Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Umstrittene Feministin Germaine Greer

Die allen auf die Füße tritt

Andere Generation = anderer Feminismus? Germaine Greer ist ein Urgestein der Frauenbewegung - und findet, dass nur Vaginalsex als Vergewaltigung gilt und Männer keine Opfer sein können. Was steckt dahinter?

Getty Images/ EyeEm

Symbolbild #MeToo

Von Mithu Sanyal
Donnerstag, 11.10.2018   19:24 Uhr
Alle Artikel

Zur Autorin

Mit Germaine Greer zu sprechen, muss ein wenig so sein, wie mit einem Kleinkind zu reden - jeder Satz beginnt mit den Worten: "Nein, Germaine": Nein, Transfrauen sind nicht Männer, die sich den Penis abgehackt haben. Nein, #MeToo ist nicht eine Bewegung von Heulsusen. In ihrem neuen Buch "On Rape" spart Greer nicht mit steilen Thesen wie der, dass eine Vergewaltigung nur dann eine Vergewaltigung ist, wenn ein Penis gegen den Willen einer Frau in ihre Vagina eindringt. Nein, Germaine. Die Autorin und Feministin Naomi Wolf schrieb in der "Times" zu Greer: "Ich wurde von meinem Babysitter vergewaltigt. In der ersten Nacht oral, in der zweiten vaginal. Zählt die erste Nacht etwa nicht?"

picture alliance/ empics

Germaine Greer : "Na und, als alte Frau werde ich jeden Tag beleidigt"

Titelbild

Mehr dazu im SPIEGEL

Heft 54/2018
#frauenland
100 Jahre Frauenwahlrecht, 1 Jahr #MeToo - Wie modern ist Deutschland?

Und was ist mit Männern als Opfern? Nach Greers Definition gibt es Männer nur als Täter. Mehr noch kommt sie zu dem Schluss, dass Heterosex insgesamt seltener einvernehmlich sei als nicht einvernehmlich. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Um das zu untermauern, greift Greer auf Geschlechterrollen aus der Mottenkiste des letzten Jahrhunderts zurück, nach denen der Mann immer will, während die Frau es nur um des lieben Frieden willens macht oder, damit die Kinder nicht wach werden. "Greer hat den Anschluss an die neue Zeit verpasst," kommentierte die Journalistin Natalie Reilly.

Dabei trat Germaine Greer auch schon in den Siebzigern allen auf die Füße. Das ist und war, was sie tut. Trotzdem ist es kein Zufall, dass Generationenunterschiede zwischen Feministinnen vor allem über die Frage der Sexualpolitik diskutiert werden, schließlich ändern sich Ansichten über Lohngleichheit oder Wahlrecht nur selten.

So ist eine der Gretchenfragen, die den Feminismus umtreibt, die Haltung zu Pornografie. Sehr vereinfacht: von PorNo früher zu PorYes heute. Greer etwa hält Pornografie für einen der Gründe, warum es um den Heterosex bestellt ist, wie sie glaubt, dass es um ihn bestellt sei: "Männer lernen Sex durch Masturbation und masturbieren dann später in eine Frau." Doch auch in den Siebzigern gab es ein ganzes feministisches Lager, das das anders sah.

So sagte die Künstlerin Annie Sprinkle: "Die Antwort auf schlechte Pornos ist nicht, keine Pornos, sondern zu versuchen, bessere Pornos zu machen." Aus diesem Grund war Germaine Greer selbst einst Mitgründerin des Porno-Magazins "Suck", für das sie sogar mal nackt posierte und 1971 ihren Essay "Lady love you cunt" schrieb, auf Deutsch - entschärft übersetzt - "Ladys, liebt eure Vulvas." Bloß ist von Libido in dem aktuellen Buch nicht mehr viel zu lesen.

Anzeige
Germaine Greer:
On Rape

Sprache: Englisch

Bloomsbury; 92 Seiten; 12,99 Euro

Eine weitere Frage, mit dem sich Greers Generation schwertut, ist die der Transsexualität. In den Siebzigern galt noch: Einmal Penis, immer Penis. In ihrem Buch "Die ganze Frau" verglich Greer etwa Transfrauen mit Norman Bates aus "Psycho", der die Kleidung seiner toten Mutter trägt. Kirsty Wark fragte sie in einem Interview für die BBC 2015, ob sie wisse, wie beleidigend das sei. Greer antwortete: "Na und, als alte Frau werde ich jeden Tag beleidigt." Daraufhin unterschrieben mehr als 3000 vorwiegend junge Feministinnen eine Petition gegen einen Vortrag Greers an der Universität von Cardiff.

Tatsächlich hat Greers Ablehnung von Transfrauen weniger damit zu tun, dass sie Frauen für die besseren Menschen hält, sondern dass sie denkt, Männer seien in einer Form sozialisiert, die ihnen das Gefühl gibt, die Herren der Welt zu sein. Es ist dieser Antagonismus Männern gegenüber, der Greer am ehesten in einer anderen Generation verortet.

Denn in den Siebzigern hatten Frauen so viel weniger Rechte als Männer (angefangen damit, dass diese den Arbeitsvertrag ihrer Frau kündigen konnten, wenn sie dachten, dass diese den Haushalt nicht gut genug macht), dass es nicht zu verdenken ist, dass - einigen - Feministinnen der Verdacht kam, Männer würden aus schlechtem Charakter handeln. Einer der Sätze, für die Greer berühmt ist und die sie immer wieder anbringt, ist: "Frauen unterschätzen, wie sehr Männer sie hassen." Vielleicht überschätzt Germaine Greer, wie sehr Männer sie hassen?

Binsenwahrheiten infrage stellen

Germaine Greer steht für Germaine Greer, in all ihrer Kontroversität und Krudität - die trotz allem auch immer etwas Erfrischendes hat: Mit ihrem neuen Buch stößt sie alle vor den Kopf. Das kulminiert in der Aussage, Opfer könnten selbst entscheiden, ob sie traumatisiert seien oder nicht. Psychologinnen aller Generationen wiesen darauf hin: Wenn ein Trauma eine kognitive Entscheidung wäre, wäre es kein Trauma.

Gleichzeitig liegt in Greers Aussage auch eine Ermächtigung: So erklärte etwa Carolyn Worth vom Center Against Sexual Assault in Greers Geburtsstadt Melbourne, dass Sensibilität für die möglichen psychischen Folgen einer Vergewaltigung essenziell sei, "doch tendiert unsere Kommunikation über Vergewaltigung zu der Haltung, dass alle Opfer unheilbar zerstört sind, und das ist nicht nur nicht hilfreich, sondern schlicht falsch".

Man muss Greer auch zugute halten, dass sie nicht versucht, zu überzeugen. Sie fordert nur, dass sich Menschen mit ihren Ideen auseinandersetzen - und zwar ergebnisoffen. Wenn sie ein Ziel hat, dann dieses: Binsenwahrheiten infrage zu stellen. Das tut sie teilweise durch biedere andere Binsenweisheiten, teilweise durch radikale Gedanken. Die Debatten um Germaine Greers Buch und Person lassen sich auch deshalb nicht auf die Formel "Oma vs. hippe Feministinnen" herunterbrechen. Es geht um viel mehr: Greer zeigt, dass es bei Feminismus nicht um Ikonen, sondern um Diskussionen geht.

Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP