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02.12.2012
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HipHop-Star 50 Cent

Alles Gangster außer Mutti

Von Oskar Piegsa
Getty Images

Vom Pornorapper zum Pädagogen: Einst spritzte er Champagner auf halbnackte Frauenhintern, jetzt hat Curtis James Jackson III, besser bekannt als HipHop-Weltstar 50 Cent, ein Jugendbuch verfasst - das ist ebenso banal wie bemerkenswert.

50 Cent ist einer der erfolgreichsten Rapper seiner Generation - sein Debütalbum "Get Rich or Die Tryin'" wurde nach der Veröffentlichung im Jahr 2003 allein in den Vereinigten Staaten mit acht Platin-Schallplatten ausgezeichnet. Berühmt gemacht hatte ihn dabei auch die Art, wie er über Sex rappte. Die konnte man kaum noch, wie sonst oft im Pop, als Sublimierung, sondern eher als surreale Übertreibung bezeichnen: "I take you to the candy shop / I let you lick the lollipop", rappte 50 Cent auf seinem zweiten Album "The Massacre" 2005. Im Musikvideo zu "Disco Inferno" ejakulierte er eindrucksvoll mit Champagnerflaschen auf halbnackte Frauenhintern.

Nicht nur für das Frauenbild, das solche Inszenierungen vermitteln, ist 50 Cent immer wieder kritisiert worden. Sondern auch für dessen Kehrseite, seine Darstellung schwarzer Männlichkeit als roh, wollüstig und gefährlich. Manche Kritiker deuteten seinen Erfolg als Folge des Rassismus eines überwiegend weißen Publikums - und als schlechten Einfluss auf junge Schwarze, zumal auf solche, die als Söhne alleinerziehender Mütter nach männlichen Vorbildern in der Popkultur suchen.

Von genau solchen Jungs nun erzählt "Playground", das erste Jugendbuch des Rappers. Er hat es zusammen mit der Autorin Laura Moser geschrieben. Es ist ein weitgehend jugendfreies und seltsam feministisches Buch. Eine Novelle, in der zwar viel geflucht und teuren Markenprodukten gehuldigt wird, über die amerikanische Bibliothekarinnen aber dennoch verzückte Blogeinträge schreiben: "Tolles Buch für widerwillige Leser ab zwölf!" Den oberflächlichen HipHop-Hörer muss das verblüffen. Was war passiert?

Obama als Gegengift

Die spekulative Kurzfassung: Curtis James Jackson III, wie 50 Cent mit bürgerlichem Namen heißt, hat noch zwei weitere Alben der bewährten Machart veröffentlicht, "Curtis" und "Before I Self Destruct", die aber hinter den Erwartungen zurückblieben. Er hat den Aufstieg des smarten, lässigen und moderaten Barack Obama zum Präsidenten der Vereinigten Staaten beobachtet - und womöglich sogar den Dokumentarfilm "Barack & Curtis" gesehen, dessen Regisseur Byron Hurt die Männlichkeit des Präsidenten als Gegengift zu jener des misogynen Machos 50 Cent beschrieb. Nicht zuletzt hat er das eine oder andere ernste Gespräch mit seinem inzwischen jugendlichen Sohn Marquis geführt - so soll die Idee zu "Playground" entstanden sein, heißt es in der amerikanischen Presse.

"Playground" wird erzählt von dem Achtklässler Burton. Nachdem die Ehe seiner Eltern in die Brüche gegangen ist, zog seine Mutter mit ihm aus New York in die Vorstadt. Dort bleibt er sich selbst überlassen, weil die Mutter Doppelschichten belegt um die Familie zu ernähren und nebenbei noch Abendunterricht nimmt. Burton - schwarz, übergewichtig und aus einfachen Verhältnissen - ist in der schicken Provinz diversen Schikanen ausgesetzt, die damit beginnen, dass ihn wegen seines Gewichtes alle nur Butterball nennen.

Er nimmt diesen Namen an, besteht sogar darauf so genannt zu werden. Ein bisschen Stolz hat er aber doch noch. Als er erfährt, dass der Klassenstreber Witze über ihn macht, schlägt er ihm vor dem versammelten Jahrgang in der großen Pause die Zähne aus.

Männer als lächerliche Gestalten

"Playground" beginnt mit Butterballs erster Therapiestunde und endet, nachdem er seine Chance zur Bewährung verpatzt, schließlich aber doch noch die Kurve bekommt. Nach 34 Kapiteln auf nicht mal 200 Seiten emanzipiert sich Butterball von den schlechten Einflüssen in seinem Leben (allen voran sein roher, wollüstiger und gefährlicher Vater), nennt sich fortan Burton, hat Aussichten auf einen Platz an einer höheren Schule für Künstler und - Überraschung! - ist seit dem letzten Wachstumsschub auch gar nicht mehr so fett.

