevin Feige spülten dringend benötigte Dollarmillionen in die leeren Kassen. 2009 kaufte Disney das allmählich gesundende Unternehmen für rund vier Milliarden Dollar. "The Avengers", der erste rein für Disney produzierte Marvel-Film, setze seit seinem Start in diesem Frühjahr weltweit 1,5 Milliarden Dollar um, Comics sind also nach wie vor ein lukratives Geschäft - zumindest im Kino.

Doch auch mit Heften und Büchern lässt sich Geld verdienen, die Frage ist nur, wie viel und wie nachhaltig. Rund 640 Millionen Dollar schwer ist der Comic-Markt, um die Marktführerschaft ringen Marvel und DC mit Anteilen um jeweils zwischen 30 und 35 Prozent. Im vergangenen Jahr ergriff DC die Initiative und setzte auf einen Schlag 52 Titel auf null, oder besser gesagt auf Nummer eins, denn Serien wie "Superman", diverse "Batman"-Reihen und Erfolgstitel wie "Justice League" bekamen einen Relaunch und damit einen einfacheren Einstieg für nachrückende Fans in die zum Teil komplizierten Handlungs- und Historien-Konstrukte der teils über Jahrzehnte gesponnenen Heldensagen. DCs Umsätze schnellten durch den Gewaltakt in die Höhe, bei Marvel musste man reagieren.

Den Vorwurf, die Konkurrenz zu kopieren, nur ein Jahr später, lässt Axel Alonso nicht gelten: "Bei uns wird es nicht in Ausgabe drei oder vier schon einen neuen Autor oder Künstler geben, das funktioniert nicht. Bei uns gibt es Kreativteams mit Langzeitplänen, deshalb wird auch unsere Trefferquote eine bessere sein als bei DC."

"Die Leute wissen überall, wer Spider-Man ist"

Dass Marvels Comic-Helden auch in heutiger Zeit noch faszinieren, ist für Alsonso selbstverständlich: "Zeigen Sie irgendwo auf der Welt ein Bild von Spider-Man herum: Die Leute werden wissen, wer das ist."

Damit das so bleibt, experimentiert Marvel intensiv mit Wegen, die digitale Welt mit Comics zu erobern. Über zunehmend erfolgreiche Web-Portale wie Comixology kann man die meisten Serien ohnehin schon käuflich erwerben und auf dem Computer oder Tablet dauerhaft speichern, Marvel fügt einigen Heften seit kurzem neben kostenlosen Download-Codes auch Augmented-Reality-Codes hinzu, hinter denen sich, so Alonso, "einige Extras verbergen, so wie die Special Features auf einer DVD". Als Bonus zur Bestseller-Reihe "Avengers vs. X-Men" gab es außerdem erstmals einige Ausgaben eines futuristischen Formats, "Infinite Comics" genannt: Animierte Panels für Tablet oder Mobiltelefon, die ineinanderfließen wie ein Film, aber trotzdem noch per Wischgeste linear geblättert werden müssen und über Sprechblasen verfügen.

Es ist der zaghafte Abschied vom starren Konzept der Einzelseite, auf der sich durch Leerräume getrennte Bilder befinden. "In zehn Jahren lachen wir wahrscheinlich über so etwas", sagt Alonso und gibt zu, keine Ahnung zu haben, was die digitalen Medien für Comics strukturell wie künstlerisch noch bedeuten können: "Es ist wie im Wilden Westen."

