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Kultur

Manga-Selbstversuch

Gesichter aus der Mimikfabrik

Mangas sind auch nur Comics - oder? Ein skeptischer Selbstversuch zum ersten Todestag des Alt- und Großmeisters Jiro Taniguchi.

schreiber & leser
Von
Sonntag, 11.02.2018   09:31 Uhr

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Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden.

Vor einem Jahr ist Jiro Taniguchi gestorben, den viele als den König der Mangas verehren. Ein guter Anlass, um wieder einmal den Einstieg ins Mangathema zu probieren. Denn bislang findet Manga bei mir nicht statt, und ich kann beim besten Willen nicht genau sagen, wieso. Sind doch auch Comics, oder?

Es gibt sie in allen Themenbereichen, Action, Science Fiction, alles wie gewünscht, und dass man das Heft von hinten nach vorn lesen muss, kann ja wohl kein ernsthaftes Argument dagegen sein. Noch besser: Die Zeichnungen beim Manga sind oft unglaublich aufwändig und akkurat, und das gilt nicht nur für Taniguchi: Neben seinem neuen Kurzgeschichtenband "Killers", der Novel "Ikarus" und "Ice Age" liegt vor mir auch "Monstress" von Sana Takeda, eine neue Serie, zweimal für den Eisner Award nominiert.

Fotostrecke

Manga "Monstress": Erklär-Katzen

Überhaupt hinterlassen Mangas immer, wenn ich sie mal in die Hand nehme, einen ähnlich guten Eindruck wie deutsche Autos, deutsches Brot, deutsches Bier: Nicht immer Weltklasse, aber auf jeden Fall ordentlich verarbeitet. Was kann da also schief gehen?

Zumal Taniguchi oft und gerne beeindruckende Technikpanoramen ausbreitet: In "Ikarus", der Geschichte eines mutierten Kindes, das fliegen kann, entwirft er stadtteilgroße Labore, Werkshallen mit aberwitzigen Apparaturen. "Ice Age" spielt in einer arktischen Mine, bietet gigantische Bergbau-Werke, umgeben von endlos aufragenden Felswänden, dazu Bergsteigerdramatik - wie geschaffen für Mangas, die gerne mit ungewöhnlicher Bildaufteilung arbeiten.

Eine Felswand im Hochformat, noch eine Felswand im Hochformat - und plötzlich das Spannen des Seils als schmaler Bildstreifen quer über die komplette Seite gelegt, aber nicht rechtwinklig, sondern leicht angeschrägt. Und dann die Folgen drunter Schlag auf Schlag in vier engen, extrem hochformatigen Bildern: das Entsetzen in den Augen, das plötzliche Gewicht auf dem Haken - da wird dem Leser routiniert und raffiniert eine aberwitzige Geschwindigkeit aufs wehrlose Auge gedrückt. Und auch an die Speed Lines kann man sich gewöhnen, eine Art Strahlenkranz, der die Aufmerksamkeit wie eine Zoomfahrt mit der Kamera auf Personen und/oder Objekte fokussiert.

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Taniguchi-Reihe "Ice Age": Endlos aufragende Felswände

Mich stören auch nicht die bisweilen eigenwilligen Geräusche, die in der deutschen Übersetzung für die japanischen Schriftzeichen eingesetzt werden: Ich habe zwar keine Ahnung, wie "KROOB", "GWUTT", "BATTS" oder "SGWOON" klingen soll, aber es gibt dem Manga etwas angenehm verwirrend Exotisches. Nur die vielen Verzögerungen gehen allmählich auf die Nerven.

Das Prinzip kennt man, etwa von Sergio Leones "Spiel mir das Lied vom Tod": Drei Männer warten am Bahnhof, und dieses Warten zieht Leone extrem in die Länge bis zum großen Knall. Das funktioniert aber nur deshalb, weil Leone das nicht den ganzen Film hindurch ständig macht. Taniguchi macht es lieber und öfter, wie er überhaupt auch gerne Leute beeindruckend dastehen lässt.

