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Kultur

"Finsterwalde" von Max Annas

In einem Land nach unserer Zeit

Thriller, Dystopie, Politroman: In "Finsterwalde" schickt Max Annas eine afrodeutsche Familie und einen alten Griechen in den Kampf gegen ein faschistisches Regime - in Deutschland.

DPA

U-Bahnhof am Kottbusser Tor

Von
Dienstag, 07.08.2018   16:49 Uhr

Das NKZ ist nicht mehr da. Den Gebäudekoloss am U-Bahnhof Kottbusser Tor mit seinen Wohnwaben aus Beton, seinen Durch- und Aufgängen, aber auch mit seinen Kneipen und Geschäften, hat das neue Regime in die Luft gesprengt. Es ist eines der ersten Dinge, die Theo auffallen. Der ehemalige Journalist ist aus Griechenland nach Berlin gekommen, zusammen mit seiner Ehefrau Eleni und den beiden Töchtern. Eleni wird die Arztpraxis einer Frau übernehmen, die interniert wurde, weil sie schwarz ist.

Rasch stellt Theo bei seinen Spaziergängen fest, dass das neue Deutschland nicht besser ist als Griechenland. Es ist zu einem Polizeistaat geworden, der Fachkräfte angeworben hat. Drohnen, Kameras und elektronische Fußfesseln überwachen die Menschen. Die Neuen sind gewissermaßen auf Bewährung im Land. "Keine politischen Diskussionen im ersten Jahr", so steht es in ihrem Immigrationsvertrag geschrieben.

Michele Corleone

Max Annas

Schnitt. Finsterwalde. Um die Stadt im Süden Brandenburgs haben die neuen Machthaber einen Zaun gezogen. Wer versucht auszubrechen, wird erschossen. Hier sind alle Schwarzen eingesperrt, die es nicht rechtzeitig außer Landes geschafft haben, ein ähnliches Lager soll es für Asiaten geben. Da sind auch die Ärztin Marie, Elenis Vorgängerin in Berlin-Kreuzberg, und ihre beiden Kinder. Was genau die Machthaber mit den Internierten vorhaben, ist unklar.

Marie bemüht sich zusammen mit einigen anderen, so etwas wie Struktur in das Lager zu bringen. Was bei der Verteilung von Lebensmittellieferungen - die Machthaber werfen Pakete ab - noch funktioniert, scheitert drastisch, als es zu ersten Morden unter der Bevölkerung kommt. Ein Priester wird umgebracht. Auf seinem Telefon findet sich ein Film, der zeigt, dass er vor seinem Tod noch Kinder in einem Berliner Keller versteckte. Marie und eine Gruppe anderer Lagerbewohner wollen sie retten - und machen sich auf die weite Reise nach Berlin. Theo wiederum findet in der neuen Wohnung in Berlin Fotos von Marie und ihrer Familie. Er erfährt von Finsterwalde - und beschließt, dort hinzureisen. Durch eine Verkettung von Zufällen trifft er auf Marie und ihre Begleiter, sie verbünden sich.

Letztendlich Feinde

Max Annas hat seine Geschichten schon mehrfach vor dem Hintergrund sozialer und politischer Verwerfungen spielen lassen. Zu erwähnen sind vor allem seine in Südafrika angesiedelten Thriller "Die Farm" und "Die Mauer". Letzterer brachte dem Kölner Autoren 2017 den Deutschen Krimi Preis ein.

Auch der Anfang von "Finsterwalde" ist rasant und entschlossen angelegt. Zwei Szenarien treffen aufeinander, das eine erzählt von einem Neubeginn, von Chancen und Hoffnungen, das andere von einem Ende, von Ängsten und Gewalt. Max Annas verwebt sie geschickt und mit erzählerischer Wucht. Und auch wenn es ordentlich knallt, auch wenn Annas seine Gewaltszenen sehr drastisch anlegt: Den klassischen Pfad des Genres verlässt er schnell. Er zeichnet seine Helden bei aller notwendigen Härte mit sanftem Wohlwollen; sie kämpfen ums Überleben - nicht nur um ihr eigenes.

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Max Annas:
Finsterwalde

Rowohlt; 400 Seiten; gebunden; 22 Euro

Die deutsche Mehrheitsgesellschaft, die ihr Revier ebenso dumpf wie eingängig mit einem großen "D" markiert, bleibt dabei eine amorphe Masse. Diejenigen, die die Nationalen gerade in den östlichen Landesteilen mit zum Teil nahezu hundertprozentiger Mehrheit gewählt haben, sie kommen nur am Rande vor. Als durchs Land streichende Bürgerwehrler oder auch als ganz normale Passanten - einmal versteckt sich Theo im Wald vor einer Familie, die ihren Hund "Harlan" genannt hat; vermutlich nach Veit Harlan, dem Regisseur des NS-Propagandafilms "Jud Süss".

Annas zeigt das neue System durch die Augen derer, die in ihm keinen Platz mehr haben. Menschen, die schon aufgrund ihrer Hautfarbe interniert werden. Und er erzählt von denen, die neu ins Land geholt werden und rasch merken, dass sie zwar als Lösung für den Fachkräftemangel gesehen werden, aber letztendlich Feinde sind.

So ist "Finsterwalde" eine Dystopie, die man vor einigen Jahren kaum als plausibel erachtet hätte. Und auch, wenn sich Annas davor hütet, die Handlung zu sehr in aktuellen Realitäten zu verankern: In einer Zeit, in der in ganz Europa Rechtspopulisten immer mehr Einfluss erlangen und in denen die Abschottung des Kontinents zum zentralen Thema wird, muss man die Plausibilität vielleicht doch diskutieren.

Letztendlich geht es in "Finsterwalde" also um Bürgersinn, um die alte Frage, wie man Ungerechtigkeiten anderen gegenüber zu begegnen hat. Dass am Ende zarte Hoffnung keimt, ist auch eine Art Antwort.

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