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Kultur

Wondratscheks starkes Spätwerk

Erinnerungen, wie Patiencen ausgelegt

Lange inszenierte sich Wolf Wondratschek als exzentrischer Prosa-Pistolero. Nun wird er 75 - und überrascht mit einem Künstlerroman nach Art eines Testaments: "Selbstbild mit russischem Klavier".

Getty Images

Pianist (Symbolbild)

Von
Freitag, 10.08.2018   17:01 Uhr

"Schreiben ist nichts für Leute, die Angst haben! Zum Beispiel vor der Einsamkeit. Oder davor, einstecken zu müssen für ihre Ansichten. Eins auf die Fresse zu bekommen. Ich für meinen Teil setze trotzdem oder vielleicht gerade deswegen aufs Einzelgängertum. Denn der Einzelgänger ist einer, der das totale Empfinden sucht."

Überlegungen zum eigenen Berufsbild, die der deutsche Schriftsteller Wolf Wondratschek im Rahmen einer Vortragsreise äußerte, die ihn 1977 durch verschiedene amerikanische Städte führte - und die er wohl heute noch, 40 Jahre später, da oder dort leicht modifiziert, so unterschreiben würde.

"Wenn Sie mich am Telefon fragen würden, was ist los mit der Literatur in Deutschland, würde ich antworten: nicht viel, eher langweilig. Und es wäre nicht mal gelogen!"

imago/ United Archives

Wolf Wondratschek, 1986

Noch so ein Beispiel aus Wondratscheks gern und im Laufe seiner nunmehr ein halbes Jahrhundert währenden Schriftstellerei lustvoll bedienten Rubrik: "Attacke". Passend dazu finden sich in seiner 1987 erschienenen Reportage-und Story-Sammlung "Menschen, Orte, Fäuste" Fotografien, die den Box-Fan gemeinsam mit den ehemaligen Weltmeistern Max Schmeling, Rocky Graziano und Pinklon Thomas zeigen.

Denn schon immer suchte dieser Empfindungskünstler die Nähe zu den Größten - im Boxen wie im Schreiben. Seine Götter heißen bis heute Malcolm Lowry, Henry Miller und Muhammad Ali - und für sein eigenes Schreiben gilt unverändert: keine Tricks, kein Firlefanz und höchstes Risiko. Alles auf Rot. Sieg oder Niederlage! Kein Dahindümpeln im lauen Bad der Sätze!

Sein erster längerer Prosaband "Früher begann der Tag mit einer Schusswunde" erschien 1969. Es folgten die Gedichtbände "Männer und Frauen" und "Das leise Lachen am Ohr eines anderen" - im Anschluss daran Romane, Hörspiele, Songtexte und viel beachtete Box-Reportagen für die großen deutschen Boulevardblätter jener Jahre.

Wondratschek, 1943 in Rudolstadt geboren, war angesagt - und kultivierte jahrzehntelang das Bild vom elitären Münchner Dachstubendichter, der mit seinen Sätzen den Damen Löcher in die Herzen brennt, niemals schläft - und seine Sätze mit Vorliebe aus der Hüfte abfeuert.

Bis den Münchner Pop-Rimbaud Mitte der Neunzigerjahre der Überdruss am bis zum Geht-nicht-mehr reproduzierten Selbstbild packte und er 1998 nach Wien übersiedelte. Dort stellte sich das ein, was er heute im Rückblick "Die Große Beruhigung" nennt: ein Rollen- und Standortwechsel, der ihm neue schreiberische Möglichkeiten eröffnete. Es erschienen die Erzählbände "die große Beleidigung" und "Saint Tropez", gefolgt von der Satire "Mozarts Friseur" und dem Lyrik-Zyklus "Tabori in Fuschl". Und nun, pünktlich zu seinem 75. Geburtstag, das: ein betörendes, altersluzides Spätwerk.

imago/ Ulli Winkler

Wolf Wondratschek, 2015

Elegische Offenbarungslust

"Selbstbild mit russischem Klavier" erzählt die Geschichte zweier Männer in vorgerücktem Alter - der eine Schriftsteller, der andere ein ehemaliger russischer Pianist namens Suvorin. Beide sitzen in einem Wiener Kaffeehaus, reden miteinander und legen ihre Erinnerungen voreinander aus, wie zwei betagte Witwen ihre Patiencen. Ein Wort gibt das andere - und Suvorin beichtet dem Schriftsteller sein Leben.