Und so gerne ich Killer nachdenklich rauchen und stehen und beobachten sehe, irgendwann sagt einem das Bild nicht mehr als "Aha, ist es wieder mal so weit." Was auch für Schuhe und Schuhspitzen gilt: Vorliebe hin und her, irgendwann winkt man die Schuhe nur noch durch. Aber kleine Marotten können einem den Spaß nicht komplett verderben - die Gesichter hingegen schon.

Eine Vielfalt wie bei McDonald's

Es geht noch nicht einmal so sehr um das, was man öfter als die "typischen Mangagesichter" bezeichnet, diese Figuren mit den großen Augen, dem dauerniedlichen Kindergesicht, der dreieckige Mund, die vor Glück oder Verlegenheit zugekniffenen Augen - das macht Taniguchi nicht. Es geht auch nicht um die plötzlich grotesk verzerrten Gesichter, ebenfalls mangatypisch: So ähnlich wie Jim Carrey in der "Maske", ein Comedy-Element, das bei Taniguchi so gut wie nicht auftritt. Nein, es sind die ganz normalen Gesichter, die samt und sonders aussehen, als würden sie in einer arg limitierten Mimikfabrik produziert.

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Jiro Taniguchi:
Ice Age Chronicle of the Earth

1. Nunatak, die Eisinsel

Schreiber & Leser; 276 Seiten; 16,95 Euro.

Es gibt in "Ice Age" eine Versammlung der Minenarbeiter. Sie sind wütend, und jeder von ihnen zeigt seine Wut - genau gleich. Es gibt einen Standardausdruck für Verwirrung, Zufriedenheit, Angst, Zweifel, Freude. Es gibt die Miene "nachdenklich", "grimmig", "entschlossen", und wenn es von diesen in der Realität unendlich variierbaren Gemütszuständen bei Taniguchi immerhin mal eine zweite Variante gibt, dann ist es schon viel.

Auch die Gesichtervielfalt bei der Fantasysaga "Monstress" ist keinen Hauch größer. Was den Genuss der Geschichten extrem beeinträchtigt. Es ist, als wolle man die Bandbreite der internationalen Küche anbieten - mit der Vielfalt von McDonald's.

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Marjorie Liu, Sana Takeda:
Monstress 1

Cross Cult; 192 Seiten; 16,80 Euro.

Irritierend dabei ist: der Aufwand. Mangas sind nicht hingeschludert, ganz im Gegenteil. Und dennoch würde ich jede Menge Schlamperei akzeptieren, wenn ich dafür einen Bezug zu den Geschichten und Personen aufbauen könnte. Vielleicht habe ich auch nur Pech mit der Auswahl gehabt. Wenn etwas in dieser Menge und Leidenschaft produziert wird, dann muss auch immer wieder mal was richtig Gutes dabei rauskommen.

Bei Taniguchi sind's immerhin schon mal seine Landschaften, seine Industrie- und Technikpanoramen: "Ice Age" kann ich empfehlen. Seine Dialoge unter melancholisch rauchenden Killern gehen mir leider furchtbar auf die Nerven, wenn auch nicht ganz so sehr wie die Erklär-Katzen aus "Monstress". Ich versuch's aber weiter und bin für Empfehlungen dankbar.

