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28.01.2013
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Faktencheck im Buchformat

Leaving Las Vegas

Von Kaspar Heinrich
Margaret Stratton/ Hanser Verlag

Autoren John D'Agata und Jim Fingal: Radikale Ansichten

Ein Journalist schreibt eine Reportage über einen Selbstmord in Las Vegas - und ein Dokumentar zweifelt an den Fakten. Ihr sieben Jahre langer Streit ist jetzt als Buch erschienen und diskutiert die Frage: Wieviel Literatur ist im Journalismus erlaubt?

Alles beginnt mit einem Selbstmord in Las Vegas. Am Samstag, dem 13. Juli 2002. Um Viertel vor sechs am Abend fährt der 16-jährige Levi Presley mit dem Fahrstuhl auf die Besucherplattform des Stratosphäre Tower, ein 350 Meter hoher Aussichtsturm, klettert über eine drei Meter hohe Umzäunung, lässt den Blick noch einmal über seine Heimatstadt schweifen und stürzt sich in den Tod.

Doch was, wenn Presley in Wirklichkeit drei Minuten später mit dem Fahrstuhl fuhr? Wenn der Turm 351 Meter misst und der Zaun nur 2,95 Meter hoch ist? Würden diese Details einen Unterschied machen? Wäre die Geschichte eine andere? Jim Fingal schreibt am Ende des Buches "Das kurze Leben der Fakten" in Hinblick auf Levi Presley: "Ich hätte meine Arbeit getan. Aber wäre er nicht trotzdem immer noch tot?"

Fingals Arbeit bestand darin, genau zu sein, denn er war Volontär beim amerikanischen Literaturmagazin "The Believer". Den Text über den Selbstmord von Levi Presley hatte der Journalist John D'Agata geschrieben, und Fingal sollte die Reportage auf ihre Richtigkeit überprüfen, vor dem Abdruck. Fingal arbeitete pedantisch genau, ihm ging es um Sekunden und Zentimeter, wo die meisten Leser nur wissen wollen, was als nächstes geschieht. Er wollte seine Sache gut machen. Acht Sekunden dauerte der Sprung von Presley, bevor er auf dem Erdboden aufschlug. Sieben Jahre dauerte die Arbeit Jim Fingals am Artikel.

Denn der Autor des Textes, John D'Agata, hielt wenig von Genauigkeit. Er wollte eine Geschichte über die schillernde Stadt Las Vegas erzählen, in der sich fast jeden Tag ein Mensch umbringt, und im Speziellen über einen Teenager, der nach einem verlorenen Taekwondo-Turnier in den Tod springt. D'Agata wollte diese Geschichte vor allem unterhaltsam und schlüssig erzählen. Zu viel Faktentreue störte ihn dabei.

Das zähe Ringen um exakte Uhrzeiten, Geldsummen, Todesarten und Namen von Spielautomaten trugen Fingal und D'Agata in einem E-Mail-Verkehr aus, der nun - zusammen mit dem Magazintext - auf Deutsch erschienen ist. Der Artikel ist fortlaufend im Zentrum der Seiten abgedruckt, um ihn herum läuft die Konversation zwischen Dokumentar und Autor. Wo Fingal die Aussagen D'Agatas bestätigen kann, mit Hilfe von Zeitungsartikeln, Lexika und Polizeiberichten, da bleibt der Text im gewohnten Schwarz. Wo er aber Fehler findet oder auf einen "Faktenkonflikt" stößt, leuchtet die entsprechende Passage in roter Schriftfarbe.

So finden sich gegen Ende hin Seiten mit nur noch zwei Zeilen Originaltext - und einem roten Meer an Buchstaben drumherum. Denn in Fingal und D'Agata treffen zwei aufeinander, die besonders radikale Ansichten darüber haben, wie ein "nonfiktionaler" Text wie der über Presleys Selbstmord aussehen soll.

Der Journalist John D'Agata sieht seinen Artikel als Essay. Dem Wortsinn nach als einen "Versuch" zu erklären, warum sich in Las Vegas mehr Menschen das Leben nehmen als anderswo. Er will ein atmosphärisches Bild der Stadt und der Begleitumstände des Selbstmords zeichnen. Zu viel Präzision würde seinen Text ruinieren, erklärt er Fingal immer wieder. Damit ein Satz besser klingt, die Rhythmik stimmt, benutzt er bewusst ungenaue Zahlen, macht aus einem pinkfarbenen Lieferwagen einen lilafarbenen und spitzt Zitate seiner Gesprächspartner zu. Er will das Erzählte dramatischer aussehen lassen, das gibt er zu. D'Agata versteht sich als Künstler. An journalistische Regeln müsse er sich nicht halten, schreibt er Fingal zu Beginn - und dieser antwortet: "Ich bin mir nicht sicher, ob es ganz so einfach ist."

Einfach ist nichts im Dialog der beiden. Die Fälle, in denen D'Agata einlenkt, sind an einer Hand abzuzählen. Stattdessen bezeichnet er Fingal als Arschloch und Depp und bittet darum, ihn "für eine Weile mit dem Scheiß" zu verschonen, wenn sein Gegenüber eine "faktische Vereindeutigung" verlangt.

Nichts ist sicher

Fingal ist zwanghaft in seiner Korrekturwut, und er lässt sich auch nicht von ihr abbringen, als er beschimpft und verhöhnt wird. Lang und detailverliebt sind die Passagen, in denen er darlegt, dass es im Altgriechischen und im Chinesischen Wortverbindungen gibt, die dem Begriff "Selbstmord" entsprechen, in denen er auf den Unterschied von "Bischöfen" und "Kardinälen" eingeht. Immer wieder verliert er sich in weitschweifenden Zusatzinformationen. Kurz und polemisch sind hingegen die Antworten von D'Agata. "Verdammt noch mal, entspann dich!", entfährt es ihm. An anderer Stelle schreibt er zahmer: "Ein bisschen Poesie müssen Sie schon gestatten, Jim."

Wie ein moderner Sisyphos versucht der Dokumentar immer wieder aufs Neue, auf Faktentreue zu pochen - seine Aussicht auf Erfolg ist dabei ähnlich wie die des tragischen Helden aus der griechischen Mythologie. Denn D'Agata wird nicht einlenken. Den Vorwurf, dass seine Geschichtsverfälschungen den Leser in die Irre führen, ihm etwas vorgaukeln, will der Autor nicht gelten lassen. Auch nicht den Einwand, das sei gerade im Falle eines Selbstmords geschmacklos. Kunst müsse schließlich Tabus brechen und herausfordern, so D'Agata, sich aber nicht an Regeln halten.

Für den Leser ist es unterhaltsam, den Scharmützeln der beiden zu folgen, die mal ironisch und mal erbittert geführt werden. Am Ende kann er sich selbst fragen, welchen Text er lieber lesen würde: den faktentreuen oder denjenigen mit einem kreativen Zugang zur Wahrheit.

"Das kurze Leben der Fakten" hat zwei Autoren, und so sind ihm auch zwei Zitate vorangestellt. Beide stammen vom chinesischen Philosophen Laotse: "Wahre Worte sind nicht schön", liest man - und blättert eine Seite weiter. "Schöne Worte sind nicht wahr" steht dort. Und man ahnt: Nicht mal das ist ganz sicher.

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