Das alles ist so erwartbar konstruiert, so solide erzählt und so banal, dass kaum zu vermuten ist, dass dieses Buch hätte ohne die Prominenz seines Autors einen Verlag gefunden. Vor dem Hintergrund von 50 Cents bisheriger künstlerischer Arbeit ist dieses Buch aber in der Tat bemerkenswert.

Denn die Helden dieser Novelle ausschließlich Frauen - die Therapeutin, die Geliebte der Mutter, vor allem aber die Mutter selbst. Sie sind auch die einzigen Figuren, denen 50 Cent andeutungsweise eine Persönlichkeit zugesteht, die über das für den Plot unbedingt notwendige Maß hinausgehen.

Die Männer sind derweil Jammerlappen, Machos, lächerliche Gestalten. Ein guter Mensch kann Burton erst dadurch werden, dass er sich ihrem Einfluss entzieht und sich den Frauen in seinem Leben öffnet. So erzählt "Playground" am Ende womöglich nicht nur die Läuterung seines Protagonisten Butterball - sondern auch die seines Autors 50 Cent.

Zuletzt in SPIEGEL ONLINE rezensiert: Teresa Präauers "Für den Herrscher aus Übersee", Howard Jacobsons "Liebesdienst", Richard Hughes "In Bedrängnis", Jörg Magenaus "Brüder unterm Sternenzelt", Alexis Jennis "Die französische Kunst des Krieges", Christian Thielemanns "Mein Leben mit Wagner"und John Grays "Wir werden sein wie Gott".

Forum

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insgesamt 10 Beiträge
1. Mutti
paradiddlediddle 02.12.2012
Na ja, er kennt unsere deutsche "Mutti" nicht...
Zitat von sysopVom Pornorapper zum Pädagogen: Einst spritzte er Champagner auf halbnackte Frauenhintern, jetzt hat Curtis James Jackson III, besser bekannt als HipHop-Weltstar 50 Cent, ein Jugendbuch verfasst - das ist ebenso banal wie bemerkenswert. HipHopper 50 Cent veröffentlicht Jugendbuch Playground - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/hiphopper-50-cent-veroeffentlicht-jugendbuch-playground-a-868677.html)
Na ja, er kennt unsere deutsche "Mutti" nicht...
2. interessant
systemfeind 02.12.2012
und was treiben Paris Hüllton und TzG ?
Zitat von sysopVom Pornorapper zum Pädagogen: Einst spritzte er Champagner auf halbnackte Frauenhintern, jetzt hat Curtis James Jackson III, besser bekannt als HipHop-Weltstar 50 Cent, ein Jugendbuch verfasst - das ist ebenso banal wie bemerkenswert. HipHopper 50 Cent veröffentlicht Jugendbuch Playground - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/hiphopper-50-cent-veroeffentlicht-jugendbuch-playground-a-868677.html)
und was treiben Paris Hüllton und TzG ?
3.
achim68 02.12.2012
50 ct? Vollkommen überbezahlt...
Zitat von sysopVom Pornorapper zum Pädagogen: Einst spritzte er Champagner auf halbnackte Frauenhintern, jetzt hat Curtis James Jackson III, besser bekannt als HipHop-Weltstar 50 Cent, ein Jugendbuch verfasst - das ist ebenso banal wie bemerkenswert. HipHopper 50 Cent veröffentlicht Jugendbuch Playground - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/hiphopper-50-cent-veroeffentlicht-jugendbuch-playground-a-868677.html)
50 ct? Vollkommen überbezahlt...
4. Meine Güte, ....
usti 02.12.2012
..... es gibt Leute, die immer was schwallen müssen, auch wenn sie nix zu sagen haben. Ich schließe mich meinen Vorrednern an.
..... es gibt Leute, die immer was schwallen müssen, auch wenn sie nix zu sagen haben. Ich schließe mich meinen Vorrednern an.
5. The US of A
sanctum.praeputium 02.12.2012
Wer dem Regisseur von E.T Schindlers Liste abkauft, kauft dem Macher von "Massacre" auch ein pädagogisch wertvolles Buch ab - auch für mehr als 50 Cent.
Wer dem Regisseur von E.T Schindlers Liste abkauft, kauft dem Macher von "Massacre" auch ein pädagogisch wertvolles Buch ab - auch für mehr als 50 Cent.

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