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Kultur

Polizisten-Roman

Einmal Kurzstrecke zum Abschiebeflug

Wenn das Recht nicht Recht hat: In seinem Roman "Die Polizisten" des Franzosen Hugo Boris fahren drei Polizisten einen Abschiebehäftling an den Flughafen - unterwegs treffen sie existentielle Entscheidungen.

NurPhoto via Getty Images

Polizisten führen Geflüchtete ab

Von
Freitag, 10.08.2018   21:22 Uhr

Nun kann wirklich keiner behaupten, Polizisten seien in der Literatur unterrepräsentiert. Gibt es einen Berufszweig, der neben, sagen wir mal, Mördern massig Raum bekommt auf den Aberbilliarden gedruckten Romanseiten der Welt, dann sicher dieser Teil der Exekutive.

Allerdings fristen jene fiktiven Polizisten normalerweise ein Dasein in Käfighaltung: Sie existieren innerhalb eines einzigen Genres - dem Kriminalroman. Der französische Schriftsteller Hugo Boris hat sie mit seinem Roman "Die Polizisten" nun daraus befreit.

Er zeigt nur das Ende einer Schicht, drei Stunden und ein bisschen, eine Fahrt von drei Streifenbeamten zum Flughafen Charles de Gaulle - und doch führt Boris in dieser Dichte alles zusammen, was zählt: persönliche Entscheidungen über Leben, Tod, Zukunft. Für die Pariser flics wie für ihren Passagier. Es ist rar, dass einer das Existentielle so pur und durchdringend aus Alltäglichem sprechen lassen kann.

"Allzweckwaffe der Öffentlichen Ordnung"

Dass sich etwas verschieben wird, kündigt sich schon in der ersten Szene an: Virginie steht vor ihrem Spind und will für den zweiten Teil der Schicht ihre blutverspritzte Hose gegen eine andere tauschen - doch keine scheint mehr zu sitzen. Ihre Uniform, sie passt nicht mehr. Sie zieht die Winterhose an, mitten im Sommer. Muss ja. Zusammen mit Kollege Aristide und Chef Érik soll sie einen Tadschiken zum Flughafen bringen: eine Abschiebung.

Eigentlich haben sie sich damit abgefunden, "Allzweckwaffe der Öffentlichen Ordnung" zu sein. Doch konfrontiert mit diesem Geflüchteten, der kein Wort Französisch beherrscht, mit wachsendem Zweifel, ob das Recht immer Recht hat, ist es, als hätte irgendwer laut in die Hände geklatscht. Als reckten sie die Köpfe, um herauszufinden, was das für ein Geräusch war. Und was es für ihr Tun bedeuten könnte.

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Hugo Boris:
Die Polizisten

Aus dem Französischen übersetzt von Amelie Thoma

Ullstein, 192 Seiten, 20 Euro

In dieser Kurzstreckenversion einer road novel schiebt ein allwissender Erzähler Kapitel für Kapitel mal den Blick von Virginie nach vorne, dann den von Aristide, ab und an den von Chef Érik. Es gleicht einem behutsamen Reigen: Sie interagieren, beobachten sich, dechiffrieren Gesten, Tonfall, Blicke der anderen, ohne etwas aussprechen zu müssen.

Dabei schiebt sich neben dem Diensteinsatz eine zweite Folie über das Trio: Virginie, verheiratet, Kleinkind, froh endlich wieder im Dienst zu sein, hat gerade die erste Tablette für ihre Abtreibung am kommenden Tag geschluckt. Sie ist schwanger von Aristide, Schönling und Großmaul, eine Affäre. Er weiß, dass sie abtreiben wird, schwankt zwischen gekränkter Eitelkeit und Verliebtheit. Und somit steht das Leben während dieser Schicht gleich doppelt zur Disposition: sein Anfang, sein Ende. Und Entscheidungen, die die eigene Zukunft und die anderer im Polizeiauto beeinflussen.

Und so sitzen sie im Wagen und diskutieren darüber, dass der Ford Focus als Dienstfahrzeug viel besser tauge als ihr Renault: Sie müssen "das Schweigen mit Füllwörtern stopfen, die Zwischenraume zuspachteln, um eine Geräuschkulisse zu errichten, die alles übertönt. Aber es ist zu spät. Das Gespräch ist schon über den Tod gestolpert."

JF Paga / Grasset

Autor Hugo Boris

Wie Hugo Boris, der für alle fünf bislang erschienenen Romane Preise und Nominierungen erhalten hat, während jenes Polizeieinsatzes unterwegs von Paris zum Flughafen private Facetten, die wechselnde Dynamik und das moralische Aufbegehren der Drei ins Licht hält, ist feinste, große Kunst.

Boris macht die Polizisten zu citoyens

Das Buch, zuerst erschienen 2016, setzt somit dem rumpeligen Image der französischen Polizei etwas entgegen: Denn neben den Heldenfiguren, die bei und nach den Terroranschlägen in Paris und Nizza omnipräsent waren, stehen die Eindrücke aus Calais, als die Polizei das große Camp der Geflüchteten räumen wollte (hieroder hier oder hier), die wiederholte Polizeigewalt in Banlieues oder jüngst in Nantes, als eine Kontrolle in eine Nacht voller Gewalt überging. Hugo Boris nun befreit sie in "Die Polizisten" aus der Hierarchie-Befehlskette, er macht sie für ein paar Momente zu citoyens, zu Bürgern.

Ganz zu schweigen von ihrer symbolischen Funktion: Polizisten sind Figuren der Ordnung. Des Rechts. Idealerweise der Moral. Bestenfalls dienen sie als positiver Gegenentwurf zum brutalen Chaos der Welt. Weil sie selbst wissen, dass sich Gesetzeslage und Moralempfinden, offizieller Auftrag und persönliche Welthaltung auch mal widersprechen. Und sie am liebsten "einfach nur drei Freunde [wären], die gut gelaunt ans Meer fahren. Wenn auf dem Auto nicht Polizei stunde."

Es wäre schön, wenn wir, die Bevölkerung, diese Haltung wieder öfter zu sehen bekämen. Muss ja nichts Großes sein. Bei der "Ausgehetzt"-Demo in München reichten Blümchen an Uniformen. Nur so als Idee.

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