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 26 Beiträge
1. Wumm Bam Swooosh
Pierre Besuchow 22.11.2012
Sorry, aber dieser ganze Supermenschen-Gedöns ist mitverantwortlich für den schlechten Ruf, den Comics (alleine dieses Wort ist im deutschsprachigen Raum schon dermaßen negativ behaftet, dass ich nach einer Alternative geneigt bin [...]
Sorry, aber dieser ganze Supermenschen-Gedöns ist mitverantwortlich für den schlechten Ruf, den Comics (alleine dieses Wort ist im deutschsprachigen Raum schon dermaßen negativ behaftet, dass ich nach einer Alternative geneigt bin zu suchen) haben. Im z.B. frankobelgischem Sprachraum sieht's da ganz anders aus. Die meisten Veröffentlichungen von Trondheim etwa werden von meinen Eltern ebenso gerne gelesen wie von wie meinen Kindern. Tiefsinnig, humorvoll, anspruchsvoll gezeichnet: es muss nicht unbedingt eine "Graphic Novel" (diese Bezeichnung ist ein Krampf, innerhalb der Kunstform "Comic" sich von eben dem ganzen Marvel und sonstigem Schund abzugrenzen) sein, um ernst genommen zu werden. Ansonsten empfehle ich immer gern "Comics richtig lesen" von Scott McCloud. Und im Zusammenhang mit diesem Artikel den grandiosen "Pussey!" von Daniel Clowes.
2. Eine Lanze für Marvel
Dark Agenda 22.11.2012
Ja, die Graphic Novel ist eine Verkaufsmasche. Klar sind das alles Comics. Da gibt es eben verschieden Ansätze: verkünstelt, intellektuell, Spaß. Ich kann nur über die Marvel-Comics der 80er sprechen: Spider-Man, Daredevil, Fanta [...]
Ja, die Graphic Novel ist eine Verkaufsmasche. Klar sind das alles Comics. Da gibt es eben verschieden Ansätze: verkünstelt, intellektuell, Spaß. Ich kann nur über die Marvel-Comics der 80er sprechen: Spider-Man, Daredevil, Fanta 4, sogar Thor. Ja da gab es immer auf die Mütze aber immer auch unterebrochen von stillen und nachdenklichen Momenten und ich fand sie stellenweise durchaus tiefsinnig. Tiefsinniger als die zugehörigen Filme jedenfalls. Der klassische Donald von Barks ist ebenfalls eine alterslose Freude und in welchen Kinderbüchern kommen schon Worte wie Mäzen oder Dividende vor? Natürlich in der Übersetzung von Erika Fuchs, RIP. Spaß schließt Tiefsinn nicht aus und nicht nur Art Spiegelman ist Kunst. Neil Gaymans monolithisches Hauptwerk "Sandman" sei hier zu empfehlen. (Er schreibt jetzt Bücher und für Hollywood aber das bleibt trotzdem sein Hauptwerk) Soviel nur zu den geringgeschätzten "US-Comics".
3. Blut, Wut und Gewalt,
larry mannino 22.11.2012
das ist was einem beim lesen der neuen Marvel-Comics auffällt. Die neue Superhelden sind eigentlich negativ eingestellt, sie sehen immer richtig fies, schelcht gelaunt, gewaltbereit, hasserfüllt gegen den Rest der Welt, [...]
das ist was einem beim lesen der neuen Marvel-Comics auffällt. Die neue Superhelden sind eigentlich negativ eingestellt, sie sehen immer richtig fies, schelcht gelaunt, gewaltbereit, hasserfüllt gegen den Rest der Welt, skrupellos, unfähig zu handeln, kurz: sie sehen so aus, wie die US-Gesellschaft geworden ist: martialisch. In den 70ern, 80ern haqtten sie noch menschliche Züge, konnten über sich lachen und ein wenig philosophieren. Aber das wichtigste war, das sie nie Blut vergossen.
4. Schund
tekirdagli 22.11.2012
...sind Marvel Comics schon mal nicht, sehr geehrter Pierre. bloß weil man eine Sache nicht mag oder mit ihr klarkommt, heißt das noch lange nicht, dass es Schund und Schuld an dem Interesse ivon Comics in Deutshcland hat. [...]
...sind Marvel Comics schon mal nicht, sehr geehrter Pierre. bloß weil man eine Sache nicht mag oder mit ihr klarkommt, heißt das noch lange nicht, dass es Schund und Schuld an dem Interesse ivon Comics in Deutshcland hat. zitat:" aber dieser ganze Supermenschen-Gedöns ist mitverantwortlich für den schlechten Ruf, den Comics" und " ...sich von eben dem ganzen Marvel und sonstigem Schund abzugrenzen" Zitat Ende es gibt wohl sehr gute amerikanische Comics, die nicht nur eine Graphic Novel oder Dang-ding-dong heissen müssen. entweder es gibt gute Autoren und Zeichner oder nicht. Natürlich sind Europäische Comics auch gut. Aber sie sind anders einzuordnen. Allein das Format ist schon anderes und die Erscheinungsweise. (22 vs 48 Seiten) etc etc etc. Schund ist es (so meine Meinung) etwas zu behaupten von dem man(n) keine Ahnung hat (oder wussten Sie, dass ein Möbius auch für Marvel gezeichnet hat?) oder mit Halbwissen prahlt, bzw etwas schlechter macht, ohne es zu kennen. durch "comics" haben sehr viele Kinder auch deutsch gelernt (und nicht nur zack, bumm, bäng), mit Migrationshintergrund, schneller als durch schulbücher(ergänzenderweise). tschüß und excelsior
5.
cargath 22.11.2012
Die klassischen Medien machen es sich sehr leicht alle Verluste immer nur auf das Internet zu schieben anstatt sich mal an die eigene Nase zu fassen. In diesem Fall wird es besonders deutlich, weil Comics ganz sicher nur zu [...]
Zitat von sysopDie digitale Revolution und mit ihr die Piraterie hat auch die Comic-Branche schwer getroffen
Die klassischen Medien machen es sich sehr leicht alle Verluste immer nur auf das Internet zu schieben anstatt sich mal an die eigene Nase zu fassen. In diesem Fall wird es besonders deutlich, weil Comics ganz sicher nur zu verschwindend geringen Teilen Opfer von Piraterie sind - Bücher können Piraten auf dem eReader lesen, Musik auch als mp3 abspielen, aber Comics als riesige Bilddateien am Computer? Ich kann mir nicht vorstellen, dass das irgendjemand will. Klar, da gibt es mittlerweile Apps für, aber sind das nicht eher geschlossene Systeme und wäre es nicht mühsam gescannte Comics dort einzupflegen? Selbst die gekauften sind auf dem Tablet kaum tolerabel. Comics sind aus der Mode gekommen, im Vergleich zu den Anfängen noch seichter geworden, irre teuer und man kommt als Neueinsteiger kaum rein. Die sinkenden Verkaufszahlen haben viele Gründe, und Piraterie ist nur ein kleiner Teil des Problem.

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