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Kultur

Beziehungsroman

Süßer Balsam gegen die Ratslosigkeit

Ein Mann, höflich, steif und miesepetrig. Eine Frau, kokett, genießerisch und naiv. Daraus wird in "Eine Liebe, in Gedanken" von Kristine Bilkau keine funktionierende Beziehung - und auch kein funktionierender Roman.

Getty Images

Liebespaar

Von Franziska Wolffheim
Mittwoch, 14.03.2018   14:12 Uhr

Es gibt nichts Schwierigeres als das zweite Buch. Nachdem das erste in den Himmel gelobt wurde, als ungemein vielversprechendes Debüt. Natürlich weiß Kristine Bilkau um die Gefahr der Fallhöhe. Vielleicht ist es eine Vorsichtsmaßnahme, wenn sie große Teile ihres zweiten Buches nicht in der Gegenwart - wie in ihrem Debüt "Die Glücklichen" - , sondern vor rund einem halben Jahrhundert spielen lässt. Damit die Vergleichbarkeit schwerer fällt.

Leider hat ihr der Sprung in die Vergangenheit nicht viel genützt: "Eine Liebe, in Gedanken" ist ein eher seichter Bilderbogen wie aus einer Gazette der Sechzigerjahre, dabei sprachlich stellenweise recht betulich. Die Kamera bleibt meist an der Oberfläche hängen, Szenen und Anekdoten sind locker aneinandergefügt und reiben sich nur selten aneinander. In kaum einem Moment stürzt man als Leser in Abgründe oder sinniert über etwaige Ambivalenzen der Figuren. Man könnte meinen, es gäbe in diesem Roman kein Drama. Doch, es gibt dramatisches Potenzial. Aber die Autorin verschenkt es.

Ein Mann, höflich, steif und miesepetrig, verliebt sich in eine junge Frau, kokett, genießerisch, eigensinnig und ein wenig naiv. Die beiden werden im Hamburg der Sechzigerjahre ein Paar, er schreibt ihr zärtlich-schwärmerische Briefe, nennt sie "mein süßer Kumpel" oder "süße Dame".

"Tonilein, ich werde Dich immer lieb haben"

Die süße Dame findet das alles sehr charmant, gemeinsam träumen sie von einer gemeinsamen Zukunft. Aber dann wird Edgar von seinem Arbeitgeber nach Hongkong versetzt, sie soll nachkommen. Vergeblich wartet Antonia monatelang darauf, dass er ihr ein Flugticket schickt. Bis sie irgendwann begreift, dass die Beziehung wohl beendet ist. Warum? Ja, warum! "Tonilein, ich werde Dich immer lieb haben", schreibt der untröstliche treulose Verehrer. Und: "Ich weiß einfach nicht, was richtig und was weniger richtig ist." Der arme Mann.

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Kristine Bilkau:
Eine Liebe, in Gedanken

Roman

Luchterhand Literaturverlag; 256 Seiten; gebunden; 20,00 Euro

Warum sich Edgar, in die Fremde verschlagen, von seiner Toni abwendet, bleibt bis zum Ende des Buches ein Rätsel. Tonis Tochter, die Erzählerin des Romans, versucht, das Rätsel zu lösen, spürt nach dem Tod der Mutter der unglücklichen Beziehung nach. Sie verlässt sich auf Erzählungen der Mutter, Briefe von Edgar und ihre Intuition. Und auf ein Treffen mit Edgar, der nicht weit von ihr wohnt, inzwischen ein alter Mann. Der im Übrigen nicht ihr Vater ist, Antonia war nach der missglückten Liaison zweimal verheiratet, ihr erster Mann, Physiker, ist der Vater der Erzählerin.

Doch selbst nach diesem Treffen, das am Ende des Romans steht, bleibt das Fragezeichen. "Aber die Wahrheit ist, dass ich Ihnen darauf keine Antwort geben kann", entgegnet Edgar auf die Frage der Erzählerin. Und bietet ihr ein Butterbrot mit selbst gekochter Brombeermarmelade an. Süßer Balsam gegen die Ratlosigkeit.

Die Zeitgeschichte bleibt Kulisse

"Eine Liebe, in Gedanken" wirkt wie ein Coffee Table Book mit vielen hübschen Bildern, in dem die Requisiten eine große Rolle spielen. Ein neues Cocktailset, ein Plattenspieler, ein gebraucht erworbener, klappriger VW - all das, was den Alltag von Antonia und Edgar angenehm macht. Die Zeitgeschichte bleibt dabei nur Kulisse. Wir erfahren, dass Herrenbesuche damals eine heikle Angelegenheit waren und Willy Brandt in der Großen Koalition Außenminister war. Und, ach ja, dass es Studentenunruhen, Frauenbewegung und Proteste gegen den Vietnamkrieg gab.

Thorsten Kirves

Kristine Bilkau

In ihrem Debüt "Die Glücklichen" hatte Kristine Bilkau den sozialen Abstieg einer Familie aus der bürgerlichen Komfortzone geschildert. Der Roman spielt in der Gegenwart und zeigt eine gut ausgebildete und zugleich verunsicherte Generation, die alle Möglichkeiten hat - auch die des unaufhaltsamen Niedergangs. Die Figuren sind subtil gezeichnet in ihrer Fragilität und Ratlosigkeit.

Genau diese Kunst der sensiblen Schattierung vermisst man in Bilkaus neuem Buch. Ein bisschen davon gelingt der Autorin, wenn sie die Beziehung zwischen Antonia und ihrer Tochter beschreibt, die nach dem Tod der Mutter deren Wohnung ausräumt und sich in ihr Leben hineingleiten lässt. Antonia, die sich als junge Frau, hingehalten von Edgar, in einer demütigenden Warteschleife wiederfand, ohne Job, ohne eigene Wohnung. Die im Alter, als herzkranke Frau, womöglich einsam gewesen ist.

Da schließt sich dann ein Lebenskreis. Das Motiv des Wartens hätte Bilkau größer ziehen und dafür ein paar Requisiten opfern können.

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