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Kultur

Kriegsgefangenen-Comics

Fragen Sie die Alten - solange es noch geht

Jacques Tardi beendet die "Stalag IIB"-Trilogie der Erinnerungen seines Vaters. Teil drei liefert unerwartete Details aus einem vernachlässigten Kapitel des Krieges. Und eine Erkenntnis.

Von
Samstag, 09.02.2019   15:49 Uhr

Zum Autor

Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden. Auch sein zweiter Roman "Die Hungrigen und die Satten" schaffte es auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Ehrlich gesagt: Ich war zunächst etwas enttäuscht. Jacques Tardi hat jetzt seine "Stalag IIB"-Trilogie abgeschlossen, und ich hatte mir mehr versprochen. Da bin ich aber auch selbst schuld: Ich war so überrascht von den ersten beiden Bänden, weil ich mit Tardi nicht so recht warm werde.

Dabei ist seine Herangehensweise im Prinzip sehr sympathisch - dezent, unprätentiös, nüchtern, geradezu wohltuend sachlich. Farben sind Raritäten, meist zeichnet er auch noch in schwarz-weiß, die Figuren sind meist statisch und (bis auf die Hauptcharaktere) mitunter kaum zu unterscheiden. Deshalb gucke ich jedes Mal bei Tardi zuerst, als käme ich hungrig ins Lokal und es gibt nur noch Käsebrot.

Aber ich unterschätze ihn immer wieder. Tardi zeichnet vor allem: extrem unaufgeregt. Es ist kein Zufall, dass er dem tiefenentspannten, pfeiferauchenden Detektiv Nestor Burma den idealen Look verliehen hat. Die Geschichte von "Stalag IIB" ist eine ähnlich gute Wahl.

Erinnerungen eines Kriegsgefangenen

Casterman/ Edition Moderne

Jacques Tardi

Tardi schildert die Erinnerungen seines Vaters René aus dem Zweiten Weltkrieg. Methodisch, noch nüchterner als sonst, jede Seite hat drei gleich große, seitenbreite Panels, macht sechs pro Doppelseite.

Diese Erinnerungen sind auch deshalb ungewöhnlich, weil sie nicht erzählen, wie einer fünf Jahre lang durch den Dreck robbt. Sondern von einem, der nach dem ersten deutschen Blitzkrieg gefangengenommen wurde - und gefangen blieb. Denn obwohl Tardi sich selbst als zuhörenden Buben dazuzeichnet, der alles kommentiert und stets auf Papas grandiose Flucht wartet, findet diese Flucht nie statt. Die wenigsten Menschen sind fliehende Helden, und Papa Tardi war offenbar ein normaler Mann.

Umso gründlicher schildert Tardi die Eintönigkeit der Gefangenschaft. Das graue Lager, das Essenholen, den Hunger, das Auswiegen der Brotscheiben. Die bizarre Hierarchie der Kriegsgefangenschaft: Sie werden nur gut behandelt, damit ihre Heimatländer ihrerseits deutsche Kriegsgefangene gut behandeln. Entsprechend schlecht stehen die Franzosen da, die keine Deutschen mehr als Faustpfand halten und Milde nur im angloamerikanischen Windschatten erwarten können.

Ritterlichkeit? Im Krieg?

In absurd realistischen Details zeigt Tardi, wie daraufhin Menschen in solchen Zeiten ihre Macht ausleben: Wenn in der Poststelle des Stalags ein deutscher "Dreckskerl" die Lebensmittelpakete prüft, "machte er sich einen Spaß daraus, alles zusammenzuschütten - Leberpastete, Marmelade, Margarine und Würste." Keine deutsche Exklusivität übrigens, mit Sieg und Macht kommt die Verrohung auf allen Seiten so sicher wie das Amen in der Kirche, und Tardi serviert sie immer wieder hart und schnell, wie Ohrfeigen aus dem Nichts.

Fotostrecke

Neuer Comic von Jacques Tardi: Normaler Mann, kein fliehender Held

Die französische Perspektive macht das Projekt zusätzlich interessanter, denn in der vier Jahre dauernden deutschen Besetzung ist Frankreich ja nicht nur misshandelt worden, es hat sich auch vier Jahre lang arrangiert, teilweise sehr bereitwillig. Tatsächlich gibt es sogar eine französische SS-Division ("Charlemagne"), und es sind irritierenderweise sogar eben diese SS-Franzosen, die bis in die letzten Kriegstage hinein Berlin (!) verteidigen.

Band zwei widmet sich der Heimreise ähnlich schonungslos: Die verbliebenen Bewacher werden aufgehängt, und die neuen Verhältnisse machen auch die Sieger nicht zu besseren Menschen. US-Truckfahrer, bei denen Vater Tardi mitfährt, brettern deutsche Fußgänger absichtlich um. René schildert es achselzuckend: Es ist Krieg, was habt ihr erwartet? Ritterlichkeit?

Rekonstruktion und Widersprüche

Band drei konzentriert sich nun auf die Nachkriegszeit, in der Vater Tardi als Besatzer in Deutschland arbeitete.

