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Kultur

Influencerin im Roman

Szenen aus dem Like-geilen Leben

Eine Nummernrevue der verrauschten Verelendung: Die US-Schriftstellerin Natasha Stagg begleitet im Roman "Erhebungen" ihre Heldin dabei, wie sie ihr Geld allein durch Onlinepräsenz verdient.

EPA

Reale Influencerin Ischtar Isik

Von
Freitag, 14.09.2018   14:46 Uhr

Das Leben hat es mit Colleen nicht besonders gut gemeint, sie arbeitet für ein Marktforschungsinstitut in einer Shopping-Mall in Tucson, Arizona. Sie ist tagtäglich damit beschäftigt, Erhebungen durchzuführen, was eigentlich nur bedeutet: Sie lügt und manipuliert irgendwelche Umfragen zu Produkten so, dass die Zentrale des Marktforschungsinstituts zufrieden ist. Nur dann nämlich sind die Kunden, etwa Zahnpasta- oder Schnapsmarken, ebenfalls zufrieden.

Es ist ein öder Job, trotz eines schmucken Titels sehr tief unten angesiedelt, alle Kollegen scheinen mit irgendeinem inneren Defekt zu hadern, Colleen sowieso. Irgendwann verlässt sie dieses Leben und auch Tucson. Es wirkt so, als würde sie einfach eine neue Existenz überstreifen.

Colleen zieht nach Los Angeles. Mit Jim, wie sie Mitte 20, entwickelt sie die Like-geile Online-Variante eines Liebespaares; bald verdienen die beiden ihr Geld ausschließlich damit, irgendwie berühmt zu sein: "Er machte Bilder von mir, und ich machte Bilder von ihm, und wir dekorierten das ganze Internet mit unserer Zuneigung füreinander."

Sie reisen durch die USA und andere Länder; besuchen Partys, legen auf, sind manchmal einfach nur anwesend. Aber die Situation entgleitet Colleen mit der Zeit. Jim betrügt sie, und im Ödland zwischen medialem Dauerfeuer und ständigen Selbstzweifeln beginnt sie, sich komplett zu verlieren.

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Natasha Stagg:
Erhebungen

Aus dem amerikanischen Englisch von von Georg Felix Harsch

Edition Nautilus, 192 Seiten, 19,90 Euro

"Erhebungen" berichtet also aus dem Leben einer sogenannten Influencerin. Doch Natasha Stagg schrieb das Buch, bevor dieser Begriff überhaupt gesetzt war, bevor es Plattformen wie Instagram gab. Diese fehlende zeitliche Verortung fällt nicht groß auf, denn die Autorin liefert ihre Protagonistin ohnehin nie der Gefahr aus, an irgendwelchen Realitäten gemessen zu werden.

Sie siedelt die Handlung in einem recht leeren Raum an: Wo Colleen genau ihre Inhalte postet, welche Plattformen ihrer Anhängerschaft als Austauschort dienen, all das bleibt unbenannt. Auch die Szenerie wird nur in Bruchteilen beschrieben, scheint dem Zufall geschuldet zu sein. Mal führt die andauernde Reise Colleens in ein billiges Kettenhotel am Stadtrand, mal in die überhitzte Hipster-Herberge The Standard mitten in Los Angeles.

Was sagt Britney Spears?

Die Tage ähneln sich. "Jede Party lief so ab: Wir kamen zu spät und wurden von einer Gruppe Frauen mit Klemmbrettern reingelassen. Es gab einen VIP-Bereich. Die Party hatte irgendeinen Anlass, vielleicht die Aftershow-Party für eine Filmpremiere oder eine Benefizparty für eine Bildungsorganisation. Es gab immer einen billigen Klapptisch mit Plastiktischtuch, auf dem Sektgläser standen…". Manchmal trifft sie andere Influencer, einmal Britney Spears, sie kann dem, was sie sagt, nicht folgen.

Aber es ist auch egal. So wie in diesem Buch alles egal ist, was an der Oberfläche passiert. Stattdessen wird der Leser hinter den digitalen Vorhang geholt, wo so eine Art Nummernrevue der verrauschten Verelendung aufgeführt wird, bei der man bisweilen den Überblick verliert.

Wer schläft mit wem? Wer nimmt welche Drogen? Welche Verletzungen, die in den langen Partynächten erlitten werden, sind wirklich gefährlich? Welche Flashbacks aus der Vergangenheit spielen eine Rolle für die Handlung? Am Ende scheitert Colleen. Sie landet in Orlando, im Schoß ihrer Familie. Es ist keine große Überraschung, dass die nicht nur sehr unübersichtlich, sondern auch hoffnungslos kaputt ist.

Gregory Aune

Autorin Natasha Stagg

Die Amerikanerin Natasha Stagg, die als Journalistin für verschiedene Kunst- und Modemagazine arbeitet, erzählt all das in einer sehr präzisen Sprache, die auf übermäßige Wertungen verzichtet und stattdessen unbeirrt die Mechanismen des Internet-Ruhms, vor allem aber jene der Eifersucht herausarbeitet.

Abhandlung zum Thema Internet-Fame

Stagg lässt dabei keine großen Atempausen. Man muss als Leser schon damit klarkommen, dass nicht alles interessant ist, muss das Relevante aus diesem stream of consciousness herausfinden und gleichzeitig Leerstellen selbst auffüllen; längst nicht alles in diesem Buch wird erklärt.

Wobei die Charaktere durchaus Hilfestellungen für mögliche Interpretationen geben: Lucinda etwa, Colleens Konkurrentin und Nemesis. Sie zieht sich irgendwann aus dem Netz zurück - was bleibt, ist eine siebenseitige Abhandlung zum Thema Internet-Fame: "In der Zukunft wird niemand mehr berühmt sein wollen, genauso, wie heute niemand mehr ausgebeutet werden will", steht da. Ist das jetzt die Moral der Geschichte? Ein Aufruf zur digitalen Mäßigung?

So einfach macht es Stagg dem Leser nicht. Niemals wird hier das Internet, werden soziale Netzwerke als etwas genuin Negatives begriffen oder gar beschrieben. Aber zumindest ist der kleine Satz, der relativ spät fällt, ein kleines Korrektiv zur Handlung des mit 190 Seiten angemessen knappen Buches, das so viel auf einmal ist: ein Reader zum Zeitgeist, ein Coming-of-Age-Roman und eine Liebesgeschichte.

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