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Kultur

Offener Brief von Autoren

Verlegerwechsel bei Rowohlt löst Unruhe aus

Florian Illies soll neuer Verleger bei Rowohlt werden. Doch über den Rauswurf seiner Vorgängerin Barbara Laugwitz schimpfte eine Nobelpreisträgerin, zürnte ein Starautor öffentlich. Nun folgt ein offener Brief.

Thorsten Wulff

Ex-Rowohlt-Verlegerin Barbara Laugwitz

Mittwoch, 12.09.2018   14:50 Uhr

In einem offenen Brief haben Autorinnen und Autoren des Rowohlt Verlags ihre Verwunderung und ihr Entsetzen über die Entlassung von Barbara Laugwitz als verlegerische Geschäftsführerin zum Ausdruck gebracht.

Das Schreiben richtet sich an Stefan von Holtzbrinck, den Konzerngeschäftsführer der Holtzbrinck Publishing Group, zu der Rowohlt gehört, sowie an den Chef der Holtzbrinck Buchverlage, Joerg Pfuhl.

Pfuhl hatte Ende August bekannt gegeben, dass Florian Illies zum neuen Jahr Rowohlt-Verleger werden soll. Ilies sei "ein seltener Glücksfall für Rowohlt", sagte er in einer Pressemitteilung. Für dessen Vorgängerin Laugwitz, die seit 2014 im Amt war, fand Pfuhl nur dürre Worte: Sie habe "in einem schwierigen Markt immer wieder große Erfolge bei Rowohlt verwirklicht. Ich bin für ihr unermüdliches Engagement sehr dankbar."

Zu den Gründen für den Wechsel an der Verlagsspitze äußerte sich Joerg Pfuhl so: "Unterschiedliche Vorstellungen über den weiteren Weg haben uns am Ende zu dem Schritt einer Veränderung in der verlegerischen Leitung bewogen." Der geschassten Verlegerin wurde Medienberichten zufolge eine Kontaktsperre zu den Autoren und Mitarbeitern des Verlags auferlegt.

Dies erbost die Unterzeichnenden des offenen Briefs besonders: "Die plötzliche Entlassung in Kombination mit der Unmöglichkeit, mit Frau Laugwitz in Kontakt zu treten, empfinden wir als unverständlich und unwürdig", heißt es in der Nachricht, die unter anderem von Katharina Adler, Lucy Fricke, Inger-Maria Mahlke, Thomas Melle, Eugen Ruge, Nis-Momme Stockmann, Margarete Stokowski und Heinz Strunk unterzeichnet wurde.

Zuvor hatte bereits Rowohlt-Starautor Daniel Kehlmann in seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Frank-Schirrmacher-Preises Barbara Laugwitz "für vier Jahre der souveränen und tatkräftigen Arbeit" gedankt - "ausdrücklich auch im Namen so unterschiedlicher Kollegen wie Martin Walser, Ildikó von Kürthy, Jonathan Franzen und Eckart von Hirschhausen". Dies sei "leider schon mehr Dank als die Holtzbrinck-Führung für ihre erfolgreichste Verlegerin erübrigen konnte".

"Wieder eine Frau rausgekippt wie Abfall"

In der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" legten am Wochenende dann weitere prominente Schriftsteller nach. Paul Auster nannte Laugwitz demnach eine der besten Verlegerinnen, mit denen er je gearbeitet habe. "Ihr Rausschmiss ergibt für mich keinen Sinn." Seine Ehefrau Siri Hustvedt, ebenfalls erfolgreiche Rowohlt-Autorin, wies darauf hin, dass es "sehr wenige Frauen in den oberen Etagen der Verlagswelt" gibt, "und ich muss die rätselhafte Entlassung einer Frau beklagen, die so brillant gearbeitet hat".

Mit scharfen Worten schlug die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in eine ähnliche Kerbe: "Jetzt ist schon wieder eine Frau rausgekippt worden wie Abfall", schrieb die Österreicherin. Laugwitz hatte ein Buch mit Jelinek-Theaterstücken ermöglicht. "Ich habe Frau Laugwitz nie kennengelernt, was ich sehr bedaure", so Jelinek weiter: "Wir teilen alle unser Schicksal, wir teilen es schwesterlich, denn wir sind alle nichts wert, und dann dürfen wir es wieder wegräumen, wenn es zu groß wird."

Keine einfachen Startbedingungen also für Florian Illies in dem Verlag, der seinen Sitz Ende des Jahres von Reinbek vor den Toren Hamburgs in die Innenstadt verlegt. Bei Holtzbrinck kennt man Illies gut, seit 2017 ist er einer der Herausgeber der Wochenzeitung " Die Zeit", die ebenfalls zur Verlagsgruppe Holtzbrinck gehört. Auch seine Bücher, zuletzt das enorm erfolgreiche Sachbuch "1913", erscheinen bei dem zum Holtzbrinck gehörenden Verlag S. Fischer.