Er berichtet vom Unfalltod seiner Frau - der Liebe seines Lebens - oder vom letzten Sehnsuchtsort: San Remo. Und weshalb er am Ende nur noch spielen konnte, wenn das Applaudieren verboten war. Suvorin spielt dem Schriftsteller ein letztes wehmütiges Adagio - und wir Leser sind hingerissen von so viel elegischer Offenbarungslust.

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Wolf Wondratschek:
Selbstbild mit russischem Klavier

Ullstein, 272 Seiten, 22 Euro

"Selbstbild mit russischem Klavier" beschwört noch einmal auf mitreißende Weise die Legende vom gefallenen Künstler, den nach der Liebe auch die Inspiration verlassen hat. Und man fragt sich: Müssen wir Suvorins Befassen mit allem und jedem für einen Akt der Verzweiflung halten?

Die Antwortet lautet: Aber nein! Es ist ein letztes, wehmütiges Haschen mit Worten nach dem Vergangenen - der Versuch, den Strom der Zeit noch einmal anzuhalten. Und unverändert gilt dabei, was Wondratschek für sich einmal so formulierte: "Literatur spricht aus, was Scham geheim hält. Und die Kunst ist nichts anderes als eine bedingungslose Lebensanstrengung. Es ist ein harter Job, bei Verstand zu bleiben. Welch eine Stärke braucht es, die Seele zu retten?"

Nun, mit 75, hat der Wolf es noch einmal allen gezeigt: mit einem Künstlerroman nach Art des Testaments. Einem Buch, um dessentwillen dieser Autor möglicherweise seit nunmehr 50 Jahren schreibt und schreibt.

insgesamt 2 Beiträge
herwescher 10.08.2018
1. Was die Deutschlehrer empfehlen ...
Da ist Wolf Wondratschek ein Geheimtipp ... Eher für höhere Klassen zu empfehlen ... Früher war mal Böll der Knüller, musste jeder in der Schule lesen. Nachkriegsweinerlichkeit schlechthin. Natürlich Grass. Bei Böll [...]
Da ist Wolf Wondratschek ein Geheimtipp ... Eher für höhere Klassen zu empfehlen ... Früher war mal Böll der Knüller, musste jeder in der Schule lesen. Nachkriegsweinerlichkeit schlechthin. Natürlich Grass. Bei Böll war man irgendwann die aufdringliche Nachkriegsattitüde leid. Blieb noch Grass als Proponent des guten Deutschlands, der sich für die SPD und damit das Gute in Deutschland engagierte. Und für den besseren deutschen Staat, die DDR. Seine SS-Vergangenheit kratzte dann stark am Image ... Die Hoffnung war eigentlich Peter Handke. Genial, brilliant ... Und dann musste er Verständnis für Serbien zeigen ... Das war in der Vor-Trump-Ära das Verbrechen schlechthin. Seitdem hat man von deutschen Schriftstellern eigentlich nichts mehr gehört ...
Proserpin de Grace 12.08.2018
2. Verbaucht
Elegien auf Abgelebtes. Ich weiß nicht. Gibt es auch eine Lust an Verbrauchtem? Wie unvergleichlich dagegen die künstlerische Energie von Éclairs sur l’Au-Delà. Man muss eben können, was man will: weit, weit, weit über sich [...]
Elegien auf Abgelebtes. Ich weiß nicht. Gibt es auch eine Lust an Verbrauchtem? Wie unvergleichlich dagegen die künstlerische Energie von Éclairs sur l’Au-Delà. Man muss eben können, was man will: weit, weit, weit über sich hinausragen. Das ist der Acker des Spätwerks. Danach ist Ruh. Das ist ganz offensichtlich nicht das, was gewollt ist.
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