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22.11.2012
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Symbolfiguren der Rechten

Erst Stahlgewitter, dann saurer Regen

Von
Rudolf Baucken/ Klett-Cotta

Friedrich Georg Jünger: "Im Lauf der Jahrzehnte an Aktualität noch gewinnen"

Wenige deutschsprachige Schriftsteller sind so umstritten wie Ernst Jünger. Nun hat der frühere "taz"-Redakteur Jörg Magenau eine bemerkenswerte Biografie über den Lieblingsautor der deutschen Rechten verfasst - und entdeckt dessen Bruder Friedrich Georg als Vorläufer der Öko-Bewegung.

Wenn es einen deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts gibt, der von einem Großteil der Leserschaft beargwöhnt wird und der sich doch nicht mit leichter Hand abtun lässt, dann ist das Ernst Jünger.

Nach dem Ersten Weltkrieg Verfasser von "In Stahlgewittern", einer Art Vorwegnahme der kühlen Ästhetik Bret Easton Ellis' mit den Mitteln der Schützengrabenchronik. Im Zweiten Weltkrieg Wehrmachtsoffizier in Paris. In der Nachkriegszeit dann inoffizieller Gegenpol zu den seinerzeit von CDU-Seite als "Pinscher" abgetanen, als links geltenden Schriftstellern der Gruppe 47. Von Kurt Georg Kiesinger, als einstiges NSDAP-Mitglied und späterer Bundeskanzler eine der Symbolfiguren der Kontinuität zwischen Nationalsozialismus und früher Bunderepublik, bekam Jünger gar eine Pension ehrenhalber zugewiesen.

Je älter der Schriftsteller wurde, er starb 1998 im Alter von beinahe 103 Jahren, desto mehr verwischte sich auch dieses Bild. Unter Lesern, die viele Jahrzehnte später geboren waren als der Schriftsteller selbst, begann sich herumzusprechen, dass Jünger keineswegs nur Krieg und archaisch-elitäre Männerwelten, sondern auch Drogen oder die Käferjagd beschrieben hatte. Nun hat Jörg Magenau ein Buch über Ernst Jünger verfasst - und über dessen Bruder Friedrich Georg. Auch der war Erzähler, Essayist und konservativer Zeitdiagnostiker.

"Sind Sie ein Linker?"

Als früherer "taz"-Redakteur entspricht Magenau kaum dem Klischeebild des "Stahlgewitter"-Lesers - und musste sich so auf der Frankfurter Buchmesse die Frage gefallen lassen, er sei doch "ein Linker". Es ist unwichtig, was Magenau darauf geantwortet hat, spricht sein Buch doch für sich. Der Leser wird überrascht vom seltenen Fall einer Biografie, die allein ihrer erzählerischen Qualität wegen lesenswert ist. Magenau verzichtet auf abwertende Häme, wie man sie, wenn die Sprache auf Jünger kommt, ebenso häufig erlebt wie platte Beschönigung. Seine Buch besticht durch einen humanen Blick - und der schließt die von ihm porträtierten Brüder ein.

Magenaus Doppelbiografie vorangegangen waren 2007 zwei fast gleichzeitig erschienene Biografien über Ernst Jünger: Die eine, verfasst von Heimo Schwilk, würdigte den Schriftsteller weniger literaturhistorisch, denn als verklärte Jahrhundertgestalt, als von reaktionären Bewunderern umschwärmten Bezugspunkt der deutschen Rechten. Schwilk, der auf seiner Homepage eine wohlwollende Rezension der rechtsextremen "Jungen Freiheit" platziert hat, ist einer der nationalkonservativen Exponenten des Axel-Springer-Verlags. Das zweite Buch über den Schriftsteller, "Ernst Jünger- Die Biografie", verfasst vom Literaturwissenschaftler Helmuth Kiesel, bot eine chronikartige Aufarbeitung von Jüngers Werk und Leben, ohne dabei eine klar erkennbare politische Tendenz an den den Tag zu legen.

