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Kultur

Comicserie "Billy Bat"

Hitler und Einstein - von der Fledermaus vereint

Wie die Welt untergeht - darüber gibt es viele Schriften. Nur wenige gehen den Ursachen so klug auf den Grund wie die Manga-Reihe "Billy Bat".

Naoki Urasawa/ Studio Nuts, Takashi Nagasaki
Von
Sonntag, 21.10.2018   00:31 Uhr

Wodurch wird die Menschheit untergehen? Klimawandel? Bienensterben? Durch eine Supergrippe? Oder wird es doch der Geistesblitz einer künstlichen Intelligenz sein, der uns vom Angesicht der Erde wischt?

Naoki Urasawa hat eine andere Antwort gefunden. Urasawa ist kein bekannter Philosoph und kein Wissenschaftler, nicht einmal ein berüchtigter Verschwörungstheoretiker. Der 58 Jahre alte Japaner ist Mangaka, ein Comicerzähler.

Besser: Ein Meister seines Mediums, einer der Geschichten schafft, die sich mit den bedeutendsten Werken anderer populärer Medien wie Film, Serie, Roman und Computerspiel messen können. Und so führen die Gedanken, die er in seinem neuen Comicepos in eine ungeheuer packende Geschichte gießt, die Schlüsse und Verbindungen, die er zieht, zu einer überzeugenden Antwort darauf, was das Schicksal der Menschen besiegeln wird: Billy Bat.

Philip Marlowe mit Flügeln

Was ist Billy Bat? Zunächst einmal eine Fledermaus. Ein ziemlich verschlagen dreinschauender Fledermausdetektiv, genauer gesagt. Eine Art Philip Marlowe ohne Schlapphut, dafür mit Flügeln unter dem Trenchcoat.

Ganz im Stile des Film noir bekommt Billy Bat den Auftrag, für einen Ehemann dessen Frau hinterherzuschnüffeln, bezieht Prügel von halbseidenen Gangstertypen, findet schließlich die Leiche seines Auftraggebers und trifft dessen Witwe, eine rätselhafte Schönheit, die - natürlich - seine Hilfe braucht. Dann...

...bricht die Geschichte abrupt ab. Die Welt von Billy Bat verblasst, die folgenden Bilder sind nicht mehr als mit nachlässigem Strich hingeworfene Skizzen, eine Zeichenfeder ragt ins Bild. Denn in Urasawas "Billy Bat" ist der Fledermausdetektiv die Hauptfigur einer erfolgreichen Comicserie, die Schöpfung des amerikanischen Comiczeichners Kevin Yamagata.

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"Billy Bat": Manga-Meditation in 20 Bänden

Kevin hadert mit dem Ende der neuesten Folge seiner Geschichte. Irgendwas ist nicht richtig. Dann behauptet auch noch ein Fremder, dass sein Billy Bat die dreiste Kopie eines japanischen Manga sei. Kevin beschließt, nach Japan zu reisen, um das Original zu finden, und gerät in eine Geschichte, die spannender und verwickelter ist, als alle Abenteuer, in die er seinen Fledermausdetektiv bisher geworfen hat. Dann fängt die Fledermaus auch noch an, mit Kevin zu reden. Und bald ist Billy Bat viel mehr als ein Privatermittler in Fledermausgestalt. Viel, viel mehr.

Treffen Sie Neil Armstrong, Einstein und Hitler

Mit leichter Hand entfaltet Urasawa eine Geschichte, die uns durch Jahrhunderte führt, in denen wir Ninja und Grafittikünstlern begegnen, mit sich hadernden Auftragskillern und gewissenlosen Kapitalisten, in denen wir Lee Harvey Oswald und Neil Armstrong, Adolf Hitler und Albert Einstein treffen. Und all diese Leben, all dieses Wollen und Müssen ist verknüpft und getrieben durch die Fledermaus.

Sie ist eine merkwürdige Leerstelle und zugleich der Punkt, um den sich in diesem Comic alles dreht und um den sich bei fortschreitender Lektüre auch die Gedanken des Lesers mehr und mehr drehen werden. "Billy Bat" ist eine Meditation über das, was den Menschen bewegt und antreibt, über Inspiration und Gier, Güte und Machthunger, Bestimmung und Berühmtheit, Kunst und Kapitalismus. Über Gut, Böse, alles dazwischen - und darüber, wofür wir uns entscheiden. Zwischen 2009 und 2016 hat Urasawa den Manga geschrieben und gezeichnet. Entstanden ist ein 20-bändiges Epos von einem der bedeutendsten Erzähler unserer Zeit.

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Naoki Urasawa, Takashi Nagasaki:
Billy Bat, Tome 20

Übersetzung: Sylvain Chollet

Carlsen; Pika Edition; 8,59 Euro

20 Bände - da mögen nun einige durchrechnen, wie viele Monate Netflix sie davon finanzieren können. Ja, mit Manga-Serien ist das immer so eine Sache. Selbst viele enthusiastische Comicfans scheuen die endlosen Regalreihen in Comicläden und Bahnhofsbuchhandlungen. Hunderte gleichförmige Büchlein, etliche unvollendete Serien. Und selbst wenn man zwischen den vielen Teeniegeschichten und verwundenen Fantasyepen eine Reihe gefunden hat, die einen anspricht, weiß man nie genau, wann sie enden, ob man den ersten Band überhaupt noch kriegen und die Geschichte wirklich über viele Bände interessant bleiben wird.

Die Serie "Billy Bat" ist mit dem kürzlich erschienenen 20. Band beendet, der erste ist noch erhältlich. Und das Wichtigste: Wenn Sie vor all den Manga-Buchrücken stehen und ziehen "Billy Bat" aus dem Regal, halten Sie ein Kunstwerk in Händen - und eine komplex-schöne Versuchsanordnung zu der Frage, wie die Menschheit enden wird. Geben Sie sich hinein, und finden Sie es heraus.

Am Ende des Comics - und diese Information ist kein fieser Spoiler, versprochen - werden zwei Feinde einander im Nichts gegenüberstehen, Maschinengewehre aufeinander gerichtet, Leichen ringsherum. Wie die letzten Menschen auf dem Planeten. Kain und Kain beim finalen Showdown.

Was könnte die Menschheit jetzt noch retten? Billy Bat natürlich.

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