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Kultur

Entwurf eines linken Populismus

Volkskunde mangelhaft

Das "Wir" braucht einen klaren Feind: Die Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe empfiehlt einen Populismus von links als Gegengift zum Rechtsruck. Keine überzeugende Idee.

JENS SCHLUETER/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Sahra Wagenknecht

Von
Sonntag, 07.10.2018   16:00 Uhr

In Chemnitz tobt der Mob, in Dortmund skandieren Nazis antisemitische Parolen. Die AfD ist in Umfragen mittlerweile mit der SPD gleichauf: Europa driftet zunehmend nach rechts, und Teile der politischen Sphäre Deutschlands bemühen sich eilfertig, Schritt zu halten.

Um den Erfolg der Rechten zu erklären, wird gerne der Populismus ins Feld geführt: als erfolgreiche Strategie, Menschen im Kollektiv gegen eine Elite und die Fremden zu mobilisieren. Eine linke Gegenstrategie mit ähnlicher Durchschlagskraft ist noch nicht abzusehen. Man übt Kritik, entlarvt die AfD zum gefühlt 123. Mal als rechtsradikal und staunt, wie effektiv die Strategie der Rechten funktioniert.

"Herauskristallisierung eines kollektiven Willens"

Die belgische Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe empfiehlt bereits seit Jahren einen Populismus von links als Gegengift zu dem von rechts.Gemeinsam mit ihrem vor vier Jahren verstorbenen Mann Ernesto Laclau schrieb Mouffe Mitte der Achtziger "Hegemonie und radikale Demokratie", ein zentrales Buch für viele Linke, die sich vom Marxismus verabschiedet hatten.

In dem 100 Seiten starken Band "Für einen linken Populismus" hat sie jetzt eine Art Programmschrift vorgelegt: Der linke Populismus soll Front machen gegen die "neoliberale Hegemonie", Mouffes eigentlichen Endgegner. Die Krise, in der der Kapitalismus sich befände, fasst Mouffe als "populistischen Moment". Dieser müsse genutzt werden, um die "Herauskristallisierung eines kollektiven Willens" anzustreben, der "von gemeinsamen Affekten getragen wird, die auf eine demokratischere Ordnung abzielen".

imago/ Hartenfelser

Chantal Mouffe: Ein "Volk" lässt sich nicht einfach konstruieren

Der Vorschlag ist natürlich kontrovers. Das Wort Populismus ist im europäischen Diskurs für viele Linke und im Diskurs der politischen Mitte negativ besetzt: Die populistische Bewegung braucht einen Feind, gegen den sich das populistische Wir überhaupt erst herausbilden kann. Unter anderem deswegen hat jede populistische Bewegung Faschisierungspotenzial. Auch wenn es gegen "Die da oben" geht - und nicht gegen diejenigen Fremden, die angeblich "das Gastrecht" (Sahra Wagenknecht) missbrauchen.

Auch bei Mouffe beinhaltet der Populismus eine Feindbestimmung, die den Konflikt in eine konsensversessene politische Sphäre zurücktragen soll. "Ohne einen Gegner zu definieren", schreibt Mouffe nüchtern, "kann man keine gegenhegemoniale Offensive starten."

"Wir" will gespürt werden, vor allem im Kampf gegen den Gegner

Allerdings bringt man das in "Für einen linken Populismus" skizzierte Mobilisierungsprogramm nur schwer mit dem Bild aufgepeitschter Massen in Verbindung, weil es in einer maximal trockenen Sprache formuliert ist. Wo der rechte Populist sich als Teil eines Volkskörpers imaginiert, den er verteidigen muss, soll der Populismus von links ungleich abstrakter sein. So etwas wie ein "Volk" - mal wird der Begriff von Mouffe in distanzierende Anführungen gesetzt, mal nicht - müsse nämlich erst einmal konstruiert werden.

Für Mouffe entsteht das Volk über die Herstellung einer "Äquivalenzkette zwischen den Forderungen der Arbeiter, der Einwanderer und der vom Abstieg bedrohten Mittelschicht sowie anderer demokratischer Forderungen, etwa derer der LGBT-Gemeinde". Das bedeutet auch, dass dieser Populismus zumindest an dieser Flanke tatsächlich nicht kompatibel mit dem rechten Populismus wäre: Er sieht Pluralität vor.

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Chantal Mouffe:
Für einen linken Populismus

Übersetzung: Richard Barth

Suhrkamp; 111 Seiten; 14,- Euro

Auf dem Papier funktionieren solche Differenzierungen ohne Weiteres. Alles potenziell Irrationale perlt an der theoretischen Konstruktion ab. Der zentrale Einwand drängt sich beim Lesen von "Für einen linken Populismus" aber mit Nachdruck auf: Wer einem Kollektiv angehören möchte, will dieses Kollektiv nicht in Anführungsstriche gesetzt sehen.