Dem SPIEGEL sagte Illies: "Solange jeder Blogger davon träumt, dass seine Gedanken als Buch erscheinen, muss man vor der Zukunft keine Angst haben. Man muss das Buch nicht schützen, es ist vital und geheimnisvoll und unzerstörbar. Aber es muss seinen Platz behaupten, muss es schaffen, attraktiver zu sein als der Blick zum Handy, als Gegengift quasi. Ich will bei Rowohlt die Bücher verlegen, von denen die Menschen träumen."

feb

insgesamt 17 Beiträge
Knossos 12.09.2018
1. Intrinsische Methode
Das Zitat von Illies klingt ein wenig, als ob er meint, es sei zu lange aller mögliche Kladderadatsch als Buch herausgebracht worden. Das läßt sich beim Blick auf die Gesamtlage in Deutschland wohl auch kaum bestreiten. [...]
Das Zitat von Illies klingt ein wenig, als ob er meint, es sei zu lange aller mögliche Kladderadatsch als Buch herausgebracht worden. Das läßt sich beim Blick auf die Gesamtlage in Deutschland wohl auch kaum bestreiten. Allerdings frage ich mich, ob und wie er das ändern will, während es in Deutschland (offenbar im Gegensatz zu Frankreich, wo literarische und inhaltliche Qualität immer noch gute Chancen hat, Beachtung zu finden) üblich geworden ist, daß Manuskripte unbekannter Autoren ausschließlich über Insider-Kanäle in Lektorenhände gelangen. (Also im Grunde gar nicht mehr, es sein denn zugleich begabte Autoren haben es hie & da geschafft einen Insider aufzustöbern und zu bezirzen.) Wird Illies den Hausmeister anweisen, unaufgeforderte Skripte nicht mehr unbesehen in den Reißwolf zu schieben und einen Weg finden, Berge aus Tagträumender Hand nach Talenten zu durchforsten? Wenn er auf Qualität aus ist, fragt er ja vielleicht bei den Franzosen nach, wie die sich organisieren. Mit der aktuellen Vetternwirtschaft in Kunst und Literatur Deutschlands jedenfalls ist auch ihm kein Edelweiß beschieden.
hsc71@gmx.de 12.09.2018
2. Für wen halten die sich?
Ich glaube kaum, dass die Schreiberlinge die fachliche Qualifikation haben die betriebswirtschaftlichen Kennzahlen des Verlages auswerten zu können. Auch werden sie wohl kaum Ahnung von der strategischen Ausrichtung eines [...]
Ich glaube kaum, dass die Schreiberlinge die fachliche Qualifikation haben die betriebswirtschaftlichen Kennzahlen des Verlages auswerten zu können. Auch werden sie wohl kaum Ahnung von der strategischen Ausrichtung eines Unternehmens haben.
Alexis_Saint-Craque 12.09.2018
3. Oh, wenn es das nur wäre
"Ich will bei Rowohlt die Bücher verlegen, von denen die Menschen träumen." Nun ja, dies hätte man jedem Juniortexter als Binse ohne jeglichen Esprit um die Ohren geschlagen. Ich verstehe, dass die Damen und Herren [...]
"Ich will bei Rowohlt die Bücher verlegen, von denen die Menschen träumen." Nun ja, dies hätte man jedem Juniortexter als Binse ohne jeglichen Esprit um die Ohren geschlagen. Ich verstehe, dass die Damen und Herren der einfachen und hohen Literatur sich mit Grausen abwenden. Es ist unterhalb dessen, wovon Werbeleut berufsbdedingt schwadronieren. Es ist praktisch ohne Worte. Oh, wenn es das nur wäre.
Alexis_Saint-Craque 12.09.2018
4. Für wen halten Sie sich?
Das müssen sie auch nicht. Ohne die Schreiberlinge hätte der Verlag keine Betriebswirtschaft und wäre auch kein Unternehmen.
Zitat von hsc71@gmx.deIch glaube kaum, dass die Schreiberlinge die fachliche Qualifikation haben die betriebswirtschaftlichen Kennzahlen des Verlages auswerten zu können. Auch werden sie wohl kaum Ahnung von der strategischen Ausrichtung eines Unternehmens haben.
Das müssen sie auch nicht. Ohne die Schreiberlinge hätte der Verlag keine Betriebswirtschaft und wäre auch kein Unternehmen.
klogschieter 12.09.2018
5. Offenbarungseid
Einen solchen leistet der neue Verleger mit seinem zuckersüßen und schon deswegen recht widerlichen Satz "Ich will die Bücher verlegen, von denen die Menschen träumen." Wer sich mal in einem der großen [...]
Einen solchen leistet der neue Verleger mit seinem zuckersüßen und schon deswegen recht widerlichen Satz "Ich will die Bücher verlegen, von denen die Menschen träumen." Wer sich mal in einem der großen Lesediscounter wie beispielsweise Hugendubel herumgetrieben hat, kann sich recht gut vorstellen, welche Bücher es sind, "von denen die Menschen träumen", diese bunten Klötze stehen und liegen da nämlich zu Tausenden herum. Schon der Ansatz ist vollkommen falsch: Literatur ist nicht oder sollte wenigstens nicht sein eine Dienstleistung, sondern eine verdammte Kunstform. Schriftstellerinnen und Schriftsteller schreiben, weil sie Literatur respektive Kunst erschaffen wollen. Das Resultat stellen sie zur Wahrnehmung durch andere. Sie schreiben nicht, um einen vordefinierten Auftrag zu erfüllen oder eine Erwartungshaltung zu bedienen, nämlich das zu produzieren, wovon "die Menschen träumen". Wer das tut, ist verflixtnochmal kein Schriftsteller, sondern ein Schmierant, so technisch ausgefuchst seine Schmierereien auch sein mögen.

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