Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Lyrik für den Herbst

Die Zeichen verdichten sich

Debatten über Fassaden-Gedichte, Instapoeten, Büchnerpreis - Lyrik ist derzeit überall. Kein Wunder: Zeitgenössische Dichtung ist ein idealer Ausdruck unserer Gegenwart. Ein Überblick.

imago/ Hindustan Times

Instapoetin Rupi Kaur

Von
Donnerstag, 11.10.2018   16:27 Uhr

Das Gedicht grenzt im Westen an die Vereinigten Staaten der Zwecklosigkeit.
Das Gedicht grenzt im Osten an eine freiwillige Feuerwehr.
Das Gedicht grenzt im Süden an eine Tüte Bio-Mehl.
Das Gedicht grenzt im Norden an subventionierte Kinderbetreuung.
Das Gedicht grenzt, wenn es Grenzen hat, an seine Selbstgefälligkeit.
Das Gedicht geht durch meinen Körper.
Das Gedicht geht durch meinen Körper und grüßt nicht mal.
Das Gedicht holt sich, was es braucht.

Diese Zeilen sind aus Björn Kuhligks "Das Gedicht geht durch meinen Körper und grüßt nicht mal". Es ist der Schlussbeitrag in einer neu erschienenen Anthologie, in der sein Kollege Steffen Popp einen Ritt durch die deutschsprachige Lyrik seit Anfang der Nullerjahre zusammengetragen hat.

Anzeige
Steffen Popp (Herausgeber):
Spitzen. Gedichte, Fanbook, Hall of Fame

Edition Suhrkamp, 254 Seiten, 18 Euro

Kuhligks sechs Strophen als Finale von "Spitzen", das ist durchaus programmatisch. Die Verse mäandern ganz meta am Zustand der zeitgenössischen Dichtung entlang: Kuhligk stellt die Sinnfrage jeder Zeile, seufzt sanft über die prekäre Position von Dichtern wie Genre, über den Unsinn der Kritik - und das selbstreferenzielle Gequatsche über Dichtung an sich. Er zitiert dabei Elemente von Dada wie auch der Konkreten Poesie der Fünfzigerjahre, indem er die Sprache selbst zum Thema macht, etwa traditionelle Satzkonstruktionen ins Leere laufen lässt ("Ich schreibe, wenn die Defizite."). Kurz: Es ist wie ein Geschäftsbericht zur Lage der Poesie. Und ihrem Trotz, sich um gängige Normen zu scheren und genau damit Neusinn zu stiften.

DPA

Anthologie-Herausgeber Steffen Popp

Popps Band ist dabei nur ein Teil eines größeren Aufbruchs. Die Zeichen, sorry, verdichten sich. Auch weil mit Jan Wagner 2017 erstmals ein Dichter den renommierten Georg-Büchner-Preis gewonnen hat. Auch weil vor anderthalb Jahren Bob Dylan den Literaturnobelpreis erhielt. Auch weil in Deutschland vor ein paar Monaten mit "Avenidas" ein Gedicht rauf- und runter-interpretiert - und zu anderen Vers-Memes weitergesponnen wurde. Oder weil sich den Deutschen Nature Writing Preis gerade erst gleich zwei Lyriker teilten. Und weil sich neben Verlagen wie Suhrkamp, Hanser, Fischer oder Schöffling, die sich nach wie vor einen Fokus auf Lyrik im Programm leisten, Plattformen wie "Lyrikline" als Dauer-Inspiration etabliert haben.

Anzeige
Jan Wagner:
Die Live Butterfly Show

Hanser Berlin, 104 Seiten, 18 Euro.

"Es ist ambivalent", sagt Daniela Seel, die mit Kookbooks seit 2003 den wohl wichtigsten deutschen Indie-Verlag für Lyrik leitet: "Man hat es selbst in die Hand genommen und unabhängige Verlage gegründet - und wird daher als getrennt vom Markt, als Nische gesehen."

