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29.11.2012
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Katar

Lebenslange Haft für 22 Zeilen

Von
dapd

Scheich Hamad, Ehefrau Mosah (Archivbild): Kritik unerwünscht

Es ist nur ein kurzes Gedicht - doch weil Mohammed al-Adschami darin das Herrscherhaus von Katar kritisierte, hat ihn ein Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Schicksal des 36-jährigen Poeten liegt nun ausgerechnet in den Händen des Emirs.

"Sie importiert all ihre Sachen aus dem Westen. Warum importiert sie nicht Gesetze und Freiheit?" - Mit diesen Versen endet ein Gedicht des Poeten Mohammed bin Raschid al-Dib al-Adschami aus Katar. Und genau wegen dieses Gedichts hat ein Gericht in dem Golfstaat den Dichter am Donnerstag zu lebenslanger Haft verurteilt.

Mit "sie" - das ist für jeden Katarer unschwer zu erkennen - meinte Adschami Scheicha Mosah, die Zweitfrau vom Emir Scheich Hamad, die ihren Mann auf allen Auslandsreisen begleitet und mit ihren edlen Roben zu so etwas wie dem schönen Gesicht des Wüstenstaats avanciert ist. Für die unter Ausschluss der Öffentlichkeit tagenden Richter hatte der Literat damit die Grenze des Erlaubten überschritten. Sie erkannten ihn für schuldig, den Emir beleidigt und zum Sturz seiner Herrschaft aufgerufen zu haben.

Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die engen Grenzen der Meinungsfreiheit in dem Golfemirat. Zwar präsentieren sich Scheich Hamad und seine Gattin Mosah gerne als aufgeklärte Herrscher, die Kritik dulden und die Pressefreiheit fördern - doch nur bis zu einer bestimmten roten Linie. Diese wird vom Herrscherhaus vorgegeben und muss auch vom medialen Flaggschiff des Landes befolgt werden: dem Nachrichtensender al-Dschasira. In den vergangenen Monaten haben mehrere Redakteure und Moderatoren den Kanal verlassen, aus Protest gegen die Einmischung der Regierung in die redaktionelle Linie. Unter ihnen ist auch der langjährige Deutschland-Korrespondent des Senders, Aktham Suliman.

Die Journalisten warfen dem Regime vor, es ermögliche keine unabhängige Berichterstattung über die Aufstände in Bahrain und Syrien. In Bahrain habe al-Dschasira das verbündete Königshaus im Kampf gegen die Opposition einseitig unterstützt - in Syrien sei es umgekehrt. Hier verherrliche der Sender die Aufständischen gegen das Assad-Regime und vermittle ein einseitiges Bild der Lage im Land, so die Kritiker, die das Haus im Zorn verließen.

"Wir sind alle Tunesien, angesichts der repressiven Elite"

Gleichzeitig hat sich das kleine Katar, gerade einmal halb so groß wie das Bundesland Hessen, im Zuge des Arabischen Frühlings zu einer Führungsmacht im Nahen Osten aufgeschwungen. Scheich Hamad unterstützte die Rebellen gegen den libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi und ist einer der wichtigsten Finanziers und Helfer der Aufständischen in Syrien. In beiden Fällen rief Katars Autokrat zum Sturz der Regime, weil sie "die grundlegenden Rechte" ihrer Bürger missachteten.

Doch das Grundrecht des Autoren Adschami auf freie Meinungsäußerung gilt in Katar selbst nur wenig. Der Poet hatte sein Gedicht im Januar 2011 im Internet veröffentlicht, später druckten es einige Zeitungen in der arabischen Welt nach. In Anlehnung an die erfolgreiche Revolution in Tunesien hatte er unter anderem geschrieben: "Wir sind alle Tunesien, angesichts der repressiven Elite."

Im November vergangenen Jahres luden Katars Sicherheitsbehörden den Dichter vor. Seither saß der 36-Jährige im Gefängnis, die meiste Zeit davon in Einzelhaft. Erst nach Monaten durften ihn seine Angehörigen besuchen. Nachdem das Verfahren vor einem Sicherheitsgericht mehrfach verschoben worden war, verurteilten ihn die Richter an diesem Donnerstag.

Dabei garantiert Artikel 47 der Verfassung eigentlich das Recht auf freie Meinungsäußerung - "in Übereinstimmung mit den Bedingungen und Umständen, die im Gesetz dargelegt sind". Diesem Recht steht Artikel 130 des Strafgesetzbuchs in Katar gegenüber. Dies bestimmt, dass der Aufruf zum Sturz des Regimes mit dem Tode bestraft werden kann.

Adschami und sein Anwalt Nadschib al-Naimi haben nun eine Woche Zeit, um Rechtsmittel gegen das Urteil einzulegen. Der Erfolg eines Berufungsverfahrens ist jedoch höchst zweifelhaft. Das Schicksal des Dichters liegt nun in den Händen jenes Mannes, den er mit seinen Versen beleidigt haben soll. Allein Scheich Hamad kann Adschami begnadigen.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 28 Beiträge
1.
neu_ab 29.11.2012
He, das ist doch nur ne etwas andere *Kultur*. Also, ich finde, wir müssen da jetzt Verständnis dafür haben. Schliesslich ist der Grundstein dafür doch auch schon in Deutschland gelegt worden. Leute, gewöhnt euch schon mal dran!
He, das ist doch nur ne etwas andere *Kultur*. Also, ich finde, wir müssen da jetzt Verständnis dafür haben. Schliesslich ist der Grundstein dafür doch auch schon in Deutschland gelegt worden. Leute, gewöhnt euch schon mal dran!
2. Vorschlag zur Güte
H3nry 29.11.2012
Das ist eine etwas andere *Diktatur*. Aber immerhin eine mit einem Diktator. Das ist längst nicht in jeder Diktatur der Fall. Der Emir sollte dem Poeten die Möglichkeit geben, diese Erfahrung zu machen, und ihn in den Westen [...]
Zitat von neu_abHe, das ist doch nur ne etwas andere *Kultur*.
Das ist eine etwas andere *Diktatur*. Aber immerhin eine mit einem Diktator. Das ist längst nicht in jeder Diktatur der Fall. Der Emir sollte dem Poeten die Möglichkeit geben, diese Erfahrung zu machen, und ihn in den Westen verbannen.
3. 22 Zeilen bis 2022
chuckal 29.11.2012
Da findet nämlich die Fifa WM in Katar statt. Da hat Mohammed bin Raschid al-Dib al-Adschami dann schon zehn Jahre rum und Blatter das fünfte Lifting von Face und Konto und die zegnte Absaugung von Fett und Gewissen
Da findet nämlich die Fifa WM in Katar statt. Da hat Mohammed bin Raschid al-Dib al-Adschami dann schon zehn Jahre rum und Blatter das fünfte Lifting von Face und Konto und die zegnte Absaugung von Fett und Gewissen
4.
karlomari 29.11.2012
Es gibt als auch dort noch Journalisten, die ihrem Gewissen folgen und nicht der Brieftasche. Leider sind diese in Deutschland die Ausnahme.
Zitat von sysopDie Journalisten warfen dem Regime vor, es ermögliche keine unabhängige Berichterstattung über die Aufstände in Bahrain und Syrien. In Bahrain habe al-Dschasira das verbündete Königshaus im Kampf gegen die Opposition einseitig unterstützt - in Syrien sei es umgekehrt. Hier verherrliche der Sender die Aufständischen gegen das Assad-Regime und vermittle ein einseitiges Bild der Lage im Land, so die Kritiker, die das Haus im Zorn verließen. Katar verurteilt Dichter Mohammed al-Adschami zu lebenslanger Haft - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/katar-verurteilt-dichter-mohammed-al-adschami-zu-lebenslanger-haft-a-870025.html)
Es gibt als auch dort noch Journalisten, die ihrem Gewissen folgen und nicht der Brieftasche. Leider sind diese in Deutschland die Ausnahme.
5.
bauklotzstauner 29.11.2012
...und jetzt rufen wir uns mal in Erinnerung, daß Katar zusammen mit der Türkei und Saudi-Arabien des Westens Hauptverbündete bei der "Befreiung" Syriens sind..... Halleluja!
Zitat von sysopEs ist nur ein kurzes Gedicht - doch weil Mohammed al-Adschami darin das Herrscherhaus von Katar kritisierte, hat ihn ein Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Schicksal des 36-jährigen Poeten liegt nun ausgerechnet in den Händen des Emirs. Katar verurteilt Dichter Mohammed al-Adschami zu lebenslanger Haft - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/katar-verurteilt-dichter-mohammed-al-adschami-zu-lebenslanger-haft-a-870025.html)
...und jetzt rufen wir uns mal in Erinnerung, daß Katar zusammen mit der Türkei und Saudi-Arabien des Westens Hauptverbündete bei der "Befreiung" Syriens sind..... Halleluja!

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