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Kultur

Killer-Instinkt

Wie eine junge Autorin das Thriller-Genre aufmischt

Blut, Gemetzel, Tränen: In den Krimis von Candice Fox geht es düster und brutal zu. Die junge australische Autorin ist gerade dabei, zum globalen Phänomen aufzusteigen.

Getty Images

Einsame Rächerin - Symbolbild

Von
Donnerstag, 20.04.2017   18:58 Uhr

Man weiß ja eigentlich, wie es läuft: Junges, niedliches Pärchen verirrt sich in eine schäbige Spelunke voller notgeiler Säufer - und wird misshandelt und ermordet. Doch die Krimiautorin Candice Fox dreht in ihrem dritten Roman "Fall" den Spieß um, und das gleich doppelt. Zunächst entpuppt sich das Pärchen als eiskaltes Killer-Duo. Wenige Augenblicke später aber liegen sie ebenso wie die Säufer sterbend in ihrem Blut, niedergemetzelt mit einem großkalibrigen Präzisionsgewehr. Auftritt der Hauptfigur Eden Archer: "In diesem Becken bin ich der einzige Haifisch."

Eden sorgt tagsüber als Polizistin für Gerechtigkeit und tötet nachts die Verbrecher, die sich ihrer Bestrafung entziehen konnten. Eine Figur wie aus einem Superhelden-Comic, eine Doppelexistenz am Rande der Schizophrenie. Erdacht hat sie die junge Australierin Candice Fox, die momentan auf dem besten Weg ist, zu einem globalen Thriller-Phänomen zu werden. Die erste Hürde hat sie bereits genommen: In den USA hatte sie mit dem Roman "Never Never" ihren ersten Nummer-eins-Hit.

Allerdings: Das Buch schrieb sie zusammen mit James Patterson, der menschlichen Schreibfabrik mit Bestseller-Abo. Knapp 100 Millionen Dollar im Jahr verdient Patterson, der weit über 100 Romane veröffentlicht hat. Meist unter eigenem Namen, immer häufiger aber auch mit einem Co-Autor auf dem Titel. Oft junge, vielversprechende Autoren, die ihm die lästige Arbeit abnehmen, seine Plots zu Papier zu bringen. So wie Candice Fox.

Dabei ist die gerade dabei, ihr eigenes Terrain abzustecken. Ihr erster Roman "Hades" erschien 2014 in Australien, und sie gewann damit den Ned Kelly Award, Australiens wichtigsten Krimipreis, für das beste Debüt. Mit dem zweiten Teil der Eden-Archer-Reihe, "Eden", heimste sie die begehrte Auszeichnung erneut ein, diesmal für den besten Roman.

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Candice Fox:
Fall

Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger

Suhrkamp; 470 Seiten; 15,95 Euro.

Fox verpasst dem ziemlich heruntergekommenen Serienkiller-Genre mit ihrer Trilogie eine Frischeinfusion. Sie kennt die Konventionen des Genres, spielt mit ihnen, verletzt lustvoll die Regeln, bringt andere Genres wie den hardboiled Cop-Krimi in den Mix. Lustvoll sampelt sie, was ihr gefällt. Und ist dabei immer auf maximale Wirkung aus.

"Hades" wirkt gelegentlich überfrachtet. Fox will zu viel, zu schnell, aber der Roman ist dennoch eine eindrucksvolle Demonstration ihres Talents und eine Einführung in das kaputte Universum ihrer Figuren, die neugierig macht: Eden, die Polizistin, deren Eltern ermordet wurden, als sie noch ein Kind war, und die zusammen mit ihrem Bruder auf einem Schrottplatz aufwuchs, als Ziehtochter von Hades Archer, dem ehemaligen Herren von Sydneys Unterwelt. Und ihr Partner wider Willen, Frank Bennett, ein tougher Cop mit einer verhängnisvollen Vorliebe für Alkohol und Pillen, der von Eden fasziniert ist und die nächtlichen Killer-Aktivitäten der Kollegin deckt, auch wenn sein moralischer Kompass deshalb verrückt spielt.

Im ersten Band jagen die beiden einen Serienmörder, der seine Opfer im Hafenbecken versenkt - eine kleine Verbeugung vor Dexter, dem aus der gleichnamigen TV-Serie bekannten Forensiker, der so wie Eden ein Doppelleben als Killer führt. Im zweiten Band, "Hades", lässt Eden fast ihr Leben, als sie undercover in einer Kommune von Kriminellen ermittelt und am Ende mit aufgeschlitztem Bauch an einem Fleischerhaken hängt - Fox schreckt vor drastischen Bildern nicht zurück.

Eden Archer muss erst einmal Pause machen

Jeder ihrer Einsätze kostet Eden und Bennett Wunden, seelische und körperliche, und so sind die beiden zu Beginn von "Fall" ziemlich zerschunden. Dieses Mal bekommen sie es mit einer Psychopathin zu tun, die es auf junge, schöne Joggerinnen abgesehen hat. Eine nach einer misslungenen Fettabsaugung grotesk entstellte junge Frau, die ebenso furcht- wie mitleidserregend ist, Opfer einer grauenhaften Kindheit, wie so viele von Fox' Figuren.

"Fall" ist der Höhepunkt der Reihe. Fox schafft es, ihre Fantasie der Erzählökonomie zu unterwerfen. Und so gibt es kaum Überflüssiges in diesem Roman. Konsequent jagt Fox ihre Leser von Höhepunkt zu Höhepunkt, bis zu einem Finale, das perfider kaum sein könnte. Leider wird "Fall" vorerst die letzte Begegnung mit Eden und Bennett sein, denn Fox hat erst einmal anderes zu tun. Ein zweites Buch mit Patterson steht an, außerdem hat sie mit "Crimson Lake" eine weitere neue Reihe begonnen: "Nachdem ich den Roman fertig hatte, wollte der Verlag eine Fortsetzung", sagt Fox im E-Mail-Interview mit SPIEGEL ONLINE. "Und es gibt Befürchtungen, dass man die neu gewonnenen Leser überfordert, wenn man sie mit einem vierten Bennett-Archer-Buch konfrontiert."