Jene Nischengattung mit ihren prekären Protagonisten also schiebt sich gerade nach vorne auf die Textbühne, auf der sich sonst Krimis, Schmonzetten oder die feine Dame Literatur herumdrücken. Und die Scheinwerfer sind auf volle Leistung geschaltet: Was, bitte, nutzt uns Lyrik jetzt gerade? Was vermag sie, was anderen Textgattungen nicht gelingt? Wenn sich da etwas verdichtet, was ist es - und weshalb?

Larmoyanz weggefegt

Erst mal zu den Anzeichen: Es ist schon bemerkenswert, dass heuer gleich zwei große neue Lyrikbände erscheinen, die sich den vergangenen 20 Jahren deutschsprachiger Dichtung widmen. Ausgehend von jenem Moment im Jahr 2004, als sich über 70 junge Dichterinnen und Dichter zusammenfanden und mit "Lyrik von Jetzt" einen Band veröffentlichten, der mit lautem Bäm! signalisierte: Hallo, ihr habt's vielleicht nicht bemerkt, aber wir sind eine Bewegung, zeitgenössische Dichtung, wir sind's!

Mit jener Generation habe eine "kritische Distanz zur eigenen Sprechposition und Sprechhaltung" Einzug gehalten, schickt Steffen Popp seinen "Spitzen" voran, damit sei auch eine gewisse "Larmoyanz" in der Lyrik weggefegt, jedoch: "Die Räumarbeiten sind noch in vollem Gange". Sein Kompendium will möglichst viel zeigen, als "Fanbook. Hall of Fame", so der Untertitel.

Anzeige
Christian Metz:
Poetisch denken. Die Lyrik der Gegenwart

S. Fischer, 432 Seiten, 20 Euro

Dagegen ist der ebenfalls neue Wälzer "Poetisch denken" von Christian Metz wie ein Zoom in die Materie: Er greift sich vier Gedichte dieser Phase heraus, von Monika Rinck, Jan Wagner, Ann Cotten und Steffen Popp, und dechiffriert damit stellvertretend die vergangenen zwei Jahrzehnte.

DPA

Büchnerpreisträger Jan Wagner

Er geht mit einer interpretatorischen Lust in die Tiefen der Zeilen, dass er nicht anders kann als ansteckend zu sein, legt mit derartiger Freude Sinnschichten frei, die weniger versierten Kennern wie ihm notgedrungen verschlossen bleiben müssen. Er diagnostiziert einen "Scheitelpunkt" für die zeitgenössischen Lyrikerinnen und Lyriker: "Die einen wollen in der Nische bleiben, die anderen entscheiden, sich zu popularisieren." Oder anders: Die einen sehen den Erfolg von Buchpreisträger Jan Wagner als Inspiration, die anderen als Abschreckung. Wagner bündele die Aufmerksamkeit, sagen einige, für die Gattung als Ganzes ändere das nichts.

imago/ Mike Schmidt

Autorin Nora Gomringer

Außerdem frisch: "#poesie", herausgegeben von Martin Beyer und Nora Gomringer, Tochter von "Avenidas"-Autor Eugen Gomringer, Bachmannpreisträgerin 2015 und dieses Jahr mit in der Jury, die Zeitgenössisches von Marion Poschmann, Bas Böttcher, Gerhard Falkner neben Lyrik aus dem Barock oder der Romantik stellt - streng alphabetisch sortiert, um neue Assoziationen zu öffnen, Kastendenken aufzubrechen.