Es soll echt sein, das "Wir" will gespürt werden, vor allem im Kampf gegen den Gegner. Wenn Hunderte Menschen im Kollektiv "Absaufen! Absaufen!" schreien, dann ist das nicht einfach missgeleitete Artikulation eines Unbehagens am Neoliberalismus. Es wird gebrüllt, dass Menschen sterben sollen, damit sie den Volkskörper gar nicht erst berühren können. Ein "Volk" lässt sich nicht einfach konstruieren. Die Leute sind immer schon da und bringen so einiges an Bildern, Assoziationen und Affekten mit, bevor sie sich im Kollektiv vereinen.

Der letzte Satz gilt für alle, also auch für Linkspopulisten. Die rassistischen Unterströmungen der "Aufstehen"-Bewegung beispielsweise, der Antisemitismus von Teilen der Labour Party oder der Personenkult um Hugo Chavez - derartige Phänomene tauchen in diesem Buch schlicht nicht auf. Bestenfalls werden sie umgewidmet: "die affektive Bindung an einen charismatischen Anführer kann (...) eine wichtige Rolle spielen", schreibt Mouffe - nur ist der linkspopulistische Anführer idealerweise halt nicht autoritär und unterhält eine "weniger vertikale Art von Beziehung" zum Volk.

So stellt das Buch zwar die richtige Frage zur richtigen Zeit: Wie lassen sich Menschen davon überzeugen, dass sie trotz kulturell oder religiös fundierter Unterschiede ähnliche oder gar die gleichen Interessen haben? Chantal Mouffes Überlegungen sind am Ende aber vor allem Paraphrasen dieser Frage, die sich als Antworten ausgeben. Und die Probleme, Ambivalenzen und Gefahren, die populistische Sammlungsbewegungen so mit sich bringen können, werden sorglos, aber theoretisch versiert wegdefiniert.

