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Kultur

Waldaktivisten im Roman

Zwischen Kitsch und Borke

Mitten in den Kampf um den Hambacher Wald fällt ein Roman über Baum-Aktivisten: Richard Powers schreibt mit "Die Wurzeln des Lebens" eine große Ode an diese Lebewesen. Und scheitert an der eigenen Nostalgie.

Getty Images/ Yann Gamblin/ Paris Match

Baumschützerin Julia "Butterfly" Hill, 1997 in Kalifornien

Von
Samstag, 06.10.2018   11:22 Uhr

Sie wohnen auf Paletten eingeklemmt zwischen Ästen hoch oben in den Bäumen. Sie geben ihnen Namen, nehmen Stürme wie Surfer die Wellen, und wenn es kalt wird, verbinden sie ihre Schlafsäcke zu einem. Sie ketten sich mit Handschellen und Fahrradbügelschlössern an. Bis die Bagger kommen, die Hubschrauber, die Kettensägen, die Polizei.

Nein, das ist keine Szene aus den Nachrichten über die Räumung des Hambacher Walds. Das ist Teil des stämmigen Mittelteils von Richard Powers' Roman "Die Wurzeln des Lebens", einer 600-Seiten Ode an Bäume, Wälder, Unterholz. In der alle Figuren Aktivisten sind. Oder werden. Was zugleich Teil des Problems dieser Story mit dem gefühligen deutschen Titel ist: Bäume sind Wunder, Wälder überlebenswichtig für Menschheit und Erde, ja - aber als Gehalt dann doch so platt wie das Dickicht, nachdem der Schwarzwaldverein durchmarschiert ist.

Es ist mitunter unheimlich, wenn aktuelle Literatur Ereignisse spiegelt, die im Fokus der alltäglichen Debatte sind. Wenn sie ein Thema trifft, wie es keine Presseabteilung planen könnte. Gerade in einer Ära, in der der Klimawandel sogar vom US-Präsidenten angezweifelt wird, ist Literatur, die sich Genres wie "Ecofiction" oder "Nature Writing" verpflichtet fühlt, als Zeitenspiegel unerlässlich, wie Annie Proulxs "Aus hartem Holz" oder "Das Jahr der Flut" von Margaret Atwood beweisen. Um zu zeigen, wie die Phase, in der die Menschheit nur um sich selbst kreist, als sei sie die Sonne höchstselbst, einem bedingungslosen Biozentrismus weichen kann.

Getty Images

Autor Richard Powers

Dabei gelingt es Powers, der nun mit diesem zwölften Roman für den Booker Prize nominiert ist, durchaus, das große Knallbummpäng zu zünden, viel Mitgefühl mit diesen borkigen Lebewesen zu wecken. Dank seiner neun Botschafter, die sich in Schattierungen die radikale Frage stellen: Was tun, um diesen Wunderwerken aus vier Milliarden Jahren zu helfen? Und: Was ist die Grenze?

Etwa Nick, ein Künstler, dessen Urahn einst Kastanien aus Brooklyn in Iowa einpflanzte, bis eine davon als weithin sichtbares Zeichen für Dauer über allem Wandel thront, jahrzehntelang fotografiert, Monat für Monat, von immer demselben Punkt. Oder Mimi, deren Vater im Andenken an seine chinesische Heimat einen Maulbeerbaum im Garten hegt. Adam, ein Psychologe, der schon als Kind die Ameisenchoreographie rund um seinen Ahorn untersucht. Patricia, Dendrologin, die schon mit ihrem Vater Birkenexperimente startete und mit ihren Studien über Baum-Kommunikation die Forschung umkrempelt. Douglas, Vietnam-Veteran, der einen Abschuss überlebte, weil er und sein Fallschirm in den Baumkronen eines Pinienwalds hängen blieben.