insgesamt 6 Beiträge
betaknight 11.02.2018
1. Eventuell wirklich die Auswahl
Thematisch gibt es wohl wirklich fast alles in Mangas umgesetzt, auch vom Zeichenstil oder Erzählstil. Nicht grundlos geht in der USA die Comickultur gerade ziemlich unter, wärend sich Mangas trotz allem halte. Zugegeben in den [...]
Thematisch gibt es wohl wirklich fast alles in Mangas umgesetzt, auch vom Zeichenstil oder Erzählstil. Nicht grundlos geht in der USA die Comickultur gerade ziemlich unter, wärend sich Mangas trotz allem halte. Zugegeben in den USA Comics fließen wohl noch einige andere Faktoren ein, aber hier wird im Kern am Kunden vorbei Produziert.
neanderspezi 11.02.2018
2. Mangas dienen vermutlich nicht der Strafe für Comic-Liebhaber
In größeren Buchhandlungen, die eine Comic-Ecke reserviert haben, gibt es gewöhnlich ein Séparée für Mangas und Animes und darin bemüht sich ein vorwiegend aus Mädchen zusammengesetztes Publikum der asiatischen [...]
In größeren Buchhandlungen, die eine Comic-Ecke reserviert haben, gibt es gewöhnlich ein Séparée für Mangas und Animes und darin bemüht sich ein vorwiegend aus Mädchen zusammengesetztes Publikum der asiatischen Massenproduktion mit den riesigen Kulleraugen und den kurzen Röckchen hinzugeben, wobei aufgewühlte Jungs in den Comics die nichtssagenden Storys mit schwer nachvollziehbaren Aktivitäten strecken. Das uneingestandene visuelle Anpassungsproblem für ältere Comic-Liebhabern sind die Arbeiten vorwiegend europäischer Comic-Künstler, die sich hüteten derartig stereotyp wiederholte Paneel-Aussagen in Dauerreproduktion anzufertigen, um damit dem Medium Comic den Garaus zu machen und die vorwiegend Themen wählten, die kulturellen Bezug hatten und durchaus Spannung in Paneel und Wort erzeugten. So hat auch kein anerkannter europäischer Comic-Zeichner sich an der Manga-Produktion beteiligt.
betaknight 11.02.2018
3. Eventuell noch zu empfehlen
Eine Mangareihe die man bisher allerdings nur auf Englisch erhalten kann: Coppelion Die Reihe spielt in Tokyio, welches dort vor 20 Jahren durch eine Nukleare Kernschmelze praktisch unbewohnbar wurde und geht sehr gut auf die [...]
Eine Mangareihe die man bisher allerdings nur auf Englisch erhalten kann: Coppelion Die Reihe spielt in Tokyio, welches dort vor 20 Jahren durch eine Nukleare Kernschmelze praktisch unbewohnbar wurde und geht sehr gut auf die Problematiken der Atomenergie ein ohne es einem zu offentlichlich ins Gesicht zu drücken. Es gibt davon auch eine Animeumsetzung, diese Deckt aber nur den ersten Teil ab. Und ja die Hauptfiguren sind 3 Schuldmädchen, andererseits wundert man sich ja auch nicht über die Abenteurer eines Jungen Namens Tim bei Tim und Struppi. Jedenfalls ist der Manga durchaus einen Blick wert.
Papillon1412 11.02.2018
4.
ich kenne die mangas, die vorgestellt werden, nicht, aber ich kann auch die Gründe, die angeblich gegen mangas sprechen, nicht nachvollziehen: mangas sind viel besser gezeichnet als Comics, die mimiken in den mangas die ich lese, [...]
ich kenne die mangas, die vorgestellt werden, nicht, aber ich kann auch die Gründe, die angeblich gegen mangas sprechen, nicht nachvollziehen: mangas sind viel besser gezeichnet als Comics, die mimiken in den mangas die ich lese, sind immer unterschiedlich und super gezeichnet und die Geschichten sind sowohl super, beschäftigen sich wie in dem manga a silent voice auch mit gesellschaftlichen Problemen, was bisher kein comic, den ich kenne gemacht hat. ich würde mangas immer den Vorzug geben vor comics
ms.engelns 12.02.2018
5. Kritische Kommentare nicht erwünscht
Da mein Kommentar nicht veröffentlicht wurde, war er wohl zu kritisch. Dieser Artikel wird dem Werk Taniguchis nicht gerecht. Auch der Comicsparte Manga, an er sich versucht abzuarbeiten, nicht. Es ist lediglich die Feststellung [...]
Da mein Kommentar nicht veröffentlicht wurde, war er wohl zu kritisch. Dieser Artikel wird dem Werk Taniguchis nicht gerecht. Auch der Comicsparte Manga, an er sich versucht abzuarbeiten, nicht. Es ist lediglich die Feststellung des Autors, mit Manga aus ihm unbekannten Gründen nichts am Hut zu haben. Es wird als "Manga-Selbstversuch" bezeichnet, ist aber keine ernstzunehmende Auseinandersetzung und steckt voller Plattitüden, Banalitäten und Verallgemeinerungen. Von ernsthaftem Interesse und einer vernünftigen Auseinandersetzung ist man hier weit entfernt. Eine Schande, diesen Artikel mit Taniguchis Namen versehen zu sehen.
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