insgesamt 23 Beiträge
kochra8 07.10.2018
1. So einfach geht das nicht
Meines Erachtens ist Populismus eine Sprache, welche auch die unterste Schicht unter Alkoholeinfluss noch deutlich versteht. Dann kommen Methoden aus der ständig berieselnden TV-Welt(-Fakeprogrammierumg) hinzu. Damit kriegt man [...]
Meines Erachtens ist Populismus eine Sprache, welche auch die unterste Schicht unter Alkoholeinfluss noch deutlich versteht. Dann kommen Methoden aus der ständig berieselnden TV-Welt(-Fakeprogrammierumg) hinzu. Damit kriegt man bereits 2/3 des Mobs. Dann noch ein Narrativ und sein Negativbeispiel, Letzteres um darauf zu hetzen. Muslime und säkulare Linke geht glücklicherweise nicht zusammen. Frauen mitunter Ersteren ebenfalls kaum. Die Rechte bindet nun Links-Grün-Schuld zusammen, sehr irrational. Aber es kristallisiert sich dabei etwas heraus: Der Finanz-Gewinnler* scheint plötzlich Schiß zu haben. Also investiert er in die (Gegen-)Propaganda [gegen linksgrüne Schuld]. Jene* sind es nämlich, die ihm am ehesten Auflagen machen täten, bezüglich einer Umverteilung, die allen zugute kommt. Damals waren dieselben Initianten die Ex-Kaiserlichen. Gleichenfalls scheint sich wiederum eine neue Ära ranzubilden, die scheinbar zwecks Verunsicherung noch befeuert wird...
quark2@mailinator.com 07.10.2018
2.
Solange Politik sich über das Dagegen definiert, ist sie mMn. nicht zukunftsfähig. Was es braucht, ist ein klares Konzept, wo man hinwill, wie man dahin kommen will und vor allem, wie man 99% der Leute glücklich mitnehmen kann. [...]
Solange Politik sich über das Dagegen definiert, ist sie mMn. nicht zukunftsfähig. Was es braucht, ist ein klares Konzept, wo man hinwill, wie man dahin kommen will und vor allem, wie man 99% der Leute glücklich mitnehmen kann. Diese Klientelpolitik für 35% der Bevölkerung ist einfach blamabel. Es braucht Lösungen für 80%++ und vor allem möglichst wenig massive Konfrontation oder gar Hass. Die Masse der Leute im Lande ist im Kern freundlich, hilfsbereit und rücksichtsvoll. Die wollen alle nur ne Ehe, ein Häuschen, ein Bäumchen, ein zwei Kinder und ggf. ne Katze oder Hund. Niemand will Frankreich erobern, niemand will die EU dominieren, oder sonst so einen Käse. (Ja, natürlich gibt es paar Pappnasen, aber nicht in Masse). MMn. werden die Leute rebellisch, wenn sie keinen realistischen Weg sehen, durch einfaches Leben o.g. Dinge und ein bischen soziale Sicherheit zu erreichen. Wenn sie das Gefühl haben, keinen Respekt zu bekommen. Warum also können nicht die Parlamentarier aller Parteien gemeinsam konstruktiv an etwas Gutem arbeiten, statt sich die ganze Zeit darauf zu konzentrieren, der jeweils anderen Partei zu schaden ? Hier liegt mMn. ein Fehler im System - miteinander statt gegeneinander wäre mein Weg.
Manitou-01@gmx.de 07.10.2018
3.
Zu einem erfolgreichem Links-Populismus gehört (gerade im Osten) die politische Ostalgie. also ersmal die Maximalforderung "Wir wollen unsere DDR zurück" und "Der Wessi soll unsere duch die Treuhand plattgemachte [...]
Zu einem erfolgreichem Links-Populismus gehört (gerade im Osten) die politische Ostalgie. also ersmal die Maximalforderung "Wir wollen unsere DDR zurück" und "Der Wessi soll unsere duch die Treuhand plattgemachte Wirtschaft wieder aufbauen". Als kleinere und näher liegende Teilziele käme hinzu: - Volle Westlöhne rückwirkend ab Oktober 1990 - Anullierung des Lohnstopps vom 01. Mai 1990, nachträgliche Inkraftsetzng entsprechender Betriebs- und Rahmenkollektivverträge (in der DDR benutzte Bezeichnung für das, was heute Tarifvertrag heißt) - Rücknahme der Zwangsmieterhöhungen (über die Erhöungsspielräume des Vergleichmietensystem hinaus wurden alle Bestandsmieten in den "Besetzten Ostgebieten" am 01. Oktober 1991 um 1,- DM/m² erhöht und damit z.T. mehr als verdoppelt). - Rückwirkende Aufhebung der Strafrenten (die entgegen landläufiger Meinung nicht nur MfS-Mitarbeiter, sondern auch Ingeneure, Lehrer, Berufssoldaten, Polizisten und höhere Verwaltungsangestellte trafen). - Entschädigung der Treuhandgeschädigten und Gleichgestellten (aus öffentlichen Betrieben, wie z.B. Bahn und Post) für Arbeitsplatzverlust, Langzeitarbeitslosigkeit und Junk-Jobs. Nur mit solchen Ideen bekommt man die Massen auf die Straße.
noerglerfritz 07.10.2018
4. @3
Diese Ideen und Forderungen sind natürlich abstrus, aber ja, das ist realistischer Linkspopulismus. ?
Diese Ideen und Forderungen sind natürlich abstrus, aber ja, das ist realistischer Linkspopulismus. ?
dieter-ploetze 07.10.2018
5. verkehrt herum aufgezaeumt
hier scheint mir, dass ein populismus erst geschaffen werden soll, also ein kollektiv mit wir gefuehl erst von oben installiert werden soll. da frage ich mich , was soll das. ich verstehe populismus als ein gefuehl des [...]
hier scheint mir, dass ein populismus erst geschaffen werden soll, also ein kollektiv mit wir gefuehl erst von oben installiert werden soll. da frage ich mich , was soll das. ich verstehe populismus als ein gefuehl des volkswillens, der aufgenommen wird von parteien, die dann diese anliegen bestenfalls ganz oder in teilen verwirklichen. das scheint mir positiver populismus zu sein. im gegensatz zum populismus den die parteien heute praktizieren, indem sie dem volk gewuenschte kleine verguenstigungen genehmigen, die nicht unbedingt positiv sind, das volk aber ruhig halten. das will man aber nicht poulismus nennen, man nennt es verklaerend (sozial)politik. ansonsten hat man das wort populismus altparteiuebergreifend zum schimpfwort gemacht. damit wird dann alles gebrandmarkt was der regierungslinie nicht passt. eine dumme aber bequeme methode. ein linker populismus von oben ist gewiss das falsche, macht alles nur noch unuebersichtlicher und verwirrender. die linke sollte sich auf das, nun schon konservativ zu nennende, althergebrachte linksmodell beziehen. das heisst ganz einfach: ein gewisser sozialer ausgleich und ein soziales miteinander sind die grundlage einer funktionierenden gesellschaft. ende. alles andere sind politische streitpunkte, aber nicht links, so auch z.b. die zuwanderung.

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