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06.02.2013
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Tony Judts Vermächtnis

Offene Grenzen gibt es nur im Kopf

Von Oskar Piegsa
DPA

Historiker Tony Judt (Aufnahme von 2007): "Das ist Hegel, nicht wahr?"

Diskussionen über Marxismus, jüdische Identität und darüber, welche faschistischen Intellektuellen es zu lesen lohnt: Mit dem Gesprächsbuch "Nachdenken über das 20. Jahrhundert" hat der Historiker Timothy Snyder seinem todkranken Kollegen Tony Judt ein letztes, brillantes Werk abgerungen.

Das "New York Magazine" attestierte ihm den "lebhaftesten Verstand in New York City". Doch dieser Verstand war gefangen in einem sterbenden Körper. Im Jahr 2008 war bei dem Geschichtsprofessor und Essayisten Tony Judt eine Nervenkrankheit festgestellt worden, deren Ursache unbekannt und deren Ausgang unaufhaltbar ist: Amyotrophe Lateralsklerose (ALS). Nach und nach verfielen bei Tony Judt die Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen zuständig sind. Anfangs konnte er sich in seiner New Yorker Wohnung noch selbst bewegen, dann brauchte er dafür einen Rollstuhl, zuletzt auch ein Beatmungsgerät. Sein Denkvermögen blieb aber intakt. In der "New York Review of Books" beschrieb er es so: "Anders als bei den meisten anderen ernsten und tödlichen Krankheiten kann man müßig und ohne große Schmerzen den katastrophischen Fortschritt des eigenen Verfalls beobachten." Im Januar 2010 war das, als Tony Judt schon nicht mehr schreiben, nur noch diktieren konnte.

Solange es ihm möglich war, hielt Judt noch Vorträge, schrieb autobiografische Essays (veröffentlicht in seinem Buch "Das Chalet der Erinnerungen") und traf sich zu Gesprächen mit seinem Historikerkollegen Timothy Snyder. Der hatte es sich in den Kopf gesetzt, dem Sterbenden ein letztes Buch abzuringen: "Nachdenken über das 20. Jahrhundert", eine Ideengeschichte, die zugleich eine allgemeine Geschichte der Intellektuellen ist und die persönliche Geschichte eines Intellektuellen. Schließlich war Tony Judt Marxist und früherer Kibbuznik, hatte während des Mai 1968 in Paris gelebt und in New York während des 11. Septembers 2001. Er war nicht nur Historiker, sondern auch Zeitzeuge und - weil seiner Meinung nach moderne Historiker die "Pflicht [...] zur Einmischung in aktuelle politische Debatten" haben - auch Teilnehmer einiger der politischen Kontroversen, über die er schrieb.

Dieser Anspruch und die besonderen Entstehungsumstände erklären die ungewöhnliche Form von "Nachdenken über das 20. Jahrhundert". Das gemeinsame Buch der beiden Historiker Tony Judt und Timothy Snyder ist zu einem Drittel eine Autobiografie und zu zwei Dritteln ein Interviewbuch. Wo die beiden über die Geschichte diskutieren, nimmt "Nachdenken über das 20. Jahrhundert" die Interviewform an: Snyder fragt, hakt nach, ergänzt, widerspricht. Wo Judt von seinem eigenen Leben erzählt, darf er monologisieren, denn an diesen Stellen hat Snyder alle seine Nachfragen und Zwischenrufe aus dem Manuskript getilgt.

Dialoge als Höhepunkt

Die Höhepunkte des Buchs sind zweifellos die Dialogpassagen. Die Themen sind dann bisweilen nerdig, doch die Leidenschaft der beiden Diskutanten macht Spaß. Judt und Snyder diskutieren über jüdische Identität (im Vorkriegseuropa, in Israel, in Amerika), über Spielarten des Marxismus (im Spanischen Bürgerkrieg, in Osteuropa, unter Akademikern) und darüber, welche faschistischen Intellektuellen es sich zu lesen lohnt (nicht die deutschen, eher schon die rumänischen, mehr noch einige der französischen).

Judt grübelt über den Zweck der Geschichtswissenschaft, ärgert sich über das intellektuelle Niveau der Cultural Studies und berichtet, wie Eric Hobsbawm ihm im Herbst 1968 den Unterschied zwischen linker Politik und studentischem Aktivismus erläuterte: "Manchmal kommt es nicht darauf an, die Welt zu verändern, sondern darauf, sie zu verstehen." Einmal findet Snyder für eine Frage nicht die richtigen Worte: "Wie soll ich sagen, es klingt vielleicht furchtbar metaphysisch und nach 18. Jahrhundert, aber ... " und der ältere, ungeduldige Judt unterbricht ihn: "Was spricht gegen das 18. Jahrhundert? Hervorragende Dichter, hervorragende Philosophen, hervorragende Architektur."

An anderen Stellen lesen sich die Interviewpassagen weniger ungeschliffen und spontan. Dann sprechen Snyder und Judt in perfekten Sätzen, zitieren aus dem Stegreif und erwähnen kaum ein Buch oder einen Denker, zu dem der andere nicht auch ein paar Thesen parat hat (im Anhang des Buches findet sich eine sechsseitige Bibliografie der erwähnten Werke - und die ist noch nicht mal ganz vollständig). Ob dieses Wissen und Sprachvermögen tatsächlich der Brillanz der beiden Gesprächsteilnehmer geschuldet ist, oder eher der nachträglichen Bearbeitung des Manuskripts, lässt sich nicht sagen. Vielleicht ist das aber auch unerheblich, solange Inhalt und Form stimmen. "Ein schlecht geschriebenes Geschichtswerk taugt nichts", sagt Tony Judt. "Ein Geschichtswerk - immer vorausgesetzt, die Fakten sind korrekt - steht und fällt mit seiner Plausibilität. Wenn es für einen intelligenten, informierten Leser richtig klingt, dann ist es ein gutes Buch. Wenn es falsch klingt, ist es nicht gut, selbst wenn es aus der Feder eines bekannten, seriösen Historikers stammt."

Der Ton wird vetraulich

Wenig in "Nachdenken über das 20. Jahrhundert" klingt ganz und gar falsch, auch wenn Tony Judt zu provozierenden Thesen neigt (besonders, wenn es um Israel, akademische Moden oder die moderne Demokratie geht, für die Judt keine rechte Leidenschaft zu empfinden scheint). Wenn "Klang" ein wichtiges Kriterium für ein Geschichtsbuch ist, muss man "Nachdenken über das 20. Jahrhundert" dennoch einen Vorwurf machen: Das permanente Hin und Her zwischen den Erzählformen und Stimmungen, zwischen historischem und autobiografischem Monolog, nervt.

Besonders in den frühen autobiografischen Passagen wird man von Tony Judt an die Hand genommen und durch sein Leben geführt. Der Blick schweift, der Ton wird vertraulich, manchmal auch jovial. Etwa, wenn Judt ins Schwärmen gerät, wie hübsch "die Mädchen" (meist erwachsene Frauen) in seinem Leben gewesen seien: "Das letzte Au-pair-Mädchen war gerade mal sechzehn. In Erinnerung ist sie mir besonders wegen ihrer ansehnlichen Anatomie, die sie vorführte, wenn sie in meiner Gegenwart Handstand machte."

Dann drängt sich Snyder ins Bild, wie um zu verlangen, dass man sich jetzt bitte mal wieder zwei ernsthafte Intellektuelle beim Gespräch vorstellt. Snyder, der Judt in der deutschen Übersetzung duzen darf, klingt im schlimmsten Fall wie ein vorlauter Klassenstreber. "Deine Anmerkungen zur Religion sind gewiss zutreffend", sagt er, oder: "Das ist Hegel, nicht wahr, Tony?" In solchen Momenten wünscht man sich, Snyder hätte zwei Bücher geschrieben: Eine protokollierte Autobiografie und ein Interviewbuch, in dem von der ersten bis zur letzten Seite gemeinsam gedacht und gestritten wird. Judts Unterscheidung zwischen (emotionaler, monolithischer, verkürzter) "Erinnerung" und (sachlicher, pluralistischer und möglichst korrekter) "Geschichte" bietet auch inhaltliche Argumente für eine solche Trennung.

"Nachdenken über das 20. Jahrhundert" ist kein Ersatz für die geplante Kultur- und Ideengeschichte, die Tony Judt wegen seiner Krankheit nicht mehr schreiben konnte. Doch es ist wohl unmöglich, dieses Buch zu lesen, ohne auf neue Ideen zu kommen, ohne provoziert zu werden und ohne neue und alte Bücher zu entdecken, die es sich noch zu lesen lohnt. Statt sich selbst ein Denkmal zu setzen, hat Tony Judt ein Geschenk hinterlassen, an seine Leser und an seine Disziplin. Am 6. August 2010 starb Tony Judt im Alter von 62 Jahren.

Forum

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insgesamt 10 Beiträge
1.
gutleut 06.02.2013
Weiss jemand, ob es dieses Buch in dt. Übersetzung gibt?
Weiss jemand, ob es dieses Buch in dt. Übersetzung gibt?
2. Sind bibliografische Angaben wirklich zuviel verlangt?
pleromax 06.02.2013
Wenn's schon kein Amazon-Partnerprogramm-Link ist?
Wenn's schon kein Amazon-Partnerprogramm-Link ist?
3. stehend griff er..
k_litsa 06.02.2013
nach dem Stehgreif. HÄ?? Hallo Kulturjournalisten: etwas Bildung tut nicht weh, STEGREIF - verdammt!! - heißt das Ding!!!
nach dem Stehgreif. HÄ?? Hallo Kulturjournalisten: etwas Bildung tut nicht weh, STEGREIF - verdammt!! - heißt das Ding!!!
4. Ja
JaWeb 06.02.2013
Es heißt "Nachdenken über das 20. Jahrhundert" und ist im Hanser Verlag Ende Januar erschienen (Autoren: Judt, Snyder).
Zitat von gutleutWeiss jemand, ob es dieses Buch in dt. Übersetzung gibt?
Es heißt "Nachdenken über das 20. Jahrhundert" und ist im Hanser Verlag Ende Januar erschienen (Autoren: Judt, Snyder).
5. Deutsche Übersetzung?
chris_42 06.02.2013
Vermutlich ja - aus dem Artikel: "Snyder, der Judt in der deutschen Übersetzung duzen darf"...
Zitat von gutleutWeiss jemand, ob es dieses Buch in dt. Übersetzung gibt?
Vermutlich ja - aus dem Artikel: "Snyder, der Judt in der deutschen Übersetzung duzen darf"...

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