Anzeige
Christoph Szalay, Robert Prosser (Hrsg.):
wo warn wir? ach ja. Junge österreichische Gegenwartslyrik

Limbus, 180 Seiten, 18 Euro

Oder auch ein Band zu junger österreichischer Gegenwartslyrik, den Christoph Szalay und Robert Prosser diesen Herbst veröffentlichen unter dem Titel: "wo warn wir? ach ja": Es sei "notwendig", so ihr Plädoyer, dass Lyrik sich in Österreich "in Zukunft auch ofter abgebildet findet im offentlichen Diskurs".

imago/ ZUMA Press

Performance-Poetin Kate Tempest

Dazu rücken politische Performance-Poeten ins Licht wie Kate Tempest (deren Langgedicht "Let Them Eat Chaos" im August bei Suhrkamp erschien) oder Andrea Gibson, die ihre Texte programmatisch auch als Alben herausbringt. Daneben gibt es auch erfolgreiche Slampoeten wie Julia Engelmann oder - schon 2013 - der Däne Yahya Hassan, sogenannte Instapoets wie Nyyirah Waheed oder Rupi Kaur, die erstmal im Selbstverlag begann und nun eine Auflage in Millionenhöhe hat (ihr erster Band "Milch und Honig" erschien 2017 bei dem kleinen Münchner Verlag Lago, "Blüten der Sonne" nun Ende September prompt bei S. Fischer). Und da ist die Tatsache, dass eine Sportlerin wie Serena Williams sich mit der Rezitation von Maya Angelous 40 Jahre altem "Still I Rise", einem der berühmtesten und kraftvollsten Antirassismus-Gedichte der US-Literatur, inszeniert.

Ein Feld, wo es ums Prestige geht

Wie stark ausgerechnet Lyrik Ausdruck unserer Zeit ist, zeigt sich schon in jenem Moment, der als Anfang gilt: Was die Bewegung der 2000er geschaffen hat, ist Ausdruck unserer Ära des Crowdsourcings, in der das Miteinander rein kapitalistischen Werten den Rang abläuft. Sie verbündeten sich. Und in der Tat, das enge Netzwerk deutschsprachiger Lyrikerinnen und Lyriker ist beeindruckend: Allen voran ging Kookbooks als Fundament der Bewegung, kein Verlag, betont Daniela Seel, sondern eine "Dichter*innenselbstverteidigung".

Oder auch der Dichter Ulf Stolterfoht, der mit "Brueterich Press" einen eigenen Lyrikverlag gründete, basierend auf einem Abosystem. "Publishing is a way of living", sagte er auf einem Panel beim Internationalen Poesiefestival im Mai in Berlin. Ausdruck dieser Haltung ist etwa, dass es hier, anders als in anderen Kunstgattungen, für die Autoren und Autorinnen selbstverständlich ist, sich gegenseitig zu redigieren, publizieren, finanzieren.

Anzeige
Kate Tempest:
Let Them Eat Chaos / Sollen Sie doch Chaos fressen

Suhrkamp, 154 Seiten, 15 Euro.

Dazu gehört auch die Einsicht, dass wir uns, notgedrungen, auch jenseits der Kunst, in der Ära der Prekarisierung eingerichtet haben: "Wer Lyrik schreibt, hat sich von vorneherein auf ein Feld begeben, in dem es nicht um finanzielles Kapital geht, sondern um Prestige", analysiert der "Poetisch denken"-Autor und Literaturwissenschaftler Christian Metz, es gäbe nur die Wahl zwischen "wenig Geld und ganz wenig Geld". Hauptsache, gedruckt werden.

Für Lektor Florian Kessler, beim Hanser-Verlag für die Lyrik zuständig, bedeutet das etwa: "Viele tolle junge Lyriker wollen nicht bei uns veröffentlichen, weil woanders das kulturelle Prestige größer ist." Auch das ist unverkennbar Ausdruck der Gegenwart, in der Boni weniger zählen als Urlaubstage, Home Office oder Gleitzeit, findet Metz: "Unsere Welt hat sich poetisiert: Geld ist nicht mehr das erste Argument. Damit kennt man sich in der Lyrik gut aus."

"Selbstinszenierung gehört zum Zuständigkeitsbereich der Lyrik"

Die Lyrik passt auch hervorragend in unsere Ära der Zeitökonomie - oder anders: der kurzen Aufmerksamkeitsspannen. Gedichte sind nun einmal schneller zu erfassen als fette Romane. Dass "Instapoets" wie Rupi Kaur oder Nayyirah Waheed so erfolgreich sind, ist Ausdruck dieses Phänomens: Statt Avocado-Sandwich-Photos werden hier Verse geteilt - über Feminismus, Körperbewusstsein oder Normenkritik.

