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Kultur

Wiederentdeckung von Flannery O'Connor

Sie kippte Säure auf "Vom Winde verweht"

Sie wurde nur 39 Jahre alt, sie porträtierte die Outlaws des amerikanischen Südens - knapp, sarkastisch. Nun sind die besten Storys von Flannery O'Connor wieder auf Deutsch verfügbar. Genial!

Eberhart Studio, Milledgeville, Georgia

Flannery O'Connor

Von
Dienstag, 13.02.2018   12:24 Uhr

Ihre Storys, die sie bis zu ihrem frühen Tod im Jahr 1964 schrieb, erreichen uns aus Amerikas tiefem Süden, aus Andalusia im Bundesstaat Georgia. Dort, auf der Farm ihrer Mutter, feilte sie bis zuletzt an ihren kleinen, oft finsteren Südstaatenlegenden, deren konzise Schärfe sie früh berühmt machte.

Truman Capote, zeitlebens eifersüchtig auf die Alleinherrschaft im Reich der US-Literatur bedacht, pries die Frühvollendete gar als "Genie". Und für T. C. Boyle ist die Qualität ihrer Storys bis heute unerreicht. Nun liegen unter dem Titel "Keiner Menschenseele kann man noch trauen" zehn ihrer besten in einer (leider manchmal knarzenden) Neuübersetzung vor.

Bereits in den Sechzigerjahren waren O'Connors Kurzromane "Ein Kreis im Feuer" oder "Das brennende Wort" und einige ihrer Storys auch bei uns erschienen - bleibenden Eindruck aber hinterließen sie merkwürdigerweise nicht. Dabei war da doch eine schmerzhaft genau beobachtende Erzählerin zu entdecken, die auf geradezu unheimliche Weise dazu befähigt war, uns mit Worten Einsichten in die menschliche Existenz zu eröffnen.

Zudem kippte hier eine selbstbewusst auftretende Schriftstellerin ungeniert Säure über das ihr offenbar verlogen erscheinende Bild des amerikanischen Südens, das vor allem Margaret Mitchell in ihrem 1936 erschienenen Epos "Vom Winde verweht" gemalt hatte. Ihr schwebte etwas anderes vor als die gängige Südstaatengotik à la Tennessee Williams und Harper Lee. Etwas, das Schluss machte mit der literarischen Menschenverklärung.

"Es ist durchaus möglich, die Menschen zu lieben, solange man sie nicht näher kennt!" brachte Flannery O'Connor einmal unmissverständlich zum Ausdruck, wie sie die Spezies, der sie angehörte, sah. So ist in sämtlichen ihrer Storys denn auch wie selbstverständlich das Böse anwesend. Mal offenbart es sich uns in Gestalt eines skrupellosen Verbrechers namens Outlaw, der kaltblütig eine alte Frau erschießen lässt, um ihr anschließend spöttisch hinterherzurufen: "Es gibt kein echtes Vergnügen im Leben". Dann wieder begegnen wir ihm in dem Stück "Der Fluss" in der Person eines verlogenen Wunderheilers, der schamlos in Gottes Namen Geschäfte macht.

Ein Thema, das die zutiefst katholische Autorin nie losließ: Gott und die Seinen im Kampf gegen das Böse. Denn im traditionell vom evangelikalen Protestantismus beherrschten Süden muss sie sich wie eine Außerirdische vorgekommen sein. So sind es in der Regel gewalttätige Wesen, in deren Welt Gott ausgespielt hat, die sie porträtiert. Ungläubige, die nur mehr ans Fressen und gefressen werden glauben. Und zeigt der Herrgott sich ihnen scheinbar doch einmal, so tut er es in der Gestalt des Teufels, dessen Diktat gehorchend sie das Böse säen.

Geschichten aus dem Wendekreis des Bösen

"Genial ist, wer die schriftstellerische Fähigkeit besitzt, komplexe Dinge einfach darzustellen!", hat Flannery O'Connor gesagt. Dem ist sie in vielen ihrer Storys nah gekommen. Und sie machen auch heute noch deutlich, weshalb die 1925 in Savannah geborene Schriftstellerin schon bald ganze Armeen von Nachahmern ihres knappen, gleichsam bildhaften Stils auf den Plan rief. Oft sarkastisch klingt das bei dieser Autorin, in der Tradition William Faulkners, aber doch wie ein neuer Ton.

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Flannery O'Connor:
Keiner Menschenseele kann man noch trauen

Aus dem amerikanischen Englisch von Anna Leube und Dietrich Leube

Arche Verlag; 352 Seiten; 22 Euro.

Darin erinnert sie bisweilen an ihre acht Jahre ältere, 1967 verstorbene und ebenfalls aus Georgia stammende Kollegin Carson McCullers. Mit ihr teilte sie nicht nur den entlarvenden Blick der schreibenden Ethnologin, sondern auch die frühe, alles bestimmende Erfahrung einer unheilbaren Krankheit. Carson McCullers hatte 1932, im Alter von 15, einen ersten Rheumaanfall erlitten, der den Beginn ihrer traurigen Laufbahn als lebenslang Kranke bis hin zu Schlaganfällen und schwersten Lähmungserscheinungen markierte. Bei Flannery O'Connor wurde im Alter von 26 die Autoimmunerkrankung Lupus erythematodes diagnostiziert. Ein teuflisches Leiden, das zunächst die Haut befällt und zerstört - und anschließend auf die Knochen übergreift.

Die Ärzte nannten ihr als verbleibende Lebenszeit eine Spanne von fünf Jahren - am Ende vergingen deren 15, ehe Flannery O'Connor am 3. August 1964 in Baldwin County starb. Zuvor rang sie dem Tod noch ein Dutzend Geschichten und ein paar erschütternde Kurzromane ab, in denen sich alles wie in einer Nussschale zusammengedrängt findet, was Menschsein ausmacht: Sehnsucht, Wahn, Lebenshunger, Todesangst, enttäuschte Liebe und Verschlagenheit - verdichtet zu Geschichten aus dem Wendekreis des Bösen.

"Die meisten Leute glauben so lange, zu wissen was eine Kurzgeschichte ist, bis sie sich hinsetzen und versuchen, eine zu schreiben!" Noch so ein O'Connor-Satz. Denn oftmals erscheinen Nachahmern viele ihrer Texte verlockend simpel. Capote hatte Recht. So gesehen war diese Schriftstellerin wahrscheinlich tatsächlich genial.

insgesamt 1 Beitrag
newline 13.02.2018
1. Vielen Dank,
Flannery O'Connor war mir bisher unbekannt. Dies wird sich jetzt ändern.
Flannery O'Connor war mir bisher unbekannt. Dies wird sich jetzt ändern.

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