Random House Australia

Candice Fox: Krimitalent aus Australien, das vor drastischen Bildern nicht zurückschreckt

Keine Frage, Fox will den maximalen Erfolg, tut, was dafür nötig ist, und hat bereits Stehvermögen bewiesen: Vor "Hades" hatte sie vier Romane geschrieben, Hunderte Absagen kassiert. Und trotzdem weitergemacht, weil es immer schon ihr größter Traum war, Schriftstellerin zu werden: "Ich war etwa zwölf Jahre alt, als ich mit dem Schreiben anfing, auf einem halb kaputten Laptop, den meine Mutter aus dem Müll gezogen hatte."

Durch ihre Familie kam sie früh mit den seelischen Abgründen in Kontakt, die sie in ihren Roman später radikal ausloten wird: "Meine Mutter hat immer wieder Pflegekinder aus schwierigen Verhältnissen aufgenommen, und die Geschichten, die diese Kinder und die Polizisten, die bei uns ein- und ausgingen, zu erzählen hatten, waren eigentlich viel zu düster und hart für jemanden in meinem Alter. Auch mein Vater, der als Bewährungshelfer im Gefängnis arbeitete, brachte Geschichten von Mord, Selbstmord und Missbrauch mit nach Hause."

Road Trips durch zerstörte Seelenlandschaften

Fox war fasziniert von diesen Storys und begann schon als Siebenjährige, Unmengen von True-Crime-Büchern zu lesen: "Ich lernte damals, was Menschen einander antun können. Aber ich lernte auch, was Menschen, vor allem Kinder, auszuhalten vermögen, wie sie einen Panzer gegen das Leid aufbauen und sich zu starken Erwachsenen entwickeln können."

Die Figuren in ihren Romanen, ob Killer oder Cops, sind allesamt von schmerzhaften Kindheitserfahrungen geprägt. Verlierer und Verlorene, Kaputte und Getriebene. "Andere Figuren sind uninteressant für mich", sagt Fox. "Auch in der Realität langweilen mich Menschen, die gemütliche, ausgeglichene Leben führen." Ihre Romane sind düstere Anti-Märchen, road trips durch zerstörte Seelenlandschaften, von einer fiebrigen Intensität, und sie wären wohl kaum auszuhalten, wenn das alles völlig ernstgemeint wäre.

"Wer zu meinen Lesungen kommt, ist oft überrascht, weil sie jemanden erwarten, der sehr ernsthaft und düster ist" schreibt sie. "Aber ich habe viel Humor. Und ich versuche, diesen auch in meine Romane einfließen zu lassen. Manchmal braucht man einfach ein Ventil, sonst würde einen die Brutalität zerquetschen."

insgesamt 8 Beiträge
-rael 20.04.2017
1. Nicht so neu...
denn Rachephantasien sind so alt wie das Genre. Ob "Ein Mann sieht rot" oder "Kill Bill", immer geht es um Selbstjustiz. Zweifellos ein immer spannendes Thema, aber warum das jetzt als Umkrempelung des Genres [...]
denn Rachephantasien sind so alt wie das Genre. Ob "Ein Mann sieht rot" oder "Kill Bill", immer geht es um Selbstjustiz. Zweifellos ein immer spannendes Thema, aber warum das jetzt als Umkrempelung des Genres gehyped wird, entzieht sich meinem Verständnis.
frankfreifrank gestern, 19:56 Uhr
2. Ach -
kein Bestseller, sondern sogleich ein Gobalseller? (Ohne dass es der Buchhandel darüber entscheidet?)
kein Bestseller, sondern sogleich ein Gobalseller? (Ohne dass es der Buchhandel darüber entscheidet?)
lewerworscht 20.04.2017
3. Klimakatastrophe
Candice Fox als globales Phänomen ? Naja, Spiegel halt.....
Candice Fox als globales Phänomen ? Naja, Spiegel halt.....
madala2 20.04.2017
4. New book
Lieber Herr Müntefering, Also ich habe schon viele neue Wörter in Bezug auf neue Bücher gelernt, aber was ist Um Himmels Willen ein. " Notgeiler Säufer " ?? Viele Grüße
Lieber Herr Müntefering, Also ich habe schon viele neue Wörter in Bezug auf neue Bücher gelernt, aber was ist Um Himmels Willen ein. " Notgeiler Säufer " ?? Viele Grüße
ratz1967 20.04.2017
5. Krimis...Thriller...Medical detectives...Killer Paare....[sic]
... man könnte meinen, unsere Gesellschaft ist gänzlich humorlos geworden. Nur noch Mord- und Totschlag im Fernsehen und Kiminologen mit grimmigen Gesichtern, die beweisen, dass sich die Taten nicht lohnen. Das Abendprogramm [...]
... man könnte meinen, unsere Gesellschaft ist gänzlich humorlos geworden. Nur noch Mord- und Totschlag im Fernsehen und Kiminologen mit grimmigen Gesichtern, die beweisen, dass sich die Taten nicht lohnen. Das Abendprogramm ist voll davon und es gibt keine Alternativen. Lustige Filme scheinen schwieriger zu produzieren sein. Aber es brächte die Leute vielleicht vom Morden, Schlagen und Vergewaltigen weg....
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