DPA

Poetry-Slammerin Julia Engelmann

Das demonstriert auch der Erfolg der Slampoetry, von Performance-Dichterinnen wie Tempest oder Engelmann: Sie entsprechen damit der Ära des großen Auftritts und der permanenten Selbstinszenierung. Ein Element, das in jüngeren Werken unübersehbar ist, wenn man durch "Spitzen" oder "Poetisch Denken" blättert. Die subjektive Perspektive auf die Welt, das Ich, steht im Fokus. "Die Lyrik hat nun einmal Erlebniskompetenz", befindet Christian Metz: "Die Selbstinszenierung gehört seit 1770 zum Zuständigkeitsbereich der Lyrik".

Anzeige
Rupi Kaur:
Die Blüten der Sonne

aus dem Englischen von Anna Julia Strüh

Fischer, 256 Seiten, 16 Euro.

"Lyrik war immer minoritär und ist minoritär", formuliert es Florian Kessler, Lyriklektor beim Hanser-Verlag, eben ein Teil der "Indie-Kultur". "Poetry steht außer Konkurrenz", sagt Gregor Weichbrodt, der mit dem Dichter Hannes Bajohr lustvoll mit Twitter-Bots experimentiert. Die Außenseiterposition bringt die Freiheit mit sich, Sprache anders zu besetzen. Und das ist das eigentliche Kapital dieser Gattung.

Dieses Kapital könnte genau jetzt wichtig werden: In einer Zeit, in der wir täglich bemerken, wie sich Sprache und ihre Konnotationen verschieben wie bei einer Wanderdüne.

Anzeige
Hannes Bajohr:
Halbzeug. Textverarbeitung

Suhrkamp, 109 Seiten, 16 Euro

Thomas Wohlfahrt vom Berliner Haus für Poesie befindet, Lyrik habe immer "eine zeitgenössische Dimension". Und damit auch eine politische, aktuell mit historischem Vorbild in der Laut- und Soundpoetry der Fünfziger/Sechziger: "Eine Reaktion auf die völlig vergiftete Sprache der Nazizeit", sagt Wohlfahrt. "Diese vergiftete Sprache erleben wir gerade wieder."

Die Eingangszeilen von Björn Kuhligk demonstrieren es: Gedichte erlauben es, die Dinge anders darzustellen, Bedeutungsräume zu öffnen. Sie können eine andere Sprache für unsere Welt finden. Und uns in dieser Gegenwart, in der Sprache jeden Tag weiter ins Verrohte abrutscht, andere Sprachwelten als Gegenentwurf präsentieren. Oder wie Kuhligk es in einer anderen Zeile erfasste: "Das Gedicht will sagen: Woher weißt du, was ich will, und warum kann ich überhaupt reden."

insgesamt 1 Beitrag
Alexis_Saint-Craque 12.10.2018
1. In der Maske des Autonomen
Das zutiefst elitäre Sprechen der Lyrik ist endlich demokratisiert worden - um den Preis der Botschaft im Sekundentakt. Statt Poiesis nun eben doch nur Mimesis: Sei der Stylist Deiner Messages. Mit Garage Band Word. Wir haben es [...]
Das zutiefst elitäre Sprechen der Lyrik ist endlich demokratisiert worden - um den Preis der Botschaft im Sekundentakt. Statt Poiesis nun eben doch nur Mimesis: Sei der Stylist Deiner Messages. Mit Garage Band Word. Wir haben es also mit einer App zu tun. Das ist nicht weiter schlimm. Denn auch der 3D-Drucker erschafft ganz wunderbare Riemenschneider Madonnen. In shrieking pink. "Das Gedicht holt sich, was es braucht." In der Maske des Autonomen. Oh je!
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP