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07.08.2013
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Traditionsverlag

Gericht eröffnet Insolvenzverfahren für Suhrkamp

DPA

Nächster Akt im Drama um den Verlag Suhrkamp: Das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg hat das Insolvenzverfahren für das Traditionshaus eröffnet. Seit Monaten tobt der Machtkampf zwischen Verlegerwitwe Ulla Unseld-Berkéwicz und dem umstrittenen Medieninvestor Hans Barlach.

Hamburg/Berlin - Für den traditionsreichen Suhrkamp-Verlag ist das Insolvenzverfahren eröffnet worden. Die zuständige Richterin Mechthild Wenzel vom Amtsgericht Berlin-Charlottenburg bestätigte der Nachrichtenagentur dpa am Mittwoch einen entsprechenden Bericht der Tageszeitung "Die Welt". Sie habe das Verfahren über das Vermögen der Suhrkamp KG am Dienstagabend eröffnet, so Wenzel.

Der "Welt" zufolge hatte der Sachwalter Rolf Rattunde einen Insolvenzplan vorgelegt, mit dem die Zukunft des Unternehmens gesichert werden soll. Wie der Verlag mittlerweile bestätigte, sieht der Plan die Umwandlung von einer Kommanditgesellschaft in eine Aktiengesellschaft vor. Damit würde der Minderheitsgesellschafter Hans Barlach voraussichtlich seine zahlreichen Sonderrechte verlieren.

In einer Pressemitteilung äußerte eine Verlagssprecherin die Hoffnung: "Durch die Änderung der Rechtsform wird der insolvenzauslösende Gesellschafterstreit das operative Geschäft des Verlags nicht länger beeinträchtigen können." Zukünftig werde ein Vorstand - kontrolliert von einem durch die Aktionäre gewählten Aufsichtsrat - eigenverantwortlich handeln.

Darüber hinaus sehe der Insolvenzplan vor, dass der Insel Verlag, der operativ vollständig von Suhrkamp abhängig ist, Tochtergesellschaft des Verlags wird.

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Verlagsgeschichte: Die Suhrkamp-Kultur
Ende Mai hatte der Verlag ein sogenanntes Schutzschirmverfahren beantragt. Danach haben die Beteiligten bis zu drei Monate Zeit, Sanierungsvorschläge zu unterbreiten. Die Einleitung des Insolvenzverfahrens kommt infolgedessen nicht unerwartet. Sie ist der juristisch folgerichtige Schritt, um das Überleben des bedeutendsten Literaturverlags der Bundesrepublik zu sichern - trotz des lang anhaltenden Machtkampfs zwischen Verlegerwitwe Ulla Unseld-Berkéwicz und dem umstrittenen Medieninvestor Hans Barlach.

sha/dpa

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insgesamt 36 Beiträge
1. dem Einen Leid
AndreBauer 07.08.2013
dem Anderen sein Freud
dem Anderen sein Freud
2. Ob Suhrkamp 'muss' ist fraglich!
hansulrich47 07.08.2013
Das ist doch nur ein Versuch den bösen Gegner in die Knie zu zwingen! Aber velleich kauft der die Konkursmasse???
Das ist doch nur ein Versuch den bösen Gegner in die Knie zu zwingen! Aber velleich kauft der die Konkursmasse???
3. umstriien
Mertrager 07.08.2013
Also wenn Herr Barlach ein "umstrittener Medieninvestor" ist, dann muß man Frau Unseld-Berkéwicz eine "umstrittene Verlagschefin" nennen. Sonst hat das eine nicht belegbare Tendenz.
Also wenn Herr Barlach ein "umstrittener Medieninvestor" ist, dann muß man Frau Unseld-Berkéwicz eine "umstrittene Verlagschefin" nennen. Sonst hat das eine nicht belegbare Tendenz.
4. Ein Symbol für den "Ich muss alles sofort haben grenzenlosen Gier Kapitalimus"
founder 07.08.2013
Diese Gier wird ja gepredigt. Ich werde regelmäßig am Telefon von Marketingmenschen heimgesucht. Kaufen Sie diese Aktie! Die können es nicht verstehen, wie man länger als ein paar Monate eine Aktie halten kann. Schnell [...]
Diese Gier wird ja gepredigt. Ich werde regelmäßig am Telefon von Marketingmenschen heimgesucht. Kaufen Sie diese Aktie! Die können es nicht verstehen, wie man länger als ein paar Monate eine Aktie halten kann. Schnell kaufen und verkaufen, so lernt man es doch heute. Diese Insolvenz ist ein weiterer Beweis dafür, dass dieser extrem Kurzsichtigen Gier Kapitalismus nicht funkioniert, nicht funktionieren kann.
5. eilmeldung
michi234 07.08.2013
weniger qualitativ lassen sich seiten nicht füllen
weniger qualitativ lassen sich seiten nicht füllen

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Suhrkamp

Chronologie des Machtkampfs
Im Suhrkamp Verlag schwelt seit Jahren ein Kampf zwischen den Gesellschaftern. Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz hält heute 61 Prozent der Anteile, der Unternehmer Hans Barlach den Rest. Inzwischen geht es um die Existenz des traditionsreichen Verlags, der 2010 von seinem langjährigen Stammsitz in Frankfurt am Main nach Berlin zog.
2013
22. Oktober 2013: Eine zweite Gläubigerversammlung entscheidet über den Insolvenzplan, der diese Umwandlung vorsieht.

12. Oktober 2013: Barlach kündigt an, auf Schadenersatz zu klagen, sollte der Verlag wirklich in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden.

3. Oktober 2013: Das Oberlandesgericht Frankfurt hebt die Entscheidung vorläufig auf, nach der Unseld-Berkéwicz nicht über den Insolvenzplan abstimmen darf.

1. Oktober 2013: Eine erste Gläubigerversammlung votiert weitgehend einvernehmlich für die Fortsetzung des Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung.

26. September 2013: Fast 200 renommierte Suhrkamp-Autoren drohen Barlach mit einem Ausstieg aus dem Verlag, sollte er «maßgeblichen Einfluss» auf das Haus behalten - u.a. Sibylle Lewitscharoff, Hans Magnus Enzensberger, Durs Grünbein und Uwe Tellkamp.

10. September 2013: Das Landgericht Frankfurt verbietet der Verlegerin in einer einstweiligen Verfügung, bei der Gläubigerversammlung ihrem eigenen Insolvenzplan zuzustimmen.

6. August 2013: Das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg eröffnet das Insolvenzverfahren. Auf Vorschlag von Unseld-Berkéwicz soll der Verlag von einer Kommandit- in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden. Barlach verlöre dadurch weitreichende Mitspracherechte.

27. Mai 2013: Der Verlag beantragt eine Unternehmenssanierung nach dem neuen Insolvenzrecht. Das sogenannte Schutzschirmverfahren soll verhindern, dass Gewinne an die Anteilseigner ausgezahlt werden.

24. April: Verlagschefin Ulla Unseld-Berkéwicz kassiert eine weitere Niederlage: Das Landgericht Frankfurt am Main gibt einer Klage der Medienholding AG des Minderheitsgesellschafters Hans Barlach statt, strittig waren Informationsrechte und Gesellschafterbeschlüsse.

20. März: Das Landgericht Frankfurt am Main verurteilt die von der Suhrkamp-Chefin geführte Familienstiftung zur Zahlung von knapp 2,2 Millionen Euro an Barlach. Es geht um den Bilanzgewinn von 2010 und die Erlöse aus dem Verkauf des Frankfurter Verlagsgebäudes und des Verlagsarchivs.

13. Februar: Das Landgericht Frankfurt am Main vertagt das Verfahren. Es verweist auf die außergerichtlichen Vermittlungsbemühungen und bestimmt den 25. September als weiteren möglichen Verhandlungstermin.

8. Februar: Barlach beharrt als Voraussetzung für einen Kompromiss auf dem Rückzug der Geschäftsführung.

24. Januar: Die Suhrkamp-Chefin lehnt einen Rücktritt ab.

10. Januar: In einem Appell ergreifen mehr als 70 renommierte Autoren Partei für Verlegerin Unseld-Berkéwicz.

4. Januar: Mehr als 160 Wissenschaftsautoren des Suhrkamp Verlags fordern eine gütliche Lösung im Gesellschafterstreit.
2012
30. Dezember: Barlach verlangt für eine Mediation den Rückzug der Familienstiftung aus der Geschäftsführung.

17. Dezember: Es wird bekannt, dass der frühere Kulturstaatsminister Michael Naumann nach dem Wunsch der Familienstiftung im Streit vermitteln soll. Barlach lehnt ihn als Mediator aber ab. Suhrkamp zeigt sich trotzdem weiter gesprächsbereit.

15. Dezember: Renommierte Suhrkamp-Autoren wie Uwe Tellkamp stellen sich hinter Unseld-Berkéwicz und drohen mit einem Wechsel des Verlags, falls Barlach dort die Macht bekommt.

13. Dezember: Barlach verlangt eine neue Geschäftsführung.

10. Dezember: Ulla Unseld-Berkéwicz wird per Gerichtsbeschluss als Geschäftsführerin des Suhrkamp Verlags abberufen. Das Landgericht Berlin setzt damit einen entsprechenden Beschluss der Gesellschafterversammlung vom November 2011 rückwirkend in Kraft. Die Verlegerin soll wegen der Anmietung von Räumen im Privathaus auch 282.500 Euro Schadensersatz an den Verlag zahlen. Sie legt Berufung ein.

5. Dezember: Die zerstrittenen Gesellschafter verlangen vor einer Handelskammer des Landgerichts Frankfurt am Main, sich gegenseitig auszuschließen. Sollte es dazu nicht kommen, müsse der Verlag aufgelöst werden, verlangt Barlach.
2011
Barlach verklagt die Geschäftsführung unter anderem, weil sie Firmengelder veruntreut haben soll. Er wirft Unseld-Berkéwicz vor, mit Geld des Verlags in ihrem Privathaus im Berliner Stadtteil Nikolassee Räume für Lesungen und Autoren zu mieten, ohne ihn als Mitgesellschafter vorher zu fragen.
2009
Joachim Unseld verkauft seine Beteiligung am Verlag. Sein 20-Prozent-Anteil geht zu gleichen Teilen an die Familienstiftung und Barlachs Medienholding. 2010: Der Verlag verlegt seinen Sitz von Frankfurt am Main nach Berlin.
2006
Der Medienunternehmer Hans Barlach kauft den 29-Prozent-Anteil des Schweizers Andreas Reinhart gemeinsam mit dem Hamburger Investmentbanker Claus Grossner. Das Geschäft wird gegen den Willen der Verlagschefin ausgehandelt.
2002
Nach dem Tod von Suhrkamp-Leiter Siegfried Unseld gehen seine Anteile (51 Prozent) an eine Familienstiftung. Diese leitet seine Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz. 20 Prozent des Verlags gehören Unselds Sohn Joachim, der Rest (29 Prozent) dem Schweizer Investor Andreas Reinhart. 2003: Unseld-Berkéwicz übernimmt die Geschäftsführung. Es gibt auf vielen Ebenen Streit um Kompetenzen.

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