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29.11.2012
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Preisgekrönte Debütantin

Liebe braucht keine Sprache

Von Oskar Piegsa
Lev Ledit/ Wallstein Verlag

Schriftstellerin Teresa Präauer; Händeschütteln mit der Fliegerin

Ausgezeichnet für das beste Debüt des Jahres, erzählt Teresa Präauer in "Für den Herrscher aus Übersee" drei ebenso eigenwillige wie zauberhaft miteinander verwobene Geschichten: Von einer Sehnsucht nach Gefühlen, die ohne Worte auskommen.

"Für den Herrscher aus Übersee" ist ein seltsames Buch. Und zwar in genau der Bedeutung, die der Duden für diesen Begriff vorschlägt: Es ist "vom Üblichen abweichend und nicht recht begreiflich". Von Vögeln und von Menschen, von der Sprache und von der Liebe erzählt der Roman, dessen Autorin Teresa Präauer in diesem Jahr mit dem aspekte-Literaturpreis für das beste Prosa-Debüt ausgezeichnet worden ist.

Als die Handlung einsetzt, ist es Spätsommer, fast Herbst, eine Zeit, in der die letzten Urlauber noch nicht wieder zu Hause sind, die Zugvögel aber bereits in den Süden aufbrechen. Zwei Kinder sind auf dem Bauernhof ihrer Großeltern untergebracht, während die Eltern noch auf Weltreise sind. Die Ehe der Großeltern währt wohl schon zu lange, als dass man sich noch trennen würde. Doch besonders glücklich ist sie nicht. Einst becircte der Großvater die Großmutter mit Gedichten, die er in ihren Taschen versteckte, doch inzwischen wird allzu deutlich, dass sie nur zweite Wahl für ihn ist. Während sie für ihn kocht und ihm neue Bierflaschen holt, schwelgt er in den Erinnerungen an seine erste Liebe und wird jähzornig, wenn man ihn dabei unterbricht.

Die Kinder bekommen in ihrem Ferienidyll nicht viel davon mit. Sie begeistern sich für die Hühner und Rebhühner, die auf dem Hof der Großeltern leben, für den Pfau, den Fasan und den Verschlag mit den Ziervögeln. Sie spielen Fliegen, was ihr Großvater ermutigt. Er war einst als Pilot im Krieg und begann eine Affäre mit einer schönen Japanerin, während er ihr nach einer Notlandung das Flugzeug reparierte - so erzählt er es zumindest. Wenn der Großvater nicht genau hinschaut, üben die Kinder heimlich Buchstaben zu entschlüsseln, denn nicht ganz zu Unrecht vermuten sie, dass er die Postkarten der Eltern zensiert und daraus nur jene Teile vorliest, die ihm gefallen.

Erst beim zweiten Lesen

Die Episoden der Kinder auf dem Vogelfarm und die Erinnerungen des Großvaters an seine Japanerin verwebt die Autorin Teresa Präauer mit einem dritten Erzählstrang über eine geheimnisvolle Fliegerin. Die hat mehrere Zugvögel aufgezogen und führt sie nun auf dem Weg in ihr Winterquartier an - frei nach "Nils Holgersson" oder "Amy und die Wildgänse".

Je länger die Fliegerin unterwegs ist, desto mehr Menschen nehmen daran Anteil. Bei ihrer ersten Zwischenlandung sind es nur der Besitzer des Rollfelds und seine Frau, beim nächsten Landeanflug steht schon ein kleines Empfangskomitee am Flughafen, später besteht ein Bürgermeister darauf, beim Händeschütteln mit der Fliegerin fotografiert zu werden. Und schließlich, als die Fliegerin die Meeresküste erreicht hat, folgt ihr ein Kameramann in einem zweiten Flugzeug, der ihren Überflug dokumentiert. Parallel lernen die Kinder das Lesen und emanzipieren sich von der Bevormundung ihres Großvaters. Und auch dessen Verhältnis zur Großmutter ändert sich.

"Für den Herrscher aus Übersee" erstreckt sich trotz seines großzügigen Schriftbilds über nicht einmal 140 Seiten. Der kurze Roman lädt dazu ein, in einem Zug gelesen zu werden, wie es einst Edgar Allan Poe von wirkungsvollen Gedichten und Kurzgeschichten gefordert hat. Doch erst beim zweiten Lesen fügen sich Handlungen zusammen, die beim ersten noch rätselhaft geblieben sind. Außerdem muss man sich daran gewöhnen, dass dieser Roman nach seiner eigenen Logik funktioniert. Daran, dass die Autorin manchmal dick aufträgt und von Tee schreibt, der "gebraut" wird und von Tränen, die wie "Fontänen" aus den Augen schießen. Und daran, dass das ältere der beiden Kinder, aus dessen Sicht große Teile des Romans erzählt werden, in altmodischem Ton von "Volieren", "Weltthesen" und "Jungspunden" erzählt und dabei keineswegs wie ein Vorschulkind klingt.

Was Teresa Präauer aber von der Sehnsucht nach einer Liebe schreibt, die unbeeinträchtig von der sprachlichen Vermittlung ist, und von Buchstaben, die man dennoch lernen muss, um sich aus Abhängigkeiten zu befreien, das ist durchaus lesenswert. Es ist eben ein seltsames Buch.

Zuletzt in SPIEGEL ONLINE rezensiert: Howard Jacobsons "Liebesdienst", Richard Hughes "In Bedrängnis", Jörg Magenaus "Brüder unterm Sternenzelt", Alexis Jennis "Die französische Kunst des Krieges", Christian Thielemanns "Mein Leben mit Wagner", John Grays "Wir werden sein wie Gott" und Fritz Rudolf Fries' "Der Weg nach Oobliadooh".

Forum

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insgesamt 1 Beitrag
1. Na wie süss ...
karlsiegfried 29.11.2012
Danke für diese verzichtbare Information.
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