Zu doll auf Effekt gesägt

Ihr Pathos treibt immer wieder aufs Neue aus, in diesem Roman, der sich aus Einzelteilen zusammenfügt wie das Kronendach, nachdem er im Original benannt ist: "The Overstory", ein Spiel mit der Bedeutung von "Stockwerk" und "Geschichte". Einzeln mit ihren Initiationsmomenten eingeführt in "Wurzeln", bis sich ihre Wege in "Stamm" zumeist in Aktivismusgruppen kreuzen und ihre Leben zehn, 20 Jahre später in "Krone" und "Samen" weitererzählt wird.

Sie verfallen diesen Pflanzenwesen, werden somit oft als gaga aussortiert. Und sie sind bis ins Mark getroffen sind, als sie entdecken, dass ein riesiges Waldgebiet ausgehöhlt wurde und nur der Rand blieb, als Fassade. Sie staunen, weil diese Photosynthese eine "Meisterleistung der Chemietechnik" ist, "atemberaubende magische Kunst". Das ist teils eindringlicher als jedes Buch von Peter Wohlleben oder irgendein anderes Werk der aktuellen Wald-Obsession.

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Richard Powers:
Die Wurzeln des Lebens

Aus dem Englischen von Gabriele Kempf-Allié, Manfred Allié

S. Fischer, 624 Seiten, 26 Euro

So, jetzt kommt das Aber. Die Verpflanzlichung der Romanstruktur, der unüberhörbare Missionierungston: Das ist alles zu doll auf Effekt gesägt. "Sie sieht es, eine Momentaufnahme in glitzerndem Gold", heißt es etwa, "Bäume und Menschen im Krieg um Land und Wasser und Luft. Und sie kann es hören, lauter als das Rascheln der zitternden Blätter, welche Seite durch ihren Sieg zum Verlierer wird." Das schrammt knapp am Ökokitsch von Maja Lundes Bienen-und-Wasser-Romanen vorbei.

Am unbegreiflichsten ist jedoch: Powers erzählt eine Aktivismus-Story von Gestern, von den Redwood-Naturschützern, die schon in den Achtzigern Bäume besetzten. Und die in seinem Heute nur noch privaten Zwist austragen. Diese Nostalgie wirkt bizarr angesichts der omnipräsenten Naturzerstörung in Nord- und Südamerika, vom RWE-Forst ganz zu schweigen.

Die Brutalität der Realität ist da um Baumlängen wirkungsvoller. Jede TV-Minute über den Irrsinn im Hambacher Wald reicht. Ein Menschenirrsinn, dass für ein vorgestriges Energiekonzept ein 12.000 Jahre alter Mischwald weichen soll. Ja, Powers' Geschichte bleibt, wenn der letzten Baum gerodet ist. Aber sie klingt schon jetzt wie ein Denkmal. Und das ist sicher das Übelste, was man den Wäldern dieser Welt gerade antun kann.

insgesamt 1 Beitrag
kumi-ori 06.10.2018
1. Hört sich gruselig an.
Die Vernichtung von vielen Quadratkilometern für Zwecke, von denen man jetzt schon weiß, dass sie nach der Rodung bereits überholt sein werden, nur weil es aus administrativen Gründen anders nicht möglich ist, die [...]
Die Vernichtung von vielen Quadratkilometern für Zwecke, von denen man jetzt schon weiß, dass sie nach der Rodung bereits überholt sein werden, nur weil es aus administrativen Gründen anders nicht möglich ist, die Subventionsströme zur eigenen Klientel zu lenken, ist natürlich ein Unding, und der brave Hauptkommissar, der mit dem Schlagstock durch den Wald läuft, um Baumhausbewohner zu verjagen, ist sicher ein passendes Symbolbild für die ausgehende Spätmenschzeit. Aber ich kann Erziehungsromane nun mal nicht ausstehen, auch wenn sie noch so gut gemeint sein mögen. Mein liebster Baumbewohner-Roman ist "Oryx and Crake" von Margaret Atwood.
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