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17.01.2013
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Zum Tode Jakob Arjounis

Heimat, das ist eine Dose Bier

Von
DPA

Für jeden Schlag ins Gesicht, den er einstecken muss, schleudert er der Welt ein trockenes Bonmot entgegen: Mit dem Krimi-Helden Kemal Kayankaya erschuf Jakob Arjouni die hessische Antwort auf Philip Marlowe. Nun starb der große deutsche Krimi-Stilist im Alter von nur 48 Jahren.

Die Farben versprachen das Paradies. Oder genauer: das Paradies in Verkleidung der Hölle. Der erste Roman von Jakob Arjouni, "Happy Birthday, Türke!", erschien (nach einer frühen Veröffentlichung bei einem kleinen Verlag) Mitte der achtziger Jahre bei Diogenes in dem verlockenden gelb-schwarzen Design, in dem auch die Philip-Marlowe-Krimis von Raymond Chandler gehalten waren. Aber konnte ein alter Frankfurter Bildungsbürgerbubi Anfang 20 wirklich das Versprechen einlösen, den Leser in ein Krimi-Paradies respektive eine Großstadthölle von Chandlerschen Dimensionen zu führen?

Er konnte. Mit seinem Detektiv Kemal Kayankaya erfand Arjouni die perfekte hessische Variante Marlowes, einen Typen, der für jeden Schlag ins Gesicht, den er einstecken musste, der Welt ein trockenes Bonmont entgegenschleuderte.

Und Kayankaya musste viel einstecken, allein diese vielen auf Hessisch gebabbelten Beschimpfungen. "Türk", "Kanack", "Kameltreiber", was man halt im Frankfurter Bahnhofsviertel für Menschen türkischer Herkunft so für Ausdrücke hat. Der Held nahm sie alle höflich entgegen, was sollte er tun. Schließlich hatten ihm seine leiblichen türkischen Eltern den doch sehr türkischen Namen Kemal gegeben, auch wenn er durch die Sozialisation bei deutschen Adpotiveltern nicht ein Wort seiner Muttersprache gelernt hatte.

So richtig zu Hause war dieser Kayankaya nirgendwo. Heimat, das war für diesen Streuner eine Dose Bier. Oder besser: eine Palette. So wankte er zuweilen stark alkoholisiert zwischen Bahnhofsviertel und Bankentürmen hin und her, stolperte aus den Spelunken und Puffs direkt in die ganz großen Schweinereien.

Streunender Held, streunender Autor

Kayankayas Schöpfer muss ein ähnlich großer Streuner gewesen sein. Als Sohn von Hans Günter Michelsen nahm er schon früh den Nachnamen seiner damaligen marokkanischen Frau an, damit er nicht als Sohn des bekannten Dramatikers identifiziert werden konnte. Mit 18 ging er ins französische Montpellier und schrieb sich dort an der Uni ein, um billig in der Mensa essen zu können. Ansonsten gammelte er nach eigenen Aussagen in den Tag hinein. Und schrieb eben an diesen komischen Krimis, in denen Frankfurt roch wie Los Angeles.

1985 brachte er dann seinen ersten Kayankaya-Roman heraus, damals noch bei dem kleinen Polit-Verlag Buntbuch. Früh wurde Arjouni vom mittlerweile verstorbenen Verleger Daniel Keel gefördert und zu Diogenes geholt, wo "Happy Birthday, Türke!" dann schnell wiederaufgelegt wurde - um 1991 von Doris Dörrie hübsch heruntergekommen verfilmt zu werden. Wahrscheinlich nicht unerheblich für die Erfolgsgeschichte und die Langlebigkeit von Arjounis Helden, der in insgesamt fünf Romanen seines Schöpfers auftaucht. Der Bierkonsum wurde über die Jahre ganz leicht heruntergefahren, auf die Fresse gab es weiterhin alle zwei Seiten.

Ironie und gedrosselte Emphase gingen hier zusammen wie in keinem anderen deutschen Krimi. Das Tolle: Man fühlte sich niemals um seine Unterhaltung betrogen, wenn Arjouni einen, ohne dass man es eigentlich merkte, zu den ganz großen gesellschaftspolitischen Stoffen führte; zu den Spätfolgen des Balkankriegs etwa oder zu islamistischen Gotteskriegern. Auch weil diese Themen immer mit einer gewissen Doppelbödigkeit angegangen wurde. Nichts war, wie es schien. Auch wenn es immer wieder auf die Augen gab, der Blick auf die Welt war immer geschärft beim Schnüffler.

Pädagogen und ihre Weltverbesserungslügen

Beim Autor natürlich auch. Wie rasant seine Geschichten erzählt waren, wie genau sie in der Detailanalyse waren! Das galt auch für die Gesellschaftsporträts Arjounis. Etwa für den Roman "Magic Hoffmann" von 1996, in dem ein entlassener junger Strafgefangener ins inzwischen wiedervereinte Berlin zurückkehrt und die Stadt wie ein Außerirdischer erlebt. Oder für den Roman "Der heilige Eddy" von 2009, in dem ein kleiner Ganove aus Versehen einen Immobilienhai umbringt und auf einmal als Held dasteht in der gentrifizierten Metropole. Einer der besten Berlin-Romane der letzten Jahre.

Am meisten unterschätzt ist zweifellos Arjounis 68er-Abrechnung "Hausaufgaben" aus dem Jahr 2004, eine Novelle über den tragikomischen Selbstbetrug eines sich liberal gebenden und doch nur sich selbst und seine Umwelt zerstörenden Lehrers. Vielleicht das böseste Buch, das je über Pädagogen und ihre Weltverbesserungslügen geschrieben wurde.

Mit seinem Kayankaya meinte es Arjouni indes immer gut - all den gebrochenen Rippen und blutunterlaufenen Augen zum Trotz, die er ihm in einem Vierteljahrhundert angedeihen ließ. Nach mehr als zehn Jahren Pause erschien im vergangenen Herbst mit "Bruder Kemal" der fünfte Kayanakaya-Roman. Das Rauchen hatte sich der Schnüffler darin abgewöhnt, das Saufen war heruntergefahren worden. Am Ende radelt der Krimiheld in eine schicke Holzdielen-Wohnung im Frankfurter Westend, wo er mit einer ehemaligen Prostituierten lebt. Da wird er jetzt für immer wohnen bleiben, das aufrichtig versöhnliche Werk ist zu Arjounis Vermächtnis geworden.

Wie sein Verlag Diogenes bekanntgab, ist Jakob Arjouni, einer der wenigen großen deutschen Krimi-Stilisten, nach schwerer Krebserkrankung in der Nacht auf Donnerstag in Berlin im Kreise seiner Familie gestorben. Er wurde nur 48 Jahre alt.

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