Gerade hier wird eine weitere Facette der französischen Kriegsverarbeitung deutlich: Die Deutschen verachten die französischen Besatzungstruppen als Besatzer, die das Besetzen nicht verdienen, die ohne die USA nichts geschafft hätten. Und sie ernten damit perfiderweise genau jene Häme, die sie Zuhause von der Großvatergeneration bekommen. Sie sind die Verlierer des Blitzkriegs, während ihre Väter auf ihren siegreichen Widerstand im Ersten Weltkrieg verweisen.

Ziemlich viele eigene Kindheitserinnerungen sind Tardi da reingerutscht, man kann auch quengeln, dass er Platz mit historischen Daten füllt, die - wie die Atombombe von Hiroshima - hier nicht wirklich entscheidend sind. Dennoch ist das Projekt beispielhaft, aus einem weiteren Grund.

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Jacques Tardi:
Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag IIB: Nach dem Krieg

Aus dem Französischen von Christoph Schuler

Edition Moderne; 160 Seiten; 32 Euro

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Tardis Vater starb in den Achtzigerjahren. Dies ist auch ein Versuch, den eigenen Vater zu verstehen. Tardi rekonstruiert die Geschichte mit dessen Aufzeichnungen und stößt auf ein Problem: Immer wieder ergeben sich Widersprüche. Vieles ergibt plötzlich keinen Sinn mehr. Zeugen gibt es nicht mehr.

Man hätte früher fragen müssen, mehr und öfter nachbohren, aber nachholen lässt es sich nicht mehr. Und wer jetzt meint, das wäre keine besondere Erkenntnis, dem sei versichert: Auch wenn es nicht um Kriegserinnerungen geht, wird der Tag kommen, an dem man sich vorwirft, man hätte nicht genug nachgefragt. Dagegen hilft nur eins: Losziehen und jedes Familienmitglied löchern, das älter ist als man selbst.

Ja, Sie sind gemeint!

Und keine Zurückhaltung bitte. Jede Frage, die Sie weglassen, werden Sie später bereuen.

insgesamt 3 Beiträge
rainerwäscher 09.02.2019
1.
Es leben nicht mehr viele. Wer 1945 erwachsen wurde, ist heute 94.
Es leben nicht mehr viele. Wer 1945 erwachsen wurde, ist heute 94.
larsmach 09.02.2019
2. Zwei lächerliche Generationen ist es her ...voilà!
1945 konnte man in Berlin zum Teil Straßen nicht mehr von Gebäudeflächen unterscheiden - die Schuttberge sahen auf beiden Seiten gleich aus! - Das alles ist nicht ewig weit weg, sondern geschah vor gerade 2-3 lächerlichen [...]
1945 konnte man in Berlin zum Teil Straßen nicht mehr von Gebäudeflächen unterscheiden - die Schuttberge sahen auf beiden Seiten gleich aus! - Das alles ist nicht ewig weit weg, sondern geschah vor gerade 2-3 lächerlichen Generationen! Meine Großeltern und mein Urgroßvater (Jahrgang 1895) erzählten mir lebhaft von jener Zeit, von den Nazis im Ausbildungsbetrieb, vom Röhm-Putsch und den Lautsprecherwagen ("DER FÜHRER KOMMT NICHT!!!") in einer niederrheinischen Stadt, wo an jenem Tage eine "Adolf-Hitler Brücke" durch den "Führer" eingeweiht werden sollte, vom Bombenkrater im Garten, aus dem eine Sickergrube für Regenwasser gebaut wurde, von den Bombennächten - und von all den Eindrücken aus Russland und über die Nachbarn, die plötzlich verschwunden waren. Heute tun manche so, als seien Demokratie, Meinungsfreiheit, Friede in Europa festzementiert und unerschütterlich - dabei ist es erst lächerliche 2-3 Generationen her... so wenig Zeit bräuchte man, damit unsere heute lebenden Kinder oder Enkel wieder Krieg erleben müssten: Projizierter Selbsthass, eine Prise Neid, Missgunst... - und voilà!
keksguru 09.02.2019
3. die Erinnerung wird verblassen....
meine Großelten - allesamt zwischen 1908 und 1919 geboren - haben diese Zeit in Hamburg mit sehendem Auge miterlebt. Aber zu Lebzeiten haben sie nie darüber gesprochen, denn die Mutterseite war im Widerstand, die Vaterseite war [...]
meine Großelten - allesamt zwischen 1908 und 1919 geboren - haben diese Zeit in Hamburg mit sehendem Auge miterlebt. Aber zu Lebzeiten haben sie nie darüber gesprochen, denn die Mutterseite war im Widerstand, die Vaterseite war bei der Waffen-SS. Und beide wollten sich nicht erinnern, ich habe gefragt.... mein Wissen über den 2. Weltkrieg und speziell die deutsche Sicht darauf entstammt einer Dokumentation im 3. Fernsenen "vor 50 Jahren". In jener Fernsehserie alle Wochenschauen von 1933 bis zum Kriegsende gezeigt bis 1938 nur die deutschen Wochenschauen, ab 1939 auch aus den USA bzw. England. Außerdem plagt mich bis heute die Frage, "Was unterscheidet einen Juden von einem Nichtjuden". Ich kenne keine, meine Eltern und Großeltern kannten keine, es gab in der Schule in den 70ern bis in Ende der 80er nichts, aber auch garnichts was einem da hätte weiterhelfen können. Worauf gründete sich der Haß der Leute überhaupt? Es steht z.B. in "Mein Kampf", aber genau das Buch war ja bis 2015 verboten.
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