Magenau kann es sich in der Nachfolge erlauben, den Fokus seines eigenen Buches nicht auf die klassische Biografie, die Chronik, zu legen, sondern Lebensgeschichten zu erzählen und gleichermaßen als Literaturkritiker die Arbeit der Brüder zu werten. Er schreibt elegant, unaufdringlich und stimmungsvoll. Die Welten, in denen sich die einander nah stehenden Brüder bewegten, schildert Magenau mit Gespür für atmosphärische Schwingungen: Das wilhelminisch geprägte Elternhaus in Norddeutschland; die rechtsradikalen Bohemians der zwanziger Jahre, in deren Kreisen sich die Brüder in Berlin bewegten. Die Zeit des Zweiten Weltkriegs, als beide aufgrund ihrer Kontakte zu Regimegegnern den Nationalsozialisten längst verdächtig erschienen - sie waren undogmatische Rechtsnationalisten, aber, wie Magenau schreibt, weder Nazis noch Antisemiten.

Schließlich die Jahrzehnte des Rückzugs ins südwestdeutsche Hinterland, wo Friedrich Georg am Bodensee lebte und Ernst in Oberschwaben - er standesgemäß im Forsthaus des Stauffenberg'schen Schlosses, was der von ihm gern vorgeführten Grandezza ebenso entsprach wie seiner Leidenschaft für Spaziergänge. Die nannte er altertümlich Waldgang und stilisierte sie hoch zur Widerstandhandlung gegen die beschleunigte Massengesellschaft der Moderne.

In einer Reihe mit Adorno

Erscheint "Brüder unterm Sternezelt" auch in Jüngers Hausverlag Klett-Cotta - man wird das Buch kaum als Werbeschrift für den gesteigerten Abverkauf des seines Gesamtwerks abtun können: "Jüngers Schwächen als Erzähler" räumt Magenau freimütig ein, er ist der Meinung, dass dessen Prosa dann am stärksten ist, wenn er, wie in "Annäherungen", seinem Buch über Drogen und Rausch, aus eigenem Erleben berichtet - doch gerade seines kritischen Blicks auf Ernst und auch Friedrich Georg Jünger wegen könnte Magenau mit diesem Buch das Interesse derer wecken, die bislang einen großen Bogen um die Brüder gemacht hatten.

Eine Entdeckung ist für Magenau vor allem "Perfektion der Technik", das 1946 erschienene Buch des zweitgeborenen, schwermütigeren und vor allem bis heute deutlich unbekannteren der beiden Brüder. "Ein erstaunlich hellsichtiges Buch", schreibt Magenau über Friedrich Georg Jüngers Technikkritik, die "im Lauf der Jahrzehnte an Aktualität noch gewinnen sollte - bis hin zu Überlegungen zu alternativer Landwirtschaft, zur Ablehung der Atomenergie und der umfassenden Kritik des Fortschrittsbegriffs." Er stellt das Werk in eine Reihe mit der "Dialektik der Aufklärung" von Adorno und Horkheimer.

Friedrich Georg Jünger sollte den Aufbruch der Umweltbewegung Ende der Siebziger nicht mehr erleben. Er starb 1977. Und kaum ein Ökoaktivist dürfte sein längst vergessenes Buch gelesen haben. In einer Zeit aber, in der über eine schwarz-grüne Koalition auf Bundesebene spekuliert wird und die Grünen sich ihrer wertkonservativen Wurzeln besinnen, könnte die Lektüre vielleicht sogar erkenntnisstiftend sein.

Noch mehr als Ernst allerdings war Friedrich Georg Jünger in den zwanziger Jahren ein Gegner der Weimarer Demokratie - so zeigt "Die Perfektion der Technik"auch, dass nicht nur das Werk der Jünger-Brüder seinen Anfang in Militarismus, in antidemokratischem, deutschnationalem Elitedenken nahm - sondern auch die zumindest ihren Idealen nach noch immer pazifistisch und mulitkulturell orientierte Öko-Bewegung.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Alexis Jennis "Die französische Kunst des Krieges", Christian Thielemanns "Mein Leben mit Wagner", John Grays "Wir werden sein wie Gott", Fritz Rudolf Fries' "Der Weg nach Oobliadooh", Norbert Scheuers "Peehs Liebe", , John Lanchesters "Kapital" und Edward Lewis Wallants "Mr